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Barack Obama: Hope - das war einmal

Vor einem Jahr hat Barack Obama mit dem Versprechen vom Wandel die Wahl gewonnen - doch inzwischen ist die Enttäuschung groß. Der Präsident ist zur Projektionsfläche von Hoffnung und Hass geworden. Von Dietmar Ostermann

Der US-Präsident Barack Obama ist zur Projektionsfläche für Hoffnung und Hass geworden: Freunde und Feinde porträtieren ihn unterschiedlich.
Der US-Präsident Barack Obama ist zur Projektionsfläche für Hoffnung und Hass geworden: Freunde und Feinde porträtieren ihn unterschiedlich.
Foto: dpa/rtr/Larouch/FR-Montage

Waynesboro. Auch heute ist Freddie Clark wieder pünktlich im Werk, wie immer seit neun Jahren. Jetzt aber scheint ihm die Kraft zu fehlen für die letzten Meter vom Parkplatz zum Drehkreuz. Die Schicht beginnt in ein paar Minuten. Doch Freddie stiert nur vor sich hin, mag die rotgeränderten Augen kaum vom Boden heben, nicht die Beine im schmierigen Blaumann, die bleischweren Arme. Er sitzt in seinem Auto und erzählt von jenem Morgen, als sie erfuhren, dass hier bald Schluss ist. Am 18. Dezember, eine Woche vor Weihnachten, ist Freddies letzter Arbeitstag im Teppichwerk von Mohawk Industries in Waynesboro, einer kleinen Industriestadt in Virginia, im Shenandoah-Tal in den Appalachen.

"Wir wussten ja, dass etwas kommt", zuckt er resigniert mit den Schultern. Seit Amerikas großer Häuserboom vor zwei Jahren krachend zu Ende ging, sind auch Teppiche Ladenhüter. Alle paar Monate rollte eine neue Entlassungswelle. Freddie wurde vom Vorarbeiter zurückgestuft, weil es niemanden mehr gab, den er anleiten konnte. 600 Arbeiter fertigten hier mal aus Kunstfasern gummiartige Teppichrücken, nur 120 sind noch da. Wenn das Werk im Dezember dicht macht, ist auch Freddie einer von rund acht Millionen, die in den USA in der großen Wirtschaftskrise ihren Job verloren haben. Und dann? "Keine Ahnung."


Foto: dpa/rtr/FR-Montage

Zu Hause sitzen die Frau und vier Kinder. Kredite für Auto und Haus müssen bezahlt werden, sonst landen sie auf der Straße. "Das ist meine Tochter", Freddie zieht ein zerknicktes Foto aus der Konsole. Ein blondes Mädchen strahlt wie ein Honigkuchenpferd. "Sie sagen, wir können uns im Werk in Glasgow bewerben, aber das ist 60 Meilen entfernt", sagt Freddie. Höchstens 30 Leute werden übernommen. In Waynesboro gibt es keine Jobs. Auch drüben hinter den Gleisen, im Chemiewerk bei Envista, haben sie Hunderte entlassen. Findet er nichts, muss Freddie zum ersten Mal von staatlicher Hilfe leben. Wenn einer wie er, 34 Jahre jung, kräftig und stolz, immer gearbeitet zu haben, seit er 14 war, resigniert, ist das ein düsteres Zeichen. Er hat sich damit abgefunden, wohl bald von 200 Dollar Stütze pro Woche zu leben. Nach einem halben Jahr wäre auch damit Schluss.

"Boom" und "Bust", den ewigen Zyklus von Aufschwung und Krise, kennt Amerika. Man lebt aus dem Vollen, wenn es brummt, und klagt über den Absturz so wenig wie über einen Kater nach durchzechter Nacht. Diese Krise aber ist anders, nicht nur in Waynesboro. Seit zwei Jahren verschwinden nun schon jeden Monat immer neue Jobs. Im September stieg die Arbeitslosigkeit in den USA auf 9,8 Prozent, Rekord seit einem Vierteljahrhundert. In Waynesboro ist sie seit Februar zweistellig. In einem Land, in dem es kaum ein soziales Netz gibt, verbergen sich hinter der kalten Statistik Abstürze. Selbst wenn Washington jetzt erstmals wieder ein Wirtschaftswachstum meldet, bleiben die Prognosen für den Arbeitsmarkt düster.

Das drückt die Stimmung, und es macht wütend. "Es wird einfach nicht besser", klagt Freddie Clark. "Obama ist ein Greenhorn", schimpft ein Kollege, der sich nur Red nennt, wegen der spärlichen roten Haare: "Ich hatte gehofft, es ändert sich etwas, aber wo ist all das Geld der Regierung hin? Die Banker gehen mit Millionen in Rente, wir sehen davon nichts."

Im Rathaus zählt Tim Williams, der bullige Bürgermeister von Waynesboro, auf, worauf man hier gehofft hatte: Geld für neue Straßen, die Renovierung des Theaters, ein Tourismusbüro, um Urlauber aus dem nahen Shenandoah Nationalpark anzulocken. Eine stattliche Liste an Projekten hatte die Stadt eingereicht, auf Fördergelder aus dem gewaltigen Konjunkturpaket der Obama-Regierung gehofft. Jetzt aber schimpft der Bürgermeister nur über die astronomischen Schulden, die in Washington für das Stimuluspaket gemacht werden. Denn außer neuen Computern für Schulen ist von dem Geld in Waynesboro wenig angekommen. Die Kanalisation hatte die Gemeinde vor zwei Jahren auf eigene Rechnung repariert. Jetzt klafft in der Stadtkasse ein Millionenloch, wird selbst bei Polizeiuniformen gespart.

Den Wandel, von dem Barack Obama immer sprach, hatte sich auch Christa Gale anders vorgestellt. Für die Frau mit dem strähnigen Zopf unter der knallorangen Arbeitskappe ist im Dezember ebenfalls Schluss in der Teppichfabrik Schluss - nach 34 Jahren. Dem Präsidenten, sagt Christa Gale, gehe es wie allen in Washington nur um sich: "Wenn er den Menschen helfen wollte, würde er das tun. Uns hilft niemand." Dass Obama die Krise geerbt hat, dass er erst seit neun Monaten im Weißen Haus regiert, all das interessiert sie nicht. Geduld ist etwas, das Christa Gale sich nicht leisten kann. Geschieht kein Wunder, ist sie Weihnachten arbeitslos. Dann wird sie auch ihre Krankenversicherung verlieren, denn Prämien von 600 Dollar pro Monat, die sie ab Januar allein tragen müsste, sind nicht drin. "Die Mittelklasse", sagt sie bitter, "verschwindet in diesem Land. Bald gibt es nur Millionäre, denen die Regierung das Geld zusteckt, und alle anderen sind arm."

In Waynesboro liegen die guten Zeiten lange zurück. 1959 wurde hier in einem Forschungsinstitut des Chemieriesen DuPont Spandex entwickelt, jenes dehnbare Kunstgarn aus Polyurethan, das hautenge Hosen möglich machte. Damals hat die kleine Stadt in den Appalachen die Textilindustrie revolutioniert.

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Autor:  Dietmar Ostermann
Datum:  2 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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