Die SPD-geführten Bundesländer sind fest entschlossen, am Freitag die Hartz-IV-Reform im Bundesrat scheitern zu lassen. „Wir werden dem, was die Koalition da zusammenzimmert, nicht zustimmen“, sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) am Mittwoch. Es solle sich niemand „Illusionen machen, dass jemand von SPD-Seite herauszukaufen wäre“.
Derartige Illusionen macht sich die Bundesregierung aber offenbar kaum noch. Am Abend erklärte Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU), er rechne nicht mit einer Mehrheit im Bundesrat. Als Ausweg aus dem Dilemma bleibt der Regierung die Möglichkeit einer neuen Vermittlungsrunde. „Dann werden wir eben in den Tagen danach erneut mit der SPD reden“, sagte der Fraktionschef. Die Koalition wolle den Bürgern zeigen, „dass wir handeln wollen“.
SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte: „Wir sind weiter gesprächsbereit.“ Er glaube aber nicht, dass Kanzlerin Merkel daran derzeit ein Interesse habe.
„Frau Merkel ist eine eiskalte Machtpolitikerin. Ihr geht es nicht um die Kinder und auch nicht um die Betroffenen. Ihr geht es darum, Ruhe in der Koalition zu haben.“
„Alles in allem: seitens der Koalition mutwillig unsoziale Angebote und keine Bewegung. Wir machen unsoziale Dinge, die verfassungsrechtlich zielstrebig nach Karlsruhe führen, nicht mit.“
„Wir haben gestern Nacht erlebt, dass CDU und FDP vollständig blockieren. Sie haben das Wesen des Vermittlungsverfahrens nicht verstanden, nämlich, dass man, wenn man im Bundesrat keine Mehrheit hat, Kompromissvorschläge auf den Tisch legen muss.“
„Das war Nachtschattenboxen auf hohem Niveau.“
„Die Hartz IV-Koalition von CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne lässt Millionen Langzeitarbeitslose und ihre Familien aus rein parteiegoistischen Interessen im Verfassungsvakuum hängen.“
„Wir stellen unser Angebotspaket im Vermittlungsausschuss und im Bundesrat zur Abstimmung. Die SPD sollte in sich gehen und zugreifen.“
„Wer mit immer neuen milliardenschweren und sachfremden Forderungen die Verhandlungen torpediert, hat nie wirklich eine Einigung gewollt, sondern missbraucht das Vermittlungsverfahren. Diese beschämende Parteitaktik geht vor allem auf das Konto des SPD-Vorsitzenden Gabriel.“
„Für jede Woche, die die Betreffenden das Geld nicht bekommen und die Kinder das Bildungspaket nicht in Anspruch nehmen können, trägt die SPD und tragen Bündnis 90/Die Grünen die Verantwortung.“
„Ich schließe nicht aus, dass im Bundesrat der ein oder andere Ministerpräsident der SPD-Seite angesichts der wirklich umfangreichen Zugeständnisse der Koalition doch noch zustimmt.“
„Bei den Angeboten, die wir gemacht haben, ist das wirklich so interessant auch für die Kommunen, auch für die Länder, dass ich da erst einmal abwarten würde, was tatsächlich im Bundesrat passiert. Weil viele Länder nämlich sehr genau sehen, dass die Koalition hier ein wirklich weitreichendes Angebot gemacht hat.“
„Die Länder müssen entscheiden, ob sie tatsächlich konkrete zusätzliche Förderungen für Kinder und Milliarden für die klammen Kommunen ablehnen können.“
„Jetzt ist der Tag der Entscheidung dann auch gekommen.“
„Das ist ein Armutszeugnis für die Politik. Für die Hartz-IV-Empfänger muss der Eindruck entstehen, dass es bei den Verhandlungen weniger um die Verbesserung ihrer Lebenssituation, sondern eher um Positionskämpfe der Parteien geht.“
„Es ist ein Skandal, dass ein Jahr nach dem Urteilsspruch der Karlsruher Richter noch immer keine verfassungsgemäße Hartz IV-Neuregelung in Kraft ist.“
„Es ist mehr als enttäuschend, dass genau ein Jahr nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts noch immer keine Lösung zur Umsetzung des Urteils erzielt worden ist.“
(zusammengestellt von dapd)
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Nach siebenwöchigen Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition war das Vermittlungsverfahren zur Hartz-IV-Reform in der Nacht zum Mittwoch gescheitert. Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld. Während Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) der Opposition vorwarf, das Verfahren durch immer neue Forderungen überfrachtet zu haben, kritisierte SPD-Verhandlungsführerin Manuela Schwesig, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe „als eiskalte Machtpolitikerin“ die Gespräche absichtlich gegen die Wand fahren lassen.
Das überarbeitete Gesetzespaket sieht eine Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes um fünf auf 364 Euro vor. Den klammen Städten und Gemeinden wird bis 2015 eine Entlastung um zwölf Milliarden Euro in Aussicht gestellt: Dazu will der Bund die Kosten der Grundsicherung für arme Rentner übernehmen. Das Paket wird am Freitag in den Bundesrat eingebracht. Dort fehlt CDU/CSU und FDP aber eine Stimme zur erforderlichen absoluten Mehrheit von 35 Stimmen. „Der Opposition muss klar sein, dass ein solches Angebot so schnell nicht wiederkommt“, lockte FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger. Auch die Bundeskanzlerin warb weiter um Zustimmung. Jeder einzelne Ministerpräsident sei aufgefordert, seine persönliche Entscheidung im Bundesrat zu treffen.
Als mögliche Wackelkandidaten, die am Ende doch zustimmen könnten, gelten das schwarz-grün-gelb regierte Saarland sowie Sachsen-Anhalt und Thüringen, wo die SPD jeweils Juniorpartner einer großen Koalition ist. Eine Sprecherin der Saar-Grünen erklärte jedoch, es gebe „keine Veranlassung“, dem Gesetz zuzustimmen. Auch Sachsen-Anhalts Vize-Ministerpräsident Jens Bullerjahn (SPD) sagte, sein Land werde die Pläne im Bundesrat nicht unterstützen. Thüringen wird sich voraussichtlich ebenfalls enthalten.
Scheitert die Koalition am Freitag abermals in der Länderkammer, droht eine längere Hängepartie. Schließlich stehen in den kommenden Wochen Landtagswahlen in Hamburg, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg an. Damit wäre das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 9. Februar 2010, das eine Neuberechnung der Hartz-Sätze verlangt hatte, immer noch nicht umgesetzt.
Da sich die Bundesregierung weigere, ein verfassungskonformes Gesetz vorzulegen, seien jetzt die Gerichte gefordert, erklärte der Paritätische Wohlfahrtsverband und rief zu Klagen auf. Hingegen beteuerte die Bundesagentur für Arbeit, es sei unnötig, jetzt gegen Bescheide der Jobcenter Widerspruch einzulegen. (mit afp)
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