München. Die Zeichen standen seit Wochen ganz klar auf Abstieg. Doch daraus wurde ein Absturz, wie ihn die CSU in ihren schlimmsten Alpträumen nicht befürchtet hatte. Die anvisierte 50-Prozent-Marke liegt jedenfalls zahlreiche Höhenmeter über dem Punkt, an dem die Schwarzen in Bayern bei dieser Landtagswahl auf den Boden der neuen Tatsachen aufschlugen. Wie erwartet, konnte die SPD von dieser Niederlage nicht profitieren. Die Freien Wähler und die FDP hingegen setzen den bei der Kommunalwahl begonnenen Höhenflug fort und landeten klar im Maximilianeum.
Gabriele Weishäupl, Leiterin des Münchner Oktoberfests, hatte schon mal vorgesorgt, damit - egal wie diese Wahl auch ausgehen möge - auf der Wiesn unbeschwert weiter gefeiert werden kann. Ihre Ansage in einem Brief an die Wirte war unmissverständlich: Das Oktoberfest bleibt wahlkampffreie Zone. Wer auf der Bierbank mit Durchsagen von Ergebnissen rechnete, wartete vergeblich. Weishäupl mag sich gedacht haben: Besser der Wiesngast belastet sich nicht mit dem Ausgang der Wahl. Denn die Oktoberfest-Chefin befürchtete, parteipolitische Diskussionen gepaart mit Bierkonsum könnte zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen.
So ganz hatte es das Spitzenpersonal der Parteien auf der Wiesn doch nicht lassen können, wenigstens mit Anspielungen klar zum Ausdruck zu bringen, dass Bayern auch außerhalb des Oktoberfests derzeit bemerkenswerte Zeiten durchlebt. Dass eine seit Monaten deutlich schwächelnde CSU trotz aller Kraftanstrengungen ihres Führungsduos einen vor fünf Jahren noch nicht einmal ansatzweise zu erahnenden Absturz befürchtete und dass die Opposition erstmals nach mehr als 40 Jahren Hoffnung schöpfte, an den politischen Verhältnissen im Freistaat könnte sich etwas ändern. Als beim traditionellen Anzapfritual der Münchner SPD-Oberbürgermeisters Christian Ude Ministerpräsident Beckstein die erste Maß überreichte, lästerte er: "Er hat gesagt, es sei ein einmaliges Erlebnis - vielleicht hat er damit wortwörtlich Recht."
Hätte ein SPD-Mann so etwas vor ein paar Jahren geäußert, man hätte ihn für verrückt erklärt. Schließlich galt die CSU im Land als unbesiegbar. Die Christsozialen konnten in den Stimmkreisen aufstellen, wen sie wollten, er wurde gewählt. Sogar einen Besenstil, wenn sie ihn nur schwarz angestrichen haben, hieß es gleichsam bewundernd wie genervt bei den anderen Parteien. Diese Zeiten sind vorbei. Und sie sind es nicht erst dadurch, dass mit Günther Beckstein und Erwin Huber zwei Männer an der Spitze der CSU rückten, denen das Wahlvolk nicht mehr huldigt, wie es das einst bei Edmund Stoiber und bei Franz Josef Strauß getan hat.
Der Abstieg der siegesgewohnten Schwarzen im Freistaat hatte schon in dem Moment begonnen, als Stoiber vor fünf Jahren jenes bemerkenswerte Ergebnis von 60,7 Prozent einfuhr und die CSU mit 124 Abgeordneten im Bayerischen Landtag fortan eine Übermacht von zwei Drittel darstellte. Die Arroganz der Regierenden wurde deutlicher als je zuvor; die Entscheidungen der Mächtigen - von der überstürzten Einführung des achtjährigen Gymnasiums bis hin zum rigiden Sparkurs und der Durchsetzung des Rauchverbots und schließlich noch der Rückzug Stoibers aus Berlin - verärgerten zunehmend die Menschen im Freistaat. Auch diejenigen, die der CSU seit Jahrzehnten die Treue gehalten hatten und bislang niemals auf die Idee gekommen wären, ihre Kreuzerl anderswo zu machen.
Mit Huber und Beckstein waren nach dem Sturz von Stoiber zwei Politiker nach oben gerückt, die demütig versprachen, wieder auf die Menschen zu hören. Was zunächst wie Balsam auf die Seelen der Bayern wirkte und nach dem endgültigen Abtritt Stoibers im vergangenen September gute Umfragewerte bescherte, entpuppte sich mehr und mehr ungeeignet, die Symbiose zwischen Land und Partei aufrecht zu erhalten. Zunehmend verbreitete sich die Ahnung, dass die beiden einstigen Vasallen Stoibers nicht das Format haben, um als stolze Anführer der Bayern die Erfolgsgeschichte der CSU fortzuschreiben.
Das Land hatte sich zudem durch die Entwicklung vom armen Agrarland hin zum wirtschaftlich starken Hightech-Standort so weit emanzipiert, dass auch die Menschen außerhalb der großen Städte nicht mehr uneingeschränkt daran glaubten, nur unter der Obhut der CSU könne das Land gedeihen. Vielmehr macht sich eine dem Bayern eigene anarchische Lust gepaart mit dem viel zitierten Grant breit. "Jetzt zeigen wir es denen da oben aber mal" ist an den Stammtischen genauso zu hören wie: " Denen gehört mal ein ordentlicher Denkzettel."
Und so kam es, dass die Regierenden eines Landes, das in vielen Bereichen so gut dasteht, dass sich andere noch immer ein Beispiel an ihm nehmen, die größte Niederlage in ihrer Geschichte hinnehmen müssen.
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