Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

14. Oktober 2010

BDI-Chef Keitel: „Wir brauchen Zuwanderung“

Auch die Anerkennung von ausländischen Zeugnissen muss erleichtert werden, sagt der BDI-Chef.  Foto: Werner Schuering

BDI-Chef Keitel fordert einen Mentalitätswechsel: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Ein FR-Gespräch über Lohnsteigerungen, latentes Misstrauen in der Wirtschaft und ausländische Fachkräfte.

Drucken per Mail
Zur Person

Hans-Peter Keitel, 63, ist seit 2009 Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI). Der studierte Bauingenieur war zuvor jahrzehntelang als angestellter Manager tätig.
In leitender Funktion war Keitel zunächst bei dem technischen Beratungsunternehmen Lahmeyer International aktiv. 1988 ging Keitel zu Hochtief und stand seit 1992 an der Spitze des Baukonzerns. 2007 wechselte er in den Aufsichtsrat.
Im FR-Interview sagt Keitel, dass bei Großprojekten wie Stuttgart 21 „begründete Skepsis nicht in eine Phobie ausarten“ dürfe. FR

Deutschland feiert seinen Aufschwung. Ist die deutsche Wirtschaft über den Berg?

Nein, über den Berg ist Deutschland nicht. Wir haben einen beachtlichen Aufschwung. Aber wir kommen erst aus dem Tal heraus und wieder dort hin, wo wir 2008 waren. Ich rate, die Euphorie nicht zu übertreiben.

Nun wollen die Arbeitnehmer beteiligt werden. Auch die Kanzlerin und der FDP-Wirtschaftsminister sprechen sich für kräftigere Lohnsteigerungen aus. Wann, wenn nicht jetzt?

Klar laufen Tarifverhandlungen heute anders als vor einem Jahr. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Folgen der Krise nicht abgearbeitet sind. Wir dürfen jetzt nicht überziehen. Uns haben die Vernunft und das Augenmaß in der Tarifpolitik sehr geholfen beim Weg aus der Krise. Das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.

Das deutsche Exportmodell stößt international auf viel Kritik. Wie kann die Binnenwirtschaft ins Laufen kommen?

Derzeit tragen auch der Konsum und die Investitionen im Inland die Erholung. Aber die Wirtschaft kann nur mehr investieren, wenn sie auch die Gelegenheit dazu bekommt. Es gibt zu viele Hindernisse in Deutschland. Beispiel Genehmigungsverfahren: Damit eine Firma beispielsweise in Verkehrsprojekte investieren kann, muss man sie auch lassen.

Sie haben den Widerstand gegen Stuttgart 21 als Symbol für den Widerstand gegen jeden technischen Fortschritt beklagt. Ist das nicht überhöht?

Wenn es ein Einzelfall wäre, könnte man das so sehen. Aber massiver Widerstand ist eher die Regel als die Ausnahme. Wir haben mittlerweile überall in Deutschland Proteste und Widerstand, egal um welches Projekt geht.

Muss die Wirtschaft lernen, die Bürger besser einzubeziehen?

Es ist richtig und wichtig, Projekte den Bürgern kontinuierlich zu erklären. Manchmal müssen wir aber überlegen, ob das nicht zu viel und zu langwierig ist und es am Ende sogar mehr schadet als nützt. Wir haben im weltweiten Vergleich eine einmalige Beteiligung von Bürgern und Verbänden. Durch die starke Öffentlichkeitsbeteiligung haben wir aber Verfahrenslaufzeiten, die sich selbst überholen. Wenn die abgeschlossen sind, haben sich manchmal die Bedingungen grundlegend verändert, etwa durch technischen Fortschritt.

Ist der Widerstand in Deutschland größer als im Ausland?

Technik wird in Deutschland seit jeher hinterfragt – mehr als anderswo. Doch begründete Skepsis darf nicht in eine Phobie ausarten. Vielleicht sind die Deutschen da anfälliger. Die Krise hat viel Vertrauen gerade in die Finanzwirtschaft zerstört. Dieses latente Misstrauen durchzieht nun alle Bereiche der Wirtschaft. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht jeden Investor unter Generalverdacht stellen.

Die Bundesregierung hat ein Sparpaket vorgelegt, das Arbeitnehmer, Arbeitslose und die Wirtschaft gleichermaßen belasten sollte. Nun schrumpft der Anteil der Wirtschaft bei Ökosteuer, bei der Finanz- und den Energiesteuern. Ist das gerecht?

Die Luftverkehrsabgabe kommt in voller Höhe, genau wie die Kernbrennstoffsteuer. Dies sind schon zwei Elemente. Bei der Ökosteuer brauchen wir Korrekturen. Die Regierung darf und sollte den Missbrauch von Ausnahmegelungen stoppen, etwa wenn Unternehmen sich nur als energieintensiv deklarieren, um Ökosteuer zu sparen. Wir dürfen aber nicht Teile der Industrie, die internationalem Wettbewerb ausgesetzt sind, durch mutwillig erhöhte Energiekosten kaputt machen.

Bei der Ökosteuer hat die Kanzlerin ein Entgegenkommen zugesagt. Der Finanzminister braucht aber die Einnahmen zur Konsolidierung. Ist die Wirtschaft bereit, selbst für eine Kompensation zu sorgen?

Die Industrie ist der maßgebliche Treiber des Wachstums. Durch das höhere Wachstum wird der Staat in diesem Jahr mindestens 15 Milliarden Euro mehr einnehmen als prognostiziert. Das ist mehr wert als das gesamte Sparpaket. Unser Angebot an die Bundesregierung, in Ruhe über das Sparpaket zu sprechen, steht nach wie vor.

Themenwechsel. Die Industrie ist angewiesen auf ausländische Fachkräfte. Helfen Äußerungen wie die von CSU-Chef Seehofer zur Zuwanderung weiter?

Allein bei den Bauingenieuren haben wir einen natürlichen Schwund von mehreren tausend jährlich, weil mehr in Rente gehen als von der Hochschule nachkommen. Wir können die Bildung verbessern, die Abbrecherquoten senken. Wir können mehr ausländische Studenten nach dem Examen in Deutschland halten und die Anerkennung von ausländischen Zeugnissen erleichtern. Damit werden wir aber die Lücke nicht schließen. Wir brauchen qualifizierte Einwanderung.

Was heißt qualifiziert?

Ein Einwanderungsland kann Bedingungen stellen – an das Sprachvermögen und die Ausbildung. Es geht aber in erster Linie um einen Mentalitätswechsel. Wir müssen bereit sein zu akzeptieren, dass wir systematisch Zuwanderung nach Deutschland haben werden und brauchen.

Interview: S. Geyer und M. Sievers

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Pressekonferenz

Merkel singt weiter Schlaflieder

Von  |
Verteidigt weiter den Flüchtlingsdeal mit der Türkei: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Angela Merkel für die aktuellen Krisen verantwortlich zu machen, wäre falsch. Allerdings ist sie auch nicht in der Lage, ein Signal des Aufbruchs zu setzen. Der Leitartikel. Mehr...

Terrorangst

Vom Umgang mit der Angst

Von  |
Anspannung statt Angst: Viele Menschen hadern im Umgang mit den sich häufenden Anschlägen.

Die Sehnsucht nach einer Politik, die aufräumt, gleicht einer Übersprungshandlung in einer Situation, in der wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung