"Amerikaner, Amerikaner“, ruft uns ein kleiner Junge aus sicherer Entfernung hinterher. Es klingt nicht nett, sondern wie eine Beschimpfung. Über den grünen Hügeln rund um Abbottabad scheint die Mittagssonne, rötliche Libellen schweben über den Rasen des Gartenrestaurants. Sie sehen aus wie Miniatur-Hubschrauber.
Anderthalb Wochen ist es her, dass in dem idyllischen Bergstädtchen, nur 100 Kilometer von Islamabad entfernt, US-Elitesoldaten bei einer Kommando-Aktion Osama bin Laden töteten.
Sie kamen im Schutz der Nacht mit Helikoptern.
Noch immer ist die Stimmung seltsam angespannt. Das Hotel Alpine und das Hotel PC, die ersten Adressen am Platz, sind wie ausgestorben. Über Tage hatten aus- und inländische Journalisten das Anwesen von Bin Laden geradezu belagert, um die letzten Tage des meistgesuchten Mannes der Welt zu rekonstruieren. Doch am Vortag hätten sie die Stadt verlassen müssen – auf Anweisung der Behörden, erzählt der Rezeptionist. Der Kellner traut sich kaum, uns ein Mittagessen zu servieren. Immer wieder schaut er sich nervös um. Das Anwesen von Bin Laden hat die Polizei weiträumig abgesperrt. Pakistanische Zeitungen melden, dass das dreistöckige Gebäude in einem kleinen Villenvorort von Abbottabad möglichst bald abgerissen werden soll.
Militär und Geheimdienst sind kompromittiert
Pakistan möchte so schnell wie möglich mit dem leidigen Kapitel abschließen. Die Blamage hat das Land in eine tiefe Krise gestürzt. „Sei ein stolzer Pakistaner“, prangt auf kleinen grünen Schildern entlang den Straßen im Militärgebiet von Abbottabad. Doch ausgerechnet Pakistans Militär und sein Geheimdienst ISI sind kompromittiert. Der ISI will über Jahre nicht mitbekommen haben, dass sich Bin Laden samt drei Ehefrauen und vielen Kindern in Abbottabad verkrochen hatte.
Und das Militär soll sanft geschlummert haben, als das US-Kommando mitten in der Garnisonsstadt, nicht mal einen Kilometer von der besten Militärakademie des Landes entfernt, landete und Bin Laden erschoss. Nun macht sich das Volk in SMS über seine stolzen Krieger lustig: „Bitte nicht hupen – Militär schläft.“
Im Café „Coffity“ im ersten Stock des Einkaufszentrums gibt es echten Espresso und Blues-Musik. Am Nebentisch tuscheln aufgeregt zwei Frauen und ein Mann, immer wieder fällt das Wort „Osama“. Der Kellner stellt die Musik lauter, offenbar, damit wir nicht mithören können. OBL, wie ihn die Medien abkürzen, ist weiter das Thema Nummer eins in Pakistan. Die meisten Menschen in Abbottabad können schlicht nicht glauben, dass der „Terrorfürst“ über Jahre unentdeckt unter ihnen lebte. Pakistans Gesellschaft ist eng verwoben, jeder Fremde fällt hier auf.
Im fernen Europa oder Amerika mag man die US-Version von der Jagd auf Bin Laden und dem heldenhaften Zugriff schlucken. Doch in Südasien glaubt sie so gut wie niemand. Die ganze US-Geschichte sei löchrig wie ein Schweizer Käse, ärgert sich auch ein Niederländer, der seit Jahren in Islamabad arbeitet.
Thriller des Jahrzehnts
Die ganze Geschichte gerät zum Thriller des Jahrzehnts. Immer mehr Ungereimtheiten und Fragen tauchen auf. Doch die USA tun merkwürdig wenig, um sie aufzuklären. Bisweilen gewinnt man den Eindruck, dass Washington selbst nicht genau weiß, wie viele Hubschrauber und Elitesoldaten nun nach Abbottabad flogen. Mal ist von vier Maschinen die Rede, dann von zwei. Mal von 25 Navy Seals, dann von 79 und einem Hund.
Und warum ließen die US-Amerikaner die drei Witwen Bin Ladens zurück, obwohl diese wichtige Informationen hätten liefern können? Nun muss Washington in Islamabad um Zugang zu den Frauen betteln. Kein Wunder, dass nicht nur in Pakistan Gerüchte blühen, dass Bin Laden noch lebt. Bestärkt werden die Zweifel noch dadurch, dass US-Präsident Barack Obama kein Foto des Toten veröffentlichen will. Da hilft es wenig, dass US-Abgeordnete nun die Bilder sehen dürfen. Einer der Ersten, der republikanische Senator James Inhofe, sagte CNN, er habe 15 Bilder von Bin Ladens Leiche und der Seebestattung gesehen. Sie seien „ziemlich grausam“.
Der US-Regierung ist Medienberichten zufolge ein aufschlussreiches Notizbuch von Terroristenführer Osama bin Laden in die Hände gefallen. Das amerikanische Spezialkommando habe das Buch in der vergangenen Woche in seinem Unterschlupf in Abbottabad gefunden.
Mögliche Terrorziele sowie Angaben, wie Angriffe durchzuführen seien, sollen die handschriftlichen Ausführungen enthalten.
Aus dem Notizbuch stammen dem Bericht zufolge auch bereits bekanntgewordene Hinweise, dass die Terrororganisation zum zehnten Jahrestag der Attentate vom 11. September 2001 spektakuläre Anschläge etwa auf Züge in den USA plante. Bin Laden sei geradezu besessen von der Idee gewesen, einen Anschlag von der Größe des Angriffs auf das World Trade Center zu wiederholen, berichtet die Washington Post unter Bezug auf ihre Quellen.
Als Ziele nannte Bin Laden Städte wie Los Angeles oder kleinere Städte, die gleichzeitig attackiert werden sollten.
Zur Rekrutierung habe er seine Untergebenen angewiesen, Personen zu suchen, die „sich in den USA unterdrückt fühlen“, darunter auch Afroamerikaner und Latinos. (dpa/fr)
Doch vor allem der Ablauf der Kommando-Aktion selbst bleibt mysteriös: Wieso ließ sich der angeblich „gefährlichste Mann der Welt“ unbewaffnet in seinem Schlafzimmer abknallen, obwohl ihn der Lärm der US-Hubschrauber hätte alarmieren müssen? Wieso hatte er keine Waffen in der Hand? Warum gab es keinen Fluchtweg aus dem Haus, wenn es doch angeblich jahrelang sein Versteck war? Selbst viele Nachbarn waren von dem ganzen Lärm aus den Betten geschreckt und hatten das nächtliche Spektakel von ihren Terrassen und Dächern beobachtet.
Ihre Aussagen sind so verwirrend wie die der US-Offiziellen. Manche glauben, amerikanische Hubschrauber erkannt zu haben, andere pakistanische. Der 26-jährige Ahmed, der nahe beim Anwesen Bin Ladens wohnt, meint, pakistanische Soldaten gesehen zu haben – „keine Amerikaner“. Aber es war Nacht und dunkel.
Mehr noch: Wieso wurde nicht nur Bin Laden, sondern alle erwachsenen Männer des Hauses getötet – und zwar offenbar durch Kopfschüsse, obwohl bis auf einen alle unbewaffnet waren? Die USA bestreiten, dass die US-Kommandos den „Befehl zum Töten“ hatten. Doch die Fotos der Toten scheinen eine andere Sprache zu sprechen. Auf ihnen ist auch ein junger Mann zu sehen. Unter seinem Kopf hat sich eine große Blutlache gebildet. Es soll sich um den 22-jährigen Khaled, einen der Söhne Bin Ladens handeln. Er war noch ein Kind, als die Terroranschläge vom 11. September 2001 die Welt aus den Angeln hoben.
„Rein rechtlich müsste man von Mord sprechen, nicht von Tötung“, sagt ein europäischer Diplomat. „Die USA unterwandern so in Südasien ihre eigenen Ziele und Werte wie Menschenrechte, für die sie angeblich kämpfen.“ US-Justizminister Eric Holder verteidigte zwar die Aktion. „Es war kein Mord“, sagte er der britischen BBC. Wenn Bin Laden sich ergeben hätte, wäre eine Festnahme denkbar gewesen. Doch auch die Vereinten Nationen sind irritiert. Zwei ihrer Menschenrechtsexperten forderten die USA nun auf, mehr Details zu den Todesumständen der Männer zu liefern. Doch Washington scheint in Erklärungsnot – es bleibt bisher Antworten schuldig.
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