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06. September 2012

Behandlungsfehler: Ein Beißkeil im Dickdarm

 Von Timot Szent-Ivanyi
Die vergessene OP-Schere ist ein seltener Behandlungsfehler.  Foto: dapd

Fast 13.000 Verdachtsfälle von mutmaßlichem Ärztepfusch hat es im vergangenen Jahr gegeben. Zusätzlich gibt es eine hohe Dunkelziffer an unentdeckten Kunstfehlern.

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Fast 13.000 Verdachtsfälle von mutmaßlichem Ärztepfusch hat es im vergangenen Jahr gegeben. Zusätzlich gibt es eine hohe Dunkelziffer an unentdeckten Kunstfehlern.

Dem Mann ging es gar nicht gut. Nach einer Gallenblasenoperation wollte sich bei dem 67-Jährigen keine Besserung einstellen. Ständig klagte er über Bauchschmerzen. Doch weder Röntgenaufnahmen noch andere Untersuchungen ergaben einen klaren Befund. Dann verschlechterte sich der Zustand des Rentners dramatisch. Bei einer Not-OP wurde schließlich ein Riss im Dickdarm entdeckt. Auf der Suche nach der Ursache fanden die Ärzte im Bauchraum etwas, was dort nicht hingehört: Einen sogenannten Beißkeil. Er verhindert, dass Patienten auf den Beatmungsschlauch beißen. Offenbar hatte der Mann ihn bei der ersten Operation verschluckt – unbemerkt von den Ärzten.

Tausende Gutachter

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK), der die Behandlungsfehler-Studie erstellt hat, berät die gesetzlichen Kassen und die Pflegeversicherung. Der MDK erstellt Gutachten, wenn es um die Arbeitsunfähigkeit Erkrankter oder die Pflegestufe geht.

Bundesweit gibt es 15 regionale Medizinische Dienste. Für die MDK arbeiten Ende 2010 mehr als 7 400 Mitarbeiter, unter ihnen rund 2 000 Ärzte und fast 1 900 Pflegefachkräfte als Gutachter.

Das Ganze war jedoch kein Unfall. Der Mann ist vielmehr Opfer eines Kunstfehlers geworden. Denn das Fehlen des Beißkeils hätte nach dem Aufwachen des Patienten von den behandelnden Ärzten unbedingt bemerkt werden müssen. Fälle wie diesen hatten die Gutachter des Medizinischen Dienstes der gesetzlichen Krankenkassen (MDK) im vergangenen Jahr auf dem Tisch. Sie erstellen auf Antrag von Betroffenen kostenfrei ein medizinisches Gutachten, damit die Patienten Schadenersatzansprüche vor Gericht durchsetzen können.

Insgesamt 12.686 Fälle von mutmaßlichem Ärztepfusch hat der MDK 2011 begutachtet. Dabei sei bei 4 068 Patienten und damit nahezu in jedem dritten Fall tatsächlich ein Behandlungsfehler festgestellt worden, sagte der stellvertretende MDK-Geschäftsführer Stefan Gronemeyer am Mittwoch bei der Vorstellung der Bilanz. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass ein Behandlungsfehler nicht immer die Ursache für den vom Patienten geltend gemachten Schaden ist.

Ein Beispiel: Ein Kind kommt mit einem Hirnschaden zu Welt. Während der Geburt wurden nachweislich Behandlungsfehler gemacht. Doch die Untersuchung des Falles ergibt, dass das Kind schon im Mutterleib mit einem hirnschädigendem Virus infiziert wurde, der in der Schwangerschaft nicht zu erkennen war.

Der MDK stellte durch seine Gutachten fest, dass drei Viertel der ermittelten Behandlungsfehler tatsächlich für den erlittenen Schaden verantwortlich waren. Nur in diesen Fällen haben die Patienten eine Chance, Schadenersatz durchzusetzen. Die Chancen, mit Hilfe eines MDK-Gutachtens vor Gericht zu gewinnen, sind laut Gronemeyer sehr gut. In vier von fünf Fällen seien entsprechende Klagen erfolgreich gewesen, so der MDK-Vizechef.

Nicht alle Fälle bekannt

Ob die Zahl der Behandlungsfehler in den vergangenen Jahren zugenommen hat, lässt sich aus den aktuellen Daten nicht herauslesen. Zwar wenden sich von Jahr zu Jahr mehr Patienten mit der Bitte um eine Gutachten an den MDK. Das hat aber wohl vor allem damit zu tun, dass das Thema Ärztepfusch in der Öffentlichkeit mittlerweile viel stärker präsent ist als früher. Der Anteil der Fehler an den untersuchten Fällen ist laut MDK in den letzten Jahren in etwa konstant geblieben.

Hinzu kommt, dass auch der MDK nicht alle Fälle kennt. Viele Opfer von Ärztepfusch wenden sich an die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern. Auch sie können Patienten helfen, wenn diese einen Behandlungsfehler vermuten. Diese Stellen hatten 2011 rund 11.000 Beschwerden überprüft und kamen auf eine ähnliche Fehlerquote wie jetzt der MDK.

Experten gehen davon aus, dass pro Jahr insgesamt 40.000 Menschen Behandlungsfehler geltend machen. Viele Patienten wenden sich direkt an die Haftpflichtversicherungen oder ziehen gleich vor Gericht, ohne den MDK oder die Schlichtungsstellen in Anspruch zu nehmen. Zusätzlich gibt es eine hohe Dunkelziffer an unentdeckten Kunstfehlern. Denn die Wenigsten können unterscheiden, ob eine Komplikation unvermeidbar war oder auf Ärztepfusch zurückgeht.

Wie viele Patienten jährlich in Deutschland tatsächlich Opfer von Kunstfehlern werden, ist nach wie vor unklar. Die Deutsche Ärzteschaft mahnte allerdings, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Angesichts von 45 Millionen Behandlungen bei Hausärzten allein im ersten Quartal diesen Jahres und insgesamt 18 Millionen Klinikbehandlungen 2011 bewege sich die Zahl der festgestellten Kunstfehler im Promille-Bereich, sagte der Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, Andreas Crusius: „Dennoch ist jeder Fehler ein Fehler zu viel.“

Die Bedeutung des MDK bei der Hilfe für Ärztepfusch-Opfer dürfte in den kommenden Jahren wachsen. Denn mit dem geplanten Patientenrechtegesetz, das im nächsten Jahr in Kraft treten soll, erhalten die Versicherten bei Verdacht auf einen Kunstfehler einen gesetzlichen Anspruch auf eine Begutachtung durch den MDK.

Für den Rentner mit dem verschluckten Beißkeil kommt das aber zu spät. Er starb an den Folgen des Behandlungsfehlers.

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