Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist Opfer einer Torten-Attacke in Berlin geworden. Am Donnerstagabend hatte sich der CSU-Politiker mit dem Berliner Piraten Stephan Urbach getroffen, weil sich dieser über Guttenbergs neue Aufgabe als EU-Berater für Internetfragen informieren wollte.
Fast zweieinhalb Stunden hatten sie sich schon unterhalten, da wurde Guttenberg plötzlich eine Sahnetorte ins Gesicht gedrückt: Netzaktivisten der Gruppierungen „Hedonistische Internationale“ und „Anonymous“ stürmten das Café in Friedrichshain und filmten ihren Angriff, der nun bei Youtube und Twitter unter dem Suchbegriff #opcreamstorm kursiert.
Operation Sahnetorten-Sturm
Ihr verwackeltes Video mit dem Titel „Kleine Torte statt vieler Worte" zeigt einen ziemlich gelassenen Guttenberg. Er lacht, wischt sich das Gesicht ab und leckt sich die Sahnefinger. Auf seiner Facebookseite notierte er noch am späten Donnnerstagabend: „Hurra, eine Tortenattacke! Ich dachte schon, ich würde in Friedrichshain verhungern.“ Es sei eine Schwarzwälder Kirschtorte gewesen, so Guttenberg: „Beim nächsten Mal dann gerne Käsesahne!“ Der Eintrag hatte bereits am Freitagnachmittag mehr als 7000 Gefällt-mir-Klicks und mehr als tausend Kommentare, darunter auch viele gehässige.
Auch die Hedonisten rühmen sich auf ihrer Homepage, es dem „Lügenbaron“ so richtig gegeben zu haben. Auf seinem Weg zur Kanzlerschaft habe er die Rechnung „ohne den Konditor“ gemacht, schreiben die Torten-Täter. Statt für freie Netze, wie Guttenberg jetzt vorgeben wolle, stehe er in Wahrheit „für Vorratsdatenspeicherung, Überwachung und Militarisierung“. Man werde ihn bei weiteren Comeback-Versuchen erneut „süß torpedieren“, und nicht nur ihn: „Die politische Klasse in Berlin, Brüssel und Washington kann schon mal das Teeservice auspacken.“
Alt-Kanzler Kurt-Georg Kiesinger wird 1968 in Berlin auf einem CDU-Parteitag von der deutsch-französischen Antifaschistin Beate Klarsfeld ins Gesicht geschlagen. Sie wollte den CDU-Politiker nach eigenen Worten wegen dessen Nazi-Treue im Dritten Reich bestrafen. Dafür wird Klarsfeld zu einem Jahr Haft, später zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt.
Alt-Kanzler Willy Brandt (SPD) wird 1971 auf offener Strafe in München von einem Studenten geohrfeigt. Mit den Worten „Das ist für die Politik im Osten“ bringt der 22-Jährige seinen Frust über den vermeintlichen „Ausverkauf deutscher Interessen“ handgreiflich zum Ausdruck.
Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker wird 1993 beim Betreten des Hamburger Thalia-Theaters von einem 48-jährigen Mann ins Gesicht geschlagen. Der Täter wird später zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt
Der damalige SPD-Kanzlerkandidat und heutige Linkspartei-Politiker Oskar Lafontaine wird 1990 Opfer eines Messer-Attentats in Köln. Eine geistesgestörte Frau sticht dem Herausforderer Helmut Kohls (CDU) in den Hals und verletzt ihn lebensgefährlich.
Ein psychisch kranker Mann feuert 1990 auf einer Wahlkampfveranstaltung im badischen Oppenau drei Schüsse auf Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ab. Seitdem sitzt der CDU-Politiker querschnittsgelähmt im Rollstuhl.
Alt-Kanzler Helmut Kohl wird 1991 in Halle an der Saale Ziel eines Eierwurfs. Daraufhin stürmt der konservative Hüne wütend auf den Missetäter zu und kann nur mit Mühe von mehreren Leuten zurückgehalten werden. Die Szene endet mit einem Handgemenge. Es bleibt nicht der einzige Angriff auf Kohl. Als er am 30. November 2000 in einem Berliner Kaufhaus sein neues Tagebuch signiert, ereilt ihn aus der Menge heraus ein mit Sahne gefüllter Windbeutel.
Der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer wird 1999 auf einem Grünen-Sonderparteitag zum Kosovo-Konflikt in Bielefeld mit einem Farbbeutel angegriffen. Sein Trommelfell reißt, Fischer leidet nach eigenen Angaben noch mehrere Wochen unter den Folgen der Verletzung.
Hamburgs damaliger Erster Bürgermeister, Ortwin Runde (SPD), wird 2001 auf der zentralen Maikundgebung des DGB in der Hansestadt aus einer Wasserpistole mit roter Farbe beschossen und auf der Brust getroffen.
Im Wahlkampf 2001 werden die Spitzen der Unionsparteien auf dem Berliner Alexanderplatz gleich mit mehreren Projektilen eingedeckt: Neben Eiern und einer mit Wasser gefüllten Plastikflasche fliegen auch kleine Batterien. Der damalige CDU-Spitzenkandidat Frank Steffel taucht ab, noch ehe er einen Wahlkampfsatz zu Ende sprechen kann. CSU-Landesgruppenchef Michael Glos geht ebenfalls in Deckung, wird aber trotzdem von einem Ei an der Stirn getroffen.
Ein arbeitsloser Lehrer ohrfeigt 2004 Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) auf einem Empfang für neue Parteimitglieder in Mannheim. Als Grund nennt der 52-Jährige Delinquent seinen Ärger über die rot-grüne Regierungspolitik.
Der damalige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle wird 2009 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Rostock von einem Ei am Kopf getroffen. Er bleibt jedoch unversehrt und setzt seine Rede fort.
Im September 2010 wird Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin bei einer Podiumsdiskussion in Hannover von einem maskierten Unbekannten mit einer Joghurttorte beschmissen. Die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren sechs Wochen später ein. Begründung: Weder versuchte Körperverletzung noch Sachbeschädigung könne dem Tortenwerfer angelastet werden, da mit Joghurt niemand verletzt werden könne und sich Joghurtflecken problemlos aus der Kleidung auswaschen ließen. Einzig der Tatbestand der Beleidigung sei erfüllt.
Ein arbeitsloser Ingenieur wirft im April 2011 vor dem Wiesbadener Landtag zwei rohe Eier auf Bundespräsident Christian Wulff. Damit wollte er nach eigener Aussage auf das Unrecht aufmerksam machen, das ihm durch Polizei und Justiz widerfahren sei. Letztere nimmt sich seiner erneut an und bestraft ihn mit einer Geldstrafe von 600 Euro. Zuvor war der Mann bereits wegen Attacken auf Wulffs Amtsvorgänger Horst Köhler und Johannes Rau verurteilt worden.
Fast wäre die Aktion am großen Polizeiaufgebot im Kiez gescheitert: Die Beamten waren aber nicht zur Bewachung Guttenbergs, sondern wegen des Jahrestags der Liebig-14-Räumung im Einsatz. „Wir musste also aufpassen. Am Tresen haben wir die Strategie für den Zugriff besprochen. Getortet hat dann einer von Anonymous", erzählte ein Aktivist der Nachrichtenagentur dapd.
Angeblich nichts gewusst
Das Treffen mit Urbach ist in der Netz-Community durchaus umstritten. So legt die Berliner Piratenfraktion, für die der Guttenberg-Einlader Urbach als Referent arbeitet, viel Wert auf die Feststellung, dass Urbach das Treffen mit dem CSU-Politiker nicht als Fraktionsmitarbeiter verabredet hat, sondern als Privatmann und Netzaktivist.
Auch Urbach selbst gibt über seinen Blog und seine Tweets hinaus keine Auskunft über Beweggrund und Verlauf des Gesprächs. „ Ich will darüber nicht reden. Es ist alles gesagt“, teilt er am Telefon mit, und zwar kurz angebunden und hörbar genervt.
Um kurz nach acht Uhr am Donnerstagabend hatte Urbach „#ktzg wurde getortet!“ getwittert und ein Foto des benutzten Backwerks verlinkt. „Es war eine Coppenrath & Wiese“, folgt kurz darauf. Noch etwas später: „Ich habe nicht, ich wiederhole: NICHT! getortet!“ Und: „Ich habe das nicht zu verantworten“. Ob er von der Aktion wusste, bleibt allerdings unklar.
Auch auf Urbachs Zusammenfassung des Gesprächs mit Guttenberg auf dem eigenen Blog gibt es teils harsche Reaktionen, teils Lob. Urbach schreibt, er habe mit Guttenberg über bürokratische Hürden für die Anliegen von Netzaktivisten gesprochen. Seit Dezember ist der 40-Jährige EU-Berater für Internetfragen bei EU-Kommissarin Neelie Kroes. Für die Ernennung hagelte es Kritik, vor allem aus Deutschland. Im März 2011 war Guttenberg als Verteidigungsminister zurückgetreten, weil bekannt wurde, dass er Teile einer Doktorarbeit abgeschrieben hatte. Auf die Spur gekommen waren ihm Plagiatsjäger im Internet. Danach ging er in die USA.
Auf die Frage nach seiner Qualifikation habe Guttenberg auf seine Kontakte verwiesen. Er wolle von den Netzexperten lernen. „Ich bin gespannt und lasse mich gerne positiv überraschen“ lautet Urbachs Fazit. Die kritischen Blog-Kommentatoren bemängeln das inhaltlich eher dünne Gespräch, die Tortenaktion stößt bei vielen auf Ablehnung. „So kann man sich auch selbst disqualifizieren“, schreibt einer.
Auch die Hedonisten übten Selbstkritik: „Die Torte hatte einen viel zu niedrigen Sahnegehalt“. Bei der Torte handelte es sich um ein Fertigprodukt aus dem Supermarkt. Und dessen Backwerk sei nicht richtig im Gesicht kleben geblieben. Die „Konditoren-Sektion“ habe inzwischen mehrere Torten gekauft, die besser geeignet seien als das billige Erstfabrikat: „Wenn man so ein Hobby entwickelt, muss man eben investieren.“
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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