Brüssel. Jacques De Gand hat ein rotes Tuch in der Jackentasche. Er zieht es heraus, wiegt den Kopf und zeigt auf seinen Pullover: Der ist schwarz und oben lugt ein verwaschener Hemdkragen heraus, verblichen und gelb. Jacques De Gand sitzt im Wartesaal des Bahnhofs Vilvoorde, einer Kleinstadt an der nordöstlichen Peripherie von Brüssel. Er ballt das rote Tuch in der linken Faust, zupft mit den zitternden Fingern der rechten am Kragen, ruft triumphierend: "Schwarz und Rot und Gelb!" Denn Jacques De Gand ist Belgier. "Nicht Flame, nicht Wallone, nein, Belgier", sagt der 80-Jährige und selbstverständlich spricht er Niederländisch und Französisch, und etwas Deutsch und Englisch noch dazu.
Könnte der alte Mann durch Wände schauen, sähe er vor dem Bahnhofstor neben der belgischen und der europäischen Flagge auch den Löwen Flanderns im Winde wehen. Und liefe er dann einige Schritte nach rechts, um den rot geziegelten Bau herum, dorthin, wo die Fahrräder vor den Toiletten lehnen, dann sähe er diesen Aufkleber, den Anhänger der Flämischen Volksbewegung an eine Scheibe geklebt haben. Flamen, die sich als Flamen verstehen und nicht als Belgier. Eine gelbe Hand ist darauf zu sehen, "genug" sagt sie auf niederländisch und: "Stimmt für die Teilung von BHV jetzt!"
Boykott nicht ausgeschlossen
BHV, das ist der Stein des Anstoßes, der in der belgischen Politik seit Jahren für Ärger sorgt, und über den im April erneut eine Regierungskoalition zerbrach. BHV steht für den Wahlkreis Brüssel-Halle-Vilvoorde, der als einziger die Grenzen der Sprachgemeinschaften überschreitet. Eigentlich sind diese Gemeinschaften - die flämische im Norden, die frankophone im Süden und die deutschsprachige im Osten - strikt getrennt. Doch in den flämischen Vororten der zweisprachigen Hauptstadt ist das anders. Die zahlreichen Frankophonen, die ins Umland gezogen sind, können dort auch französischsprachige Kandidaten wählen und sich vor Gericht in ihrer Sprache äußern.
Dieses Recht wurde vom Verfassungsgerichtshof bereits vor sieben Jahren als Verstoß gegen die Konstitution gewertet - seither haben diverse belgische Regierungen versucht, für BHV eine verfassungskonforme Lösung zu finden. Bislang ohne Erfolg. Einige Bürgermeister im Brüsseler Umland wollen deshalb sogar die Durchführung der Wahlen in ihren Gemeinden boykottieren. Ihrer Meinung nach kann in einem verfassungswidrigen Wahlkreis nicht im Einklang mit der Konstitution gewählt werden.
Dem steinernen Pferd im Zentrum von Vilvoorde geht das am Allerwertesten vorbei. Es kehrt Liebfrauenkirche und Rathaus den Hintern zu - man mag es ihm nicht verdenken, die Vilvoorder sind auch als Pferdefresser bekannt. Bürgermeister Marc Van Asch aber hat offenbar vor allem die Wallonen gefressen. Unlängst verkündete er, dass städtischer Grund und Boden nur noch an Interessenten mit Niederländisch-Kenntnissen verkauft oder verpachtet werde. Das sei ein reines "Gentlemen´s Agreement", das er mit Maklern und Baufirmen geschlossen habe, sagt er. Häuslebauer müssten nicht Flämisch sprechen, es aber wenigstens verstehen. "Du lebst hier nicht in der Wüste, du musst doch mit deinen Nachbarn kommunizieren können." So werden Kaufinteressenten in Vilvoorde im Zweifel zum Sprachtest geschickt.
Der Christdemokrat beklagt, dass "eine kleine Gruppe" sich nicht integrieren wolle. Eine Teilung des Wahlkreises BHV nach den Neuwahlen sei nötig, sagt er, dann gehe es sicher auch mit der Integration voran. Noch aber besuche kaum jemand die Sprachkurse der Stadt. "Vielleicht glauben sie an die Überlegenheit der französischen Sprache", mutmaßt der Bürgermeister. Historisch gesehen war Französisch stets die Sprache der Gebildeten und Adeligen in Belgien, nur die Bauern sprachen Niederländisch. Und obwohl Wirtschaftskraft und Reichtum heute im flämischen Norden des Landes zu Hause sind, lernen noch immer mehr Flamen Französisch als umgekehrt. Ohne Niederländisch-Kenntnisse aber fänden die Menschen in der Region keinen Job, sagt Van Asch. "Wir haben viele Arbeitslose hier", klagt er. Und Menschen aus 180 Nationen, von denen einige nicht mal Französisch sprächen.
"Scheiß-Flämisch", schimpft ein Mazedonier an der Bushaltestelle. Er finde seit Monaten keinen Job, sagt er in gebrochenem Deutsch. Wie er sich verständigt, bleibt unklar. Die Angebote im Supermarkt, die Warnung vor Stromschlägen an der Baustelle - alles ist auf Niederländisch. Auch ein Kioskbetreiber unweit des Bahnhofs spricht weder Französisch noch Niederländisch. Vor seiner Tür stehen junge Männer und rauchen. Sie kommen aus Marokko und dem Kongo, sie sprechen Französisch und die meisten sind in Vilvoorde aufgewachsen, so wie Rachid Boutakmanti. Der Sprachenstreit, sagt der 32-Jährige, sei "dumm, einfach nur dumm", ja, er sei auch "schlecht für Belgien, als Zentrum der EU". Er spüre im Alltag Aggressivität gegenüber den Frankophonen, sie hätten es schwer, eine Wohnung zu finden. Er selbst freilich spricht beide Sprachen.
Dringendere Probleme
Lieve De Kimpe kann die Sorgen der Flamen verstehen, sie ist selbst eine von ihnen, aufgewachsen in Dilbeek, westlich von Brüssel. Sie habe den Streit seit ihrer Kindheit miterlebt, sagt die 49-Jährige. Zwar wohne sie nun in Holland, doch wenn sie in ihre alte Heimat komme, erinnere schon das Schild am Ortseingang an den Konflikt: "Dilbeek, wo die Flamen zu Hause sind". Viele Flamen hätten Angst, ihre Kultur und Heimat zu verlieren. Es gehe um mehr, als nur um die Sprache. "Die Frankophonen, die hierherziehen, haben viel Einfluss", sagt sie. Sie kauften Häuser und trieben die Preise in die Höhe. Aber mit Vorschriften könne man daran nichts ändern. Ein Sprachnachweis, wie der Bürgermeister und einige seiner Amtskollegen ihn forderten, sei doch "blöde", meint De Kimpe.
Ohnehin, so sagen viele in Vilvoorde, finde der Sprachenstreit nur auf politischer Ebene statt, es gehe um Geld und Wählerstimmen. "Ich habe sowohl flämische als auch wallonische Freunde", sagt eine junge Frau. Und Jacques De Gand, der alte Belgier, der im Bahnhof auf seinen Zug wartet, meint: "Wir haben dringendere Probleme, die gelöst werden müssen." Nach den Wahlen, vielleicht.
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