Berlin. Vor ein paar Tagen, es war noch dunkel, tauchte frühmorgens ein Mann im Pullover bei der Berliner Stadtreinigung auf und bedankte sich artig bei den Müllkutschern und Straßenkehrern, die gerade in harten Aufräumarbeiten nach kalten und schneereichen Winterwochen steckten. Die Männer wunderten sich über den zeitigen Gast, gilt doch der freundliche Besucher nicht gerade als Frühaufsteher, sondern als hauptstadtbekannte Nachteule.
Aber Klaus Wowereit, 56, Regierender SPD-Bürgermeister von Berlin, hatte seine Gründe: Er muss nämlich etwas tun. Er hat die Dinge schleifen lassen und ist nicht mehr sonderlich beliebt. Über den langen Winter hatten die Berliner den Eindruck gewonnen, ihr Chef interessiere sich nicht mehr für sie. Während sich nämlich Dutzende Berliner auf spiegelglatten Bürgersteigen die Knochen brachen, tönte ihr Wowi - von allen guten Geistern und Beratern verlassen -, alles sei nicht so dramatisch: "Wir sind doch nicht in Haiti."
Da war der Hauptstädter vergnatzt. Natürlich mögen die Berliner immer noch einen entspannten und coolen Bürgermeister. Nur haben sie auch nichts dagegen, wenn er deutlich erkennbar arbeitet. "Er regiert lustlos", befand das Boulevardblatt B.Z. Und die Berliner Zeitung diagnostizierte eine "souveräne Ignoranz" beim Herrn aus dem Roten Rathaus.
Ein Professor der Freien Universität meinte sogar, die Berliner merkten schon, dass Wowereit "geistig und seelisch nicht mehr so präsent" sei. Wowereits Popularitätswerte purzelten in den Keller: Nur noch Platz sieben für den einst gefeierten Partymeister. Sein Ruf als entspannter Lockermann war im Eimer. Wowereit fand sich plötzlich in einer Riege von selbst in Berlin unbekannten Lokalpolitikern wieder. Aber weil er über gut funktionierende politische Instinkte verfügt, spürte er die drohende Gefahr.
"Polit-Loser" will er nicht sein
Es passt nämlich nicht zusammen: Einerseits gilt Wowereit immer noch als mögliche Variante für künftige rot-rote Verbindungen auf Bundesebene. Die Kanzlerkandidatur 2013 - warum nicht? Andererseits gilt das nur, wenn er und seine rot-rote Koalition in Berlin erfolgreich bleiben. Ein "Polit-Loser", wie ihn der Spiegel nannte, kann sich derlei Träumereien abschminken.
Und besonders gut sieht es nicht aus für Wowereit und seine Berliner SPD: Die Sozialdemokraten sind in Umfragen abgestürzt, die CDU stabil geblieben, Grüne und Linke im Aufwind. Wären heute Wahlen und nicht erst im Herbst nächsten Jahres, Wowereit wäre seine rot-rote Mehrheit klar los. Und mit der Grünen Renate Künast droht ihm 2011 womöglich ernsthafte Konkurrenz.
Also am Riemen reißen. Berlin ist zwar tatsächlich nicht Haiti, aber seit Monatsbeginn wird in der Stadt aufgeräumt. Wowereit hat die "Aktion Frühjahrsputz" ausgerufen, steht früh auf und gibt den Schwungvollen. Und nebenbei, Wowi bleibt Wowi, umgarnt er bereits die gefährliche Frau Künast: "Rot-Grün ist eine Option", teilte er mit zum Verdruss der Linkspartei. Und Renate Künast, ja, die schätze er sehr.
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