Mehmet ist in seine Playstation vertieft, als sein Vater nach Zeynep sucht, Mehmets Schwester. "Du musst auf sie aufpassen", brüllt er seinen Sohn an, schlägt ihn auf den Kopf. Mehmets Freund Hakan verrät, dass sich Zeynep mit Mädchen im Minirock im Einkaufszentrum herumtreibe und stachelt ihn an, sie gewaltsam nach Hause zu schleifen: "Hast du keine Ehre?"
So sieht es aus, wenn die Berliner "Heroes" an einer Schule ihr Rollenspiel aufführen. Und so ähnlich könnte die Vorgeschichte des Mordes an Hatun Sürücü gewesen sein. Zwischen der 23-jährigen Mutter und ihrer strenggläubigen muslimischen Familie war es wegen ihres westlichen Lebensstils zu Streit gekommen. Sie floh aus einer Zwangsehe und musste am 7. Februar 2005 dafür mit dem Leben bezahlen: In der Nähe ihrer Wohnung in Berlin-Tempelhof ermordete ihr Bruder Ayhan sie mit drei Kopfschüssen. Die Tat löste eine Debatte über Integrationspolitik, Zwangsehen und "Ehrenmorde" aus.
Heute setzt sich auch die türkisch-arabische Community selbst mit solchen Themen auseinander. Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg etwa gedenkt regelmäßig des Sürücü-Mordes und diskutiert über Geschlechterrollen. Und im Berlin-Neuköllner Verein "Heroes" engagieren sich 13 Jungen mit Rollenspielen an Schulen im ganzen Stadtgebiet gegen Gewalt im Namen falsch verstandener Ehre.
Gökay Abaci war seit dem Start der "Heroes" vor etwa einem Jahr in Dutzenden Workshops dabei, weil er sich gegen Unterdrückung aus Tradition engagieren will. Dass es überhaupt zu "Ehrenmorden" kommt, macht ihn fassungslos. "So etwas ist unmenschlich und es macht mich sehr traurig, wenn jemand seine eigene Schwester umbringt, anstatt sie zu unterstützen", sagt der 21-jährige Zivildienstleistende, der selbst eine jüngere Schwester hat.
Doch diese Einstellung erfordert mitunter Mut. Vor ein paar Monate pöbelte eine Gruppe jugendlicher Türken vor den Vereinsräumen, die durch die "Heroes" ihren Ruf gefährdet sahen. "Die Brüder leiden unter der Rolle, dass sie auf die Ehre der Schwester achten sollen", sagt die Projektkoordinatorin der "Heroes", Dagmar Riedel-Breidenstein. "Wir setzen uns für einen Ehrbegriff ein, der mit Würde verbunden ist und dem, was man selbst erreicht, zum Beispiel einem Schulabschluss." So gewinnen die "Helden" stetig neue Mitglieder.
In den Diskussionen nach den Rollenspielen hat Gökay Abaci oft erlebt, dass viele Schüler dem Verhalten von Vater, Bruder und Freund zunächst zustimmen. Wenn die "Heroes" die Szenen jedoch noch einmal spielen, weniger aggressiv, oder in einem anderen Stück das Studium der Schwester befürworten, dann setze ein Umdenken ein. "Einmal hat mich ein Mädchen erst mit ihren Blicken töten wollen", sagt Abaci, "am Ende hatte sie Tränen in den Augen."
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