Montag, 23. November, gegen 2.40 Uhr in der Frühe: Am S-Bahnhof Nöldnerplatz in Berlin-Lichtenberg brennen fünf Kleintransporter der Deutschen Bahn, zwei VW-Sprinter, drei Caddys. Die Feuerwehr kann nur noch einen lodernden Schrotthaufen löschen. Die Polizei geht von politisch motivierter Brandstiftung aus. Der Staatsschutz ermittelt.
Montag, 23. November, gegen 3 Uhr früh: In der Sophienstraße in Lichtenberg, nicht weit vom Nöldnerplatz entfernt, brennt ein BMW. Die Polizei löscht den Brand.
Einen Trost haben sie, die Besitzer der 267 Autos, die in diesem Jahr in Berlin verbrannten: Die Versicherungen kommen für die Schäden auf. Brandstiftung falle unter Vandalismus und dies werde durch eine Teilkasko-Versicherung abgedeckt, teilt die Verbraucherzentrale Berlin mit.
Bislang hätten die Versicherungen ohne Probleme die Reparaturen beglichen oder für Ersatz gezahlt, den Verbraucherschützern kamen keine Klagen zu Ohren.
Ärgerlich sei jedoch etwas anderes: Nach einem Schadensfall heben Versicherungen in der Regel die Beiträge an. bho
Vor drei Jahren, sagt die Berliner Polizei, ging es richtig los mit den "politisch motivierten Brandanschlägen" aus der linksextremen Szene auf Autos: 2006 brannten 43 Wagen in der Hauptstadt. Damals hauptsächlich Luxusfahrzeuge.
2007 zündeten Unbekannte 129 Fahrzeuge an, außerdem verbrannten 64 Autos, die direkt daneben standen.
2008 waren es 164 brennende Autos und in diesem Jahr sind es 267: 200 wurden in Brand gesteckt, 67 Autos in der Nähe gingen ebenfalls in Flammen auf.
Mittlerweile brennen nicht nur teure Wagen: Alles wird angezündet, so die Polizei, Kleinwagen und alte Autos, aber auch Lieferwagen von Staatsunternehmen wie der Bahn oder des Postdienstleisters DHL.
In Dresden brannte der Fuhrpark der Bundeswehr. Etliche Anschläge gehen nach Einschätzung der Ermittler mittlerweile auch von unpolitischen Trittbrettfahrern aus. bho
Montag, 16. November, zwischen 2.20 und 2.55 Uhr, Berlin, Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg: In der Proskauer Straße, in der Bänschstraße und in der Friedensstraße brennen drei Autos. Ein BMW, ein Audi, ein Porsche. Ein Passant ruft die Polizei, sie löscht die Brände. Der Staatsschutz ermittelt. In der Nähe der Brände nehmen Polizisten einen 23-jährigen Mann fest. Er ist dringend verdächtig, die Feuer gelegt zu haben. Die Polizei fand Feuerzeugbenzin bei ihm. Der junge Mann, Sohn eines Berliner Kommunalpolitikers, sitzt jetzt in Untersuchungshaft.
Berlin 2009: In fast jeder Nacht brannte bis jetzt irgendwo ein Auto, aktueller Stand: 267. "Verdammte Feuer-Chaoten", schimpfen die Berliner Boulevardblätter über den "linken Feuer-Terror" in der Hauptstadt. Auch in anderen deutschen Städten brennen nachts Autos: In Hamburg dieses Jahr weit über hundert, in Dresden mehr als vierzig. Aber nirgendwo stehen so viele Autos in Flammen wie in Berlin.
Vor drei Jahren fing es an. Immer mehr Luxusautos gingen in Flammen auf, teure Geländewagen, schwere Limousinen. Im Beuteschema der Brandstifter vor allem Fahrzeuge, die gut und teuer sind: Porsche, Audi, BMW und Mercedes. Vornehmlich in Friedrichshain, in Kreuzberg, Berlin-Mitte und Pankow.
Ein bisschen Grillanzünder auf den Reifen, ein Klick mit dem Feuerzeug. Der Reifen brennt, schnell das ganze Auto. Bis jemand das Feuer und den Rauch sieht, ist der Täter meistens über alle Berge. Nichts ist einfacher, als ein Auto anzuzünden. "Man muss die Leute auf frischer Tat erwischen", sagt ein Sprecher der Berliner Polizei. "Sonst wird es ganz schwierig, denen etwas nachzuweisen. Ausreden haben sie nämlich alle."
Bislang war die Berliner Polizei nicht sehr erfolgreich. Sie ermittelte dieses Jahr 16 Verdächtige. Verurteilt wurde bislang einer, aber bei dem war kein politisches Motiv zu erkennen. Zwei weitere Prozesse platzten.
Die Politik ist empört, aber auch einigermaßen ratlos: Der Staat habe vor dem "roten Terror" kapituliert, schimpfte schon vor Wochen der Berliner CDU-Chef Frank Henkel. Die radikale Linke teste ihre Grenze aus, der rot-rote Senat unter Bürgermeister Klaus Wowereit schaue tatenlos zu.
Aber einen schlauen Plan gegen die Feuerteufel hat auch die Berliner Opposition nicht. Die Polizei vermutet die allermeisten Täter in der linksextremistischen Szene. Es liegen etwa 15 bis 20 entsprechende Bekennerschreiben vor, die das "Abfackeln" von Luxusautos feiern.
Aber mittlerweile, so ein Polizeisprecher, gebe es auch immer mehr Trittbrettfahrer - Leute, die einfach mal so ein Auto anzünden. Aus Frust, aus Lust, warum auch immer. Es muss auch kein Luxusfabrikat sein. Auch alte Polos oder Fiestas gingen schon in Flammen auf.
Dennoch: Die meisten Brandanschläge verbucht der Berliner Verfassungsschutz bei Linksextremen und Autonomen, nachzulesen in der gerade präsentierten Studie "Linke Gewalt in Berlin". Über den Täterkreis wissen die Ermittler trotzdem nicht viel: Die Szene ist unübersichtlich, es gibt offensichtlich keine festen Banden.
Autos abbrennen braucht ja auch keine ausgetüftelte Planung oder wochenlange Organisation. Autos stehen überall herum. Ein Feuerzeug hat auch fast jeder. Die Verfassungsschützer sprechen von einem "nicht geschlossenen Täterkreis".
Und die Hintergründe? Über das Warum konnte man sich vor ein paar Tagen im Haus der taz informieren. Das Berliner Blatt hatte angesichts lodernder Limousinen zum Gesprächsabend geladen. Thema: "Wo brennt´s? Ist Autoabfackeln politisch?"
Heraus kam ein bisschen Motivlage, die ungefähr beschreibt, worum es den Zündlern geht. "Warum sollten sie es nicht sein?", antwortete Tim Laumeyer, ein Sprecher der "Antifaschistischen Aktion" auf die Frage, ob er brennende Autos politisch finde. Auf alle Fälle sei der Effekt politisch. Laumeyer: "Die Leute, die viel Geld haben, überlegen sich jetzt zweimal, ob sie sich ein Haus oder eine Eigentumswohnung in Kreuzberg kaufen."
Darum geht es angeblich, um Stadtviertel wie Kreuzberg oder Prenzlauer Berg in Berlin, die sich verändern, die von "Reichen" erobert werden, Stichwort: Gentrifizierung. Quartiere, aus denen alteingesessene Bewohner und Leute mit schmalem Portemonnaie verdrängt werden, weil sie die steigenden Mieten in den verkauften Häusern nicht mehr zahlen können.
Viertel, in denen teure Läden und Restaurants aufmachen und den Kinderladen oder vietnamesischen Gemüsehändler an der Ecke verdrängen. Viertel, die von unerwünschten Eindringlingen befreit werden müssen.
Doch dagegen helfen am allerwenigsten brennende Autos. Wer einen Porsche anzünde, verunsichere keine Reichen, meint der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer. "Der neue Porsche ist sofort bestellt und vollkaskoversichert."
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