kalaydo.de Anzeigen

Berlin: Noch mehr Prügel-Polizisten

Ein zweites Video belegt den Faustschlag eines Beamten auf der Berliner Demo "Freiheit statt Angst". Den Polizisten drohen Strafanzeigen. Der Polizeichef gerät weiter unter Druck. Von Jörg Schindler

Ein Video belastet auch den dunkelhaarigen Polizisten (Zweiter von links).
Ein Video belastet auch den dunkelhaarigen Polizisten (Zweiter von links).
Foto: vimeo

Während der "Freiheit statt Angst"-Demonstration am vorvergangenen Samstag sind nach FR-Informationen offenbar mehr Polizisten gewalttätig geworden, als bislang bekannt. Auf einem weiteren Amateurvideo ist zweifelsfrei zu erkennen, wie ein dunkelhaariger Uniformierter einem Demonstranten mit voller Wucht ins Gesicht boxt. Der Chaos Computer Club, der die Vorgänge am Potsdamer Platz dokumentiert hat, kündigte weitere Strafanzeigen gegen Polizisten an.

Gegen Ende der Demonstration am 12. September hatten zwei Uniformierte ohne erkennbaren Grund einen Fahrradfahrer attackiert. Dieser wurde, als er sich gerade entfernen wollte, zurückgezerrt und ins Gesicht geschlagen. Dann umringte ihn eine Traube von Polizisten. Zeugen berichten, der auf dem Boden liegende Mann sei getreten worden. Von wem, ist bislang unklar.

Gegen die beiden ersten, identifizierbaren Polizisten wird wegen Körperverletzung im Amt ermittelt. Sie wurden nicht suspendiert, sondern in den Innendienst versetzt. Im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses räumte Polizeipräsident Dieter Glietsch ein, dass er einen "gezielten, grundlosen Schlag in das Gesicht eines Menschen" für unverhältnismäßig halte. Gleichzeitig gab er dem Opfer eine Mitschuld an der Eskalation: Der 37-Jährige habe die Beamten behindert und Platzverweise ignoriert. Opfer-Anwalt Johannes Eisenberg sagte der FR am Mittwoch, Glietschs "verleumderische Äußerungen" seien durch Videos und Zeugen widerlegt. Per einstweiliger Verfügung will er dem Polizeipräsidenten untersagen lassen, seine Behauptung zu wiederholen.

Eisenberg vermutet, dass die Aufklärung der Vorgänge noch zu "massenhaft Beschuldigten" aufseiten der Polizei führen werde. Mindestens drei weitere Uniformierte hätten sich an der Misshandlung seines Mandanten beteiligt oder diese nicht gestoppt.

Dazu kommt nun noch der Faustschlag des dunkelhaarigen Polizisten. Der grüne Innenexperte Dirk Behrendt sagte der FR, er halte das für "völlig inakzeptabel". Wenn gegen den Beamten nicht von Amts wegen ermittelt werde, würde ihn dies erstaunen. "Es sieht nicht mehr so aus, als hätten da einzelne Polizisten über die Stränge geschlagen", so Behrendt. "Für mich wirkt das eher wie ein Gruppenvorgehen." Vom Polizeipräsidium war am Mittwoch keine Stellungnahme zu erhalten.

Der Chaos Computer Club kündigte "allein schon wegen versuchter Verdunklung" weitere Strafanzeigen gegen Polizisten an. Dass diese bislang noch nicht erfolgt seien, habe auch etwas mit dem "Standard-Vorgehen" der Berliner Polizei zu tun: Diese wehre sich gegen Vorwürfe sofort mit Gegenanzeigen wegen "Widerstands gegen die Staatsgewalt". Erfahrungsgemäß werden solche Anzeigen von Gerichten vorrangig behandelt - während nicht einmal ein Prozent aller beschuldigten Polizisten angeklagt wird.

Die Humanistische Union (HU) begrüßte die Ankündigung von Glietsch, sich für eine namentliche Kennzeichnung seiner Polizisten stark machen zu wollen. Dies sei aber nur ein erster Schritt. Nötig sei vielmehr eine unabhängige Kommission, die Fälle von Polizeigewalt neutral beurteile. In etlichen europäischen Staaten gibt es solche Gremien bereits. Deutsche Regierungen sind dagegen bis heute der Ansicht, eine Kontrollstelle brächte "keinen Mehrwert".

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  24 | 9 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Kolumne

Unser Autor Stephan Hebel macht launische Bemerkungen über die doppelte Merkel, den griechischen Unmut über Spar-Kommissare - und, natürlich, den Sylt-Urlaub unseres Staatsoberhaupts.

Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Interaktiv

Hier finden Sie alle Termine und aktuellen Ergebnisse der Vorwahlen der Republikaner, sowie Informationen zu den Präsidentschaftskandidaten.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Fotostrecke
Fotostrecke
Politiker-Pannen 2011 (14 Bilder)
Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Fotostrecke
Plaßmanns Welt (239 Bilder)

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Video
Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Meistgeklickt
Mohamadou Idrissou: Noch reicht die Kraft nicht für 90 Minuten, vielleicht reicht sie aber für Fortuna Düsseldorf?
Eintracht gegen Fortuna 
Moderator Günther Jauch.
Günther Jauch 
Gegen seine alten Kollegen in der Startelf: Bamba Anderson.
Eintracht gegen Fortuna 
Ohne Draht zum Volk: Adolf Sauerland.
Kommentar zu Sauerland 
Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!