Rom. Seine Wahrheit hat Silvio Berlusconi selbstverständlich nicht La Repubblica anvertraut, sondern seinem Vertrauensmann Bruno Vespa. Vespa ist Polit-Talkmaster beim Staatssender RAI und gleichzeitig Mitarbeiter bei Berlusconis politischer Wochenzeitung Panorama. Und er ist Autor des soeben - in Berlusconis Mondadori-Verlag - erschienenen Buches "Donne di Cuori" ("Frauen des Herzens").
Das Buch darf als die Sensation des italienischen Bücherherbstes bezeichnet werden - denn in dem Band finden sich die Antworten Berlusconis, auf die Italien 175 Tage lang gewartet hatte. Alles kommt zur Sprache, nichts wird ausgelassen:
Seine Beziehung zur mittlerweile 18-jährigen Noemi, die ihn "Papi" nennt, die Kandidaturen von Starlets auf den Wahllisten seiner Partei, der Besuch des Callgirls Patrizia D´Addario in seiner Römer-Villa, die Musiker und Mädchen, die zum Teil mit Regierungsjets in seine Villa in Sardinien geflogen worden sind, sein Gesundheitszustand.
Natürlich ist nichts so, wie es von linken Zeitungen dargestellt worden ist. Noemi? "Ich hatte nie eine Beziehung mit der Signorina Noemi." Die Damen auf den Wahllisten? "Ich habe nur Frauen mit einem hohen moralischen, intellektuellen, kulturellen und professionellen Niveau für verantwortungsvolle Ämter vorgeschlagen." Patrizia D´Addario? "Das war ein Abendessen mit zahlreichen Personen, organisiert von Anhängern der Klubs ,Forza Silvio´ und ,Zum Glück gibt´s Silvio´, zu welchem im letzten Moment auch noch Tarantini (D´Addarios Zuhälter, Anm. der Red.) mit zwei weiteren Gästen gestoßen ist."
Signora von exzellentem intellektuellem Niveau
Schade nur, dass dies alles die Skeptiker nicht beschwichtigen kann. Sie finden es nach wie vor nicht normal, dass ein 72-jähriger Regierungschef eine Minderjährige mehrfach einlädt, und sie wundern sich, dass das Callgirl Patrizia D´Addario, das nicht nur im Bett, sondern auch auf einer Wahlliste Berlusconis gelandet war, nun plötzlich eine Signora von exzellentem kulturellem und intellektuellem Niveau sein soll.
"Mit seinen Antworten macht sich Berlusconi lustig über die Fragen der Repubblica, statt sie zu beantworten", kritisiert die Opposition. Und: Der Regierungschef solle seine Aussagen nicht im Buch eines auf seiner Gehaltsliste stehenden Journalisten machen, sondern - wie der frühere US-Präsident Bill Clinton anlässlich der Lewinsky-Affäre - im Parlament.
Berlusconi tut in Vespas Buch das, was er immer getan hat: Er tischt Halbwahrheiten auf, lenkt ab, färbt schön, streitet Offensichtliches ab. Auch bei der Frage nach seinem Gesundheitszustand: Diese beantwortet er damit, dass er in den letzten sechzehn Monaten "170 internationale Treffen, 25 multilaterale Gipfel, neun bilaterale Gespräche, 80 Pressekonferenzen und 66 Ministerratssitzungen" hinter sich gebracht habe.
"So machen´s alle"
Die von seiner Noch-Ehefrau Veronica Lario aufgeworfene Frage betraf freilich nicht den physischen, sondern den psychischen Zustand ihres Ehemannes. Jenen des laut Lario sexkranken "Drachen, dem sich die Jungfrauen präsentieren, um berühmt und erfolgreich zu werden".
Eigentlich - schreibt Vespa mit entwaffnender Offenheit im Vorwort - habe er seinem jüngsten Werk den Titel "Cosi fan tutti" ("So machen´s alle") geben wollen. Denn sein Buch befasst sich nicht nur mit den Herzensdame Berlusconis, sondern auch mit anderen berühmt gewordenen Bettgeschichten der letzten zweitausend Jahre.
Angefangen bei Kleopatras Affären über die Sexorgien des Borgia-Papstes Alexander VI. und die Ausschweifungen Ludwigs XIV. bis hin zu Bill Clintons Zweckentfremdung kubanischer Zigarren. Den historischen Teil von Vespas Schmöker bezeichnet der Corriere della Sera mit feiner Ironie als "tröstlich" - den aktuellen Teil hingegen als "alarmierend und beunruhigend".
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