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Berlusconi: Dunkle Wahrheiten

Als die Forza Italia gegründet war, hörte der Mafia-Terror schlagartig auf - Italien rätselt über Berlusconis Aufstieg und sucht seit Wochen wieder mal nach Antworten. Von Kordula Doerfler

Hat Silvio Berlusconi einen Pakt mit der Mafia geschlossen?
Hat Silvio Berlusconi einen Pakt mit der Mafia geschlossen?
Foto: afp

Rom. Es ist eine Geschichte aus dem Reich der Finsternis. Sie handelt von sinistren Geheimdiensten und mächtigen Geheimbünden, von korrupten Politikern und vor Angst gelähmten Staatsanwälten, von einem Staat, der sich gegen seine inneren Feinde nicht mehr wehren kann. Es ist die jüngere Geschichte Italiens. Noch immer weiß das Land nicht, was geschah, als Anfang der 90er Jahre die Erste Republik unterging.

Seit Wochen sucht Italien wieder mal nach Antworten, doch es findet nur Mosaiksteine, die vielleicht irgendwann ein Bild liefern von jener Zeit, als die alten Parteien Democrazia Cristiana (DC) und die Sozialisten durch einen Korruptionsskandal hinweggefegt wurden. Jener Zeit, in der die Cosa Nostra ihre gefährlichsten Gegner, die sizilianischen Mafia-Jäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, brutal umbringen und in ganz Italien Bomben explodieren ließ. Jener Zeit, als der Mailänder Neureiche Silvio Berlusconi, Mitglied der rechten Geheimloge P2, in das politische Vakuum vorstieß, um aus Italien ein anderes Land zu machen.

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Dass die Geheimdienste seinerzeit eine dubiose Rolle gespielt haben, ist eine der Thesen, an die die einen fest glauben und die andere genauso überzeugt als Märchen abtun. Ähnliches gilt für die Annahme, dass die Mafia und der Staat einen Waffenstillstand aushandelten: Die Mafia stellte ihre Angriffe ein, im Gegenzug sicherte man ihr Hafterleichterungen, eine Kronzeugenregelung und manches mehr zu. Das haben linke Politiker vermutet, übergelaufene Kronzeugen behauptet und Juristen jahrelang untersucht. Bewiesen wurde es nie.

Jetzt behauptet das einer, der gewiss kein linker Verschwörungstheoretiker ist. Giuseppe Pisanu kommt als Politiker aus Berlusconis Partei Volk der Freiheit (PdL) und als früherer Innenminister aus dem innersten Zirkel der Macht. Für entsprechende Aufregung sorgen die Äußerungen des Vorsitzenden der Anti-Mafia-Kommission im Parlament. Möglicherweise, so vermutet er, wurden die Ermittlungen nach den Morden an Falcone und Borsellino vom Geheimdienst gezielt in eine falsche Richtung gelenkt. "Es gab so etwas wie Verhandlungen zwischen Staat und Mafia", ist er überzeugt.

Pisanus Thesen sind deshalb so brisant, weil kürzlich vor Gericht vermeintlich genau das Gegenteil bewiesen worden war, wie andere in der PdL jubelten. In einem Berufungsverfahren war die Strafe gegen Marcello dell´Utri, Senator in Rom und Berlusconi-Intimus, von neun auf sieben Jahre verkürzt worden. In erster Instanz war der Sizilianer laut Urteil der Verbindungsmann zwischen der Cosa Nostra und Berlusconi.

Verhandlungen zwischen Mafia und Staat

Gemeinsam hatten die beiden 1993 die Partei Forza Italia gegründet. Bis heute ranken sich um Berlusconis Aufstieg wilde Spekulationen. Verdankte er sein Vermögen und seinen Start als politischer Neuling der Mafia, die einen neuen Partner brauchte? Gab es gar einen Pakt? Wie sonst wäre es zu erklären, dass er hartnäckig schweigt über seine ersten Millionen? Und dass der Mafia-Terror schlagartig aufhörte, kaum war die Forza Italia gegründet? Und warum brachte Dell´Utri einen Mafioso in der Mailänder Villa Berlusconis unter? Berlusconi behauptet bis heute, von alldem nichts gewusst zu haben.

Dell´Utri jedenfalls bleibt ein freier Mann, obwohl ihn auch die zweite Instanz der Kontakte zur Mafia für schuldig befand. Als Senator genießt er Immunität. Allerdings entkräftete das Gericht das erste Urteil insofern, als es die politisch brisante Zeit nach 1992 als nicht relevant ansah. Damit sei "ein Grabstein über alle Spekulationen von Verhandlungen zwischen Mafia und Staat" gesenkt worden, freute sich Dell´Utri. Dass ausgerechnet jemand wie Pisanu, einer aus dem eigenen Lager also, dem widersprechen würde, damit hatte er nicht gerechnet.

Die wissen, was damals wirklich geschah, schweigen oder widersprechen sich hoffnungslos. "Es gibt keine Demokratie ohne Wahrheit", mahnt jetzt Carlo Azeglio Ciampi, 1993 Chef einer Notstandsregierung, später Staatspräsident. Er hatte seinerzeit Angst, dass ein Staatsstreich im Gang war, eine Angst, die ihn bis heute quält, verriet der 92-jährige kürzlich. Doch wer putschte auf wessen Befehl? "Jetzt ist Zeit für die Wahrheit." Nur eine Wahrheitskommission könne Licht in das Dunkel bringen, glauben auch einige linke Politiker. Der römische Hofstaat witterte - wie gewöhnlich - eine Intrige, um Berlusconi zu Fall zu bringen.

Autor:  Kordula Doerfler
Datum:  7 | 7 | 2010
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