Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

12. September 2012

Beschneidung: Ärzte sehen in Tradition keine Rechtfertigung

 Von Katja Tichomirowa
Utensilien zur Beschneidung.  Foto: dpa

Kinderschützer fordern einen Runden Tisch zu Beschneidung – und lassen doch viele entscheidende Fragen offen.

Drucken per Mail

Kinderschützer fordern einen Runden Tisch zu Beschneidung – und lassen doch viele entscheidende Fragen offen.

Ärzte und Kinderschützer warnten zwar am Mittwoch wieder vor den Folgen der Beschneidungen. Aber drei entscheidende Fragen blieben unbeantwortet nach der Pressekonferenz in Berlin, auf der verschiedener Organisationen wie die Deutsche Kinderhilfe, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und der Bund Deutscher Kriminalbeamter sich dem Thema aus der Perspektive des Kinderschutzes widmen wollten.

Erstens: Wie konnte die „Tradition“ der Beschneidung in der jüdischen wie in der muslimischen Religionsgemeinschaft überdauern, obgleich sie zu „irreparablen körperlichen Schäden“ und „schwersten Traumatisierungen“ führt? Warum nahm zweitens die deutsche Öffentlichkeit davon bislang hartnäckig keine Notiz?

Und warum bedurfte es drittens eines Urteils des Kölner Landgerichts, um den Berufsverband der deutschen Kinder- und Jugendärzte e.V. gegen dieses angeblich barbarische Treiben auf den Plan zu rufen? Denn an einem ließen die anwesenden Kinderschützer keinen Zweifel: Sie halten die Praxis der Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Jungen für „eine Form der Körperverletzung“, deren Folgen „bagatellisiert und kleingeredet“ würden. Tradition allein aber könne keine Rechtfertigung für den Eingriff in schützenswerte Rechtsgüter sein, heißt es in ihrer gemeinsamen Erklärung.

Schnellschuss verhindern

Mit einer Petition beim Deutschen Bundestag versucht die Gruppe deshalb nun, „einen gesetzgeberischen Schnellschuss“ zu verhindern. Sie fordert ein Moratorium und die Einrichtung eines Runden Tisches, um „in eine Diskussion mit den Religionsgemeinschaften über die Praxis der Beschneidung einzutreten“, wie es die Vorsitzende von Terre des femmes, Irmingard Schewe-Geringk (Grüne) formulierte.

Sachlichkeit statt Emotion

Die Deutsche Kinderhilfe sowie weitere Verbände und Einzelpersonen fordern mit ihrer Petition eine „sachliche Debatte unter Einbezug der Kinderrechte, insbesondere des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit“. Erreicht werden soll ein zweijähriges Moratorium und die Einrichtung eines Runden Tisches. Bislang wurde die Petition vom Deutschen Bundestag nicht angenommen.
Die Petenten verstehen sich als „ein sach- und vernunftorientiertes Netzwerk, das die besondere Verantwortung aus der deutschen Geschichte, die Religionsfreiheit, die Integration jüdischen- und muslimischen Lebens in Deutschland und die Verpflichtung unseres Staates und unserer Gesellschaft auf Umsetzung der UN-Kinderrechtekonvention fest im Blick hat“.

Worüber Ulrich Fegeler, Kinderarzt und Pressesprecher seines Berufsverbandes, Matthias Franz, Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin in Düsseldorf, Irmingard Schewe-Gerigk und Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe e.V. mit den Vertretern der jüdischen und muslimischen Gemeinschaft diskutieren wollen, klang bereits an: über ein „steinzeitliches Ritual“, das nur durch mangelnde Aufklärung und klerikalen Zwang die Jahrhunderte überdauert habe (Matthias Franz), über eine „Körperverletzung, die im krassen Gegensatz zu unseren ärztlichen Grundsätzen steht“ (Ulrich Fegeler) oder über eine überhaupt „schädliche Praxis“, so Irmingard Schewe-Gerigk. Sie schilderte zudem den Eindruck, den eine gefilmte Beschneidung bei ihr hinterlassen hat: „Wenn Sie so einen Film sehen, da wird es Ihnen aber übel.“

Eine Impression, die der israelische Beschneidungsgegner Eran Sadeh noch unterstrich. Er unterstütze die Petition, erklärte Sadeh, und forderte seine Mitstreiter auf, sich über den Vorwurf des Antisemitismus hinwegzusetzen. Ein Verbot der Beschneidung habe nichts mit Antisemitismus zu tun, dafür aber mit dem Respekt für die Menschenrechte von Kindern.

Auch die übrigen Anwesenden verwahrten sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Sie verstünden sich lediglich als Anwälte der Kinder. Dass man die jüdischen und muslimische Gemeinschaft von der Notwendigkeit eines Beschneidungsverbots überzeugen werde, davon ist Irmingard Schewe-Gerigk überzeugt: „Auch die Witwenverbrennung ist schließlich überwunden worden.“

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Erdogan

Die Türkei produziert Flüchtlinge

Von  |
Ein Land droht zu zersplittern: Eine Statue erinnert in Ankara an türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, während die demokratischen Werte in dem Land zunehmende zu verschwinden drohen.

Die Türkei ist kein Land mehr, das Flüchtlinge aufnimmt. Sie ist ein Land, das Flüchtlinge produziert. Wollen wir denen, die zu uns kommen, sagen, die Türkei sei ein sicheres Herkunftsland? Mehr...

Terrorismus

Gefährliche Angst

Anti-Terror-Einsatz in Molenbeek: "Wenn die Angst zur Hysterie wird, haben die Terroristen gewonnen".

Es ist immer noch wahrscheinlicher, in Europa an einer Pilzvergiftung zu sterben als an einem Anschlag. Das eigentlich Bedrohliche ist die gefühlte Gefahr. Der Leitartikel.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung