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Besetzung der Stasi-Zentrale: Nicht so stürmisch

Die Stasi in Ostberlin, das war ein geheimnisvoller Stadtteil, abgeschirmt und gefürchtet: die Stadt der Anderen. Doch die Besetzung der Stasi-Zentrale vor 20 Jahren verlief relativ undramatisch. Von Bernhard Honnigfort

Blick in das verwüstete ehemalige Amt für Nationale
Sicherheit der DDR im Stadtteil Lichtenberg im Osten von Berlin,
nachdem es am 15. Januar 1990 bei einer Demonstration von
aufgebrachten Bürgern gestürmt wurde
Blick in das verwüstete ehemalige Amt für Nationale Sicherheit der DDR im Stadtteil Lichtenberg im Osten von Berlin, nachdem es am 15. Januar 1990 bei einer Demonstration von aufgebrachten Bürgern gestürmt wurde
Foto: dpa

So, das ist es", sagt Jörg Drieselmann. "Hier hat er gesessen." Ein großer, dunkler Raum, knallrote Teppiche, wuchtige Stühle mit blauen Bezügen, Mobiliar aus den Fünfzigern. Die Wände vertäfelt, auf dem Schreibtisch drei Telefone, in den Blumenbänken immer noch der grüne unverwüstliche Bogenhanf. Dann der Privatbereich, eine dunkelbraune Couch, eine Art Schrankwand, ein Bad wie in einer Jugendherberge. Alles sehr solide gearbeitet, aber hässlich wie die Nacht. Drieselmann: "Unglaublich oder?"

Jörg Drieselmann, 53, hager, in der DDR wegen "Hetze" im Gefängnis, führt durch die Räume, die einst Erich Mielke von 1957 bis 1989 in der Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg benutzte. Heute ist hier ein Stasi-Museum.

Die Stasi in Ostberlin, das war ein geheimnisvoller Stadtteil, abgeschirmt und gefürchtet: die Stadt der Anderen. Fast 14000 Menschen arbeiteten dort, von Mielke abwärts bis zum Hilfskoch.

Am 15. Januar 1990, abends gegen 17 Uhr, standen 3000 Demonstranten vor dem Eingang Ruschestraße. Es hatte Flugblätter des Neuen Forums gegeben: "Mit Fantasie und ohne Gewalt", forderten sie. Und die sofortige Schließung aller Stasi-Einrichtungen. "Wir schließen die Tore der Stasi! Bringt Kalk und Mauersteine mit!" Das war heute vor zwanzig Jahren, ein Datum, das als "Tag der Erstürmung" in die Geschichte einging.

"Keine brenzlige Siuation"

Aber, sagt Museumsleiter Drieselmann: "Von Erstürmung kann im Rückblick keine Rede sein." Schon im Sommer 89 soll die Stasi damit begonnen haben, Akten zu vernichten. Im Herbst, als die Mauer fiel, vor allem aber nach dem 5. Dezember, als die Stasi-Außenstelle in Erfurt besetzt worden war, lief das Zerstörungswerk auf Hochtouren.

"Es gab hier keine brenzlige Situation", erzählt Drieselmann. An jenem 15. Januar sei alles längst vorbereitet und geklärt gewesen. In den Wochen zuvor seien ja Bürgerrechtler zu Gesprächen im Stasi-Hauptquartier gewesen.

Nur noch einige hundert MfS-Mitarbeiter seien damals auf dem Gelände gewesen. Die Stasi, schon in Amt für Nationale Sicherheit umbenannt, sollte, so ein Beschluss der letzen SED-Regierung unter Hans Modrow, aufgelöst werden. So saßen die letzten Geheimdienstler in ihren Büros und rechneten, wie man später in Akten lesen konnte, für den Abend des 15. Januar mit "Schmierereien" und leichten Zerstörungen.

Genau so kalkuliert

Jörg Drieselmann steht im großen Besprechungsraum Mielkes. "Man kann doch nur froh sein, dass es so friedlich und ohne Blutvergießen ablief." Die Stasi hatte damals nur eine Straße innerhalb des Viertels beleuchtet: die, die zur Kantine und dem Trakt mit den begehrten Westwaren führte. Als das Tor geöffnet wurde, marschierten die meisten Demonstranten im Dunkeln instinktiv genau diesen Weg entlang, kamen zum Versorgungstrakt und staunten über die westdeutschen Konsumgüter.

Es war wohl genau so kalkuliert. "Die geheimen Räume hat kaum einer von denen gesehen", meint Drieselmann. Ein paar Scheiben und Regale gingen zu Bruch. Aber am Ende sei die sogenannte Erstürmung eine sehr deutsche Sache gewesen: Die Demonstranten halfen danach mit, die Scherben aufzufegen.

Am 31. März wurde das Amt für Nationale Sicherheit aufgelöst. In den Häuserblöcken der Stasi ist heute die Deutsche Bahn untergebracht, ein Ärztehaus, Berliner Kommunalverwaltung, das Finanzamt und die Birthler-Behörde mit den Akten, die übrig geblieben sind trotz der monatelangen Zerstörung.

Autor:  Bernhard Honnigfort
Datum:  15 | 1 | 2010
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