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06. Januar 2014

Bewegungsstiftung: „Bafög" für Profi-Protestierer

 Von 
Polit-Kletterin Cécile Lecomte nutzt auch die Stiftung.  Foto: Andreas Arnold

Wer mit den herrschenden Verhältnissen in der Bundesrepublik unzufrieden ist, kann auch mit Geld die Welt retten. Die Bewegungsstiftung finanziert Demonstrationen und Widerstand.

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Keine Zeit zum Schreiben von Protestbriefen? Zu gebrechlich zum Demonstrieren? Macht nichts. Wer mit den herrschenden Verhältnissen in der Bundesrepublik unzufrieden ist, kann auch mit Geld die Welt retten. Wenn man sich an die sogenannte Bewegungsstiftung wendet.

Die sitzt in Verden bei Bremen und sammelt für „soziale Bewegungen“. Seit ihrer Gründung 2002 hat die Stiftung bereits 140 Menschen dazu gebracht, mindestens 5000 Euro oder sogar ein ganzes Familienerbe für die linke Sache herzugeben. So hat sich im Laufe der Jahre ein Kapitalstock von immerhin fünf Millionen Euro angehäuft. Aus den Zinsen und aus kleineren Einzelspenden konnte die Stiftung inzwischen zwei Millionen verteilen – vor allem an Initiativen für Menschenrechte, Ökologie und Frieden, von „attac“ über „Lobby Control“ bis „Robin Wood“.

Neuer Gegner GroKo

Aktuell wirbt die Bewegungsstiftung, die auf ihre „parteipolitische Neutralität“ viel Wert legt, um Spenden für außerparlamentarische Proteste gegen die neue schwarz-rote Bundesregierung. Über die Feiertage haben sich jedoch noch keine neuen Sponsoren gemeldet.

Geschäftsführer Matthias Fiedler sieht allerdings die kritischen Kräfte der Republik jetzt gerade besonders gefragt: „Egal, ob es um Datenschutz, Flüchtlingspolitik oder Energiewende geht – in all diesen Bereichen gehen die Pläne der großen Koalition in die falsche Richtung.“ Und dann ist die Opposition auch noch so klein, dass sie formal nicht mal einen Untersuchungsausschuss durchsetzen könnte. „In einer solchen Situation“ so Fiedler, „braucht es eine starke Zivilgesellschaft und Druck von der Straße, um die Politik zum Umdenken zu bewegen“. Machbar wäre das, denn: „Was im Koalitionsvertrag steht, ist noch lange kein Gesetz.“

Und was empfehlen die Bewegungsanlageberater dem kritisch Spendablen? Für den Anti-GroKo-Kampf vor allem das „Protestsparen“: Wer vorübergehend Geld übrig hat, leiht es der Stiftung zinslos. Sie legt es – ethisch korrekt – an und unterstützt mit den Zinsen zum Beispiel Kampagnen für eine echte Energiewende, für besseren Datenschutz und mehr Flüchtlingsrechte.

Aber auch Spenden ohne Rückzahlrecht sind gern gesehen. Und dann ist da noch das Patenschaftsmodell für „BewegungsarbeiterInnen“ – man könnte es vielleicht auch „Protest-Bafög“ nennen: Die Stiftung vermittelt für derzeit acht Aktivisten, die sich mit Haut und Haar engagieren und deshalb kaum noch Zeit zum Geldverdienen haben, eine Art Stipendium, das von Paten aufgebracht wird. Mit mindestens zehn Euro pro Monat ist man dabei. Für die Bewegungsarbeiter springen dabei monatlich bis zu 900 Euro heraus. So können sie unbeschwerter Atommülltransporte blockieren wie die Kletteraktivistin Cécile Lecomte (32) – als „Das Eichhörnchen“ auch schon an Frankfurter Fassaden aufgefallen – oder Flüchtlinge beraten und das EU-Grenzgebaren anprangern wie der Hanauer Hagen Kropp (53).


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„Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die ihr Leben professionell der Politik widmen“, sagt Stiftungssprecherin Wiebke Johanning über die Bewegungsarbeiter. „Die Gegenseite arbeitet schließlich auch mit professionellen Strukturen.“

Aber bewegungsträge Spender sollen bloß nicht denken, sie könnten sich wie bei einem Ablasshandel einen Demonstranten mieten, der in ihrem Auftrag Schilder hochhält. Denn die Stiftung betont: „Die Leute arbeiten unabhängig. Kein Pate kann da Anweisungen geben.“

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