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Politik
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19. September 2012

Bildung: A wie Analphabet

 Von Gesa Mayr
Buchstaben zusammensetzen, so dass sie sinnvolle Worte ergeben, das ist eine für erwachsene Analphabeten nur mühsam zu erlernende Fähigkeit.  Foto: Markus Wächter

Mehr als 7,5 Millionen Menschen in Deutschland können weder richtig lesen noch schreiben. Einer davon ist Gerd Pranges. Ein Beispiel aus Berlin.

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Gerd Pranges Lieblingswort ist „dann“. Weil es am Anfang für ihn so schwer zu lesen war, die Buchstaben fanden einfach nicht zusammen. Bis er eine Eselsbrücke fand: Wenn nicht jetzt, wann dann. Das konnte er sich merken. Und irgendwie ist das jetzt auch sein Lebensmotto.

Prange sitzt im Lesezimmer des Arbeitskreises Orientierungs- und Bildungshilfe (AOB) in Berlin-Kreuzberg. Im Regal steht Kästners „Emil und die Detektive“, daneben ein paar Sachbücher. Gleich beginnt der Alphabetisierungskurs, an dem der 55-Jährige teilnimmt, der in seinem Leben nie wirklich lesen und schreiben gelernt hat.

Die Ursachen sind vielschichtig. Prange erzählt von seiner Mutter, der sieben Kinder zu viel wurden und die ihn immer öfter zu Pflegeeltern verschickte. Von der Sonderschule, die er mit 17 Jahren ohne Abschluss verließ und wo er in einem Schuljahr einmal 52 Tage fehlte. Konsequenzen hatte das nie.

Dass er nicht richtig schreiben noch lesen konnte, fiel weder zu Hause noch in der Schule auf . „Ick hab’ mich eigentlich mein ganzes Leben so durchgeschummelt“, sagt er. Zum Beispiel in der Reinigung, in der er 20 Jahre arbeitete. Die Maschinen ließ er sich von Kollegen erklären, die Reinigungsmittel erkannte er an der Farbe und zum Bügeln brauchte er kein Alphabet.

Ein endloses Versteckspiel

Einige Worte konnte er entziffern, die Namen der Fußballmannschaften etwa gegen die er spielte. Mit wichtigen Papieren ließ er sich von Bekannten helfen. Erst als er seinen Job wegen eines Rückenleidens verlor, suchte er Hilfe.

So wie Prange ergeht es vielen Menschen in Deutschland. Erst im vergangenen Jahr fand eine Studie der Universität Hamburg heraus, dass in Deutschland nicht wie zuvor vermutet vier, sondern siebeneinhalb Millionen Menschen als sogenannte funktionale Analphabeten leben. Das heißt: 14,5 Prozent der deutschen Bürger zwischen 18 und 64 Jahren können nicht richtig schreiben und lesen, obwohl sie eine Schule besucht haben.


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Um mehr Menschen Mut zu machen, sich aus der Heimlichkeit zu wagen und einen Kurs zu besuchen, hat die Bundesregierung am Mittwoch eine Alphabetisierungskampagne gestartet. „Die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, ist das Fundament für Bildung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“, sagte Bildungsministerin Annette Schavan zur Vorstellung der Kampagne in Berlin. Unter dem Motto „Lesen und Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ sollen Betroffene ermutigt werden, Hilfe zu suchen.

Bislang traut sich nur ein kleiner Teil wie Prange, diese Schwäche offen einzugestehen. Die Psychologin Ute Jaehn-Niesert arbeitet beim AOB seit mehr als drei Jahrzehnten mit Menschen wie Prange. Der AOB war der erste Verein in Deutschland, der 1977 begann, Alphabetisierungskurse für Jugendlichen und Erwachsenen anzubieten und ist heute noch einer der wenigen, der auch psychologische Betreuung anbietet. Viele Teilnehmer kommen aus einem sozial schwachen Umfeld, manche haben Erfahrungenen mit Gewalt oder Abhängigkeiten gemacht.

Viele Analphabeten schämen sich ihrer Schwäche. „Lesen und Schreiben wird schnell mit Intelligenz in Verbindung gebracht, daher die Stigmatisierung“, sagt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverband Alphabetisierung. Dabei hat Analphabetismus hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Ganz im Gegenteil.

Den Alltag ohne lesen und schreiben zu meistern, erfordert besondere Fähigkeiten. Ständig müssen Ausreden gefunden werden. Ich muss die Formulare mit nach Hause nehmen, weil ich meine Brille vergessen habe, wird etwa dem Sachbearbeiter im Amt erzählt. Straßenschilder, die Farbe der Buslinie, die Grafiken auf der Tablettenpackung prägen sich Analphabeten oft fotografisch ein, und täuschen vor, sie könnten das dort Geschriebene entziffern.

20 Millionen Euro vom Bund

Um diesen Menschen zu helfen, beschloss die Bundesregierung im Dezember 2011 die „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“. Immerhin hatte sich Berlin im Rahmen der UN-Weltdekade der Alphabetisierung bereits 2002 verpflichtet, die Zahl der Betroffenen zu halbieren. 20 Millionen Euro hat der Bund seither investiert, vor allem in Projekte und Forschung. Die Alphabetisierungskurse aber fallen in das Ressort Bildung und sind somit größtenteils Ländersache. Die Angebote von Land zu Land sind daher sehr unterschiedlich. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zum Beispiel ist die Alphabetisierung im Weiterbildungsgesetz verankert, was die Finanzierung erleichtert.

In Berlin aber gibt es keine spezielle Förderung der Kurse. Die jeweiligen Bezirke entscheiden selbst, in welchem Umfang sie ihre Mittel für die Alphabetisierungsarbeit einsetzen. 2011 wurde der AOB mit 138 000 Euro gefördert, die Volkshochschulen mit 300.000 Euro. Dabei leben allein in der Hauptstadt mindestens 300.000 Betroffene. #

Deutschlandweit halten die Volkshochschulen als Hauptanbieter 20.000 Kursplätze für Analphabeten bereit. Hinzu kommen einige wenige Plätze privater Träger wie dem AOB. Der Bundesverband Alphabetisierung hält das für viel zu gering. Mindestens 100.000 Plätze wären aber nötig.

Sollte die Kampagne des Bundes tatsächlich sehr viel mehr Analphabeten animieren, Kurse zu besuchen, gebe es gar nicht genügend Plätze. „Ich finde das unverantwortlich“, sagt die Psychologien Jaehn-Niesert. „Diese Überwindung kostet die Leute so viel Kraft und dann muss ich ihnen sagen, dass es keinen Platz für sie gibt?“ Bund und Länder wollen jedoch erst die Rückmeldungen abwarten und dann auf den Bedarf reagieren.

Mindestens 900 Unterrichtsstunden sind nach der Erfahrung des deutschen Volkshochschulverbands nötig, bis ein Erwachsener lesen und schreiben kann. Die Länder müssten knapp fünf Euro pro Platz und Unterrichtstunde zahlen. Das wären demnach pro Kursplatz 4 500 Euro. Allein für die geforderten 100 000 Plätze müssten 450 Millionen Euro fließen. Mit zusätzlichen Kosten etwa für Wiederholungstests wären es 470 Millionen.

Schulen und Lehrer sensibilisieren

Nach Ansicht des Bundesverband Alphabetisierung müsste die Wirtschaft einbezogen werden. „Das kommt zwangsläufig auf Unternehmen zu, weil es nicht ausreichend qualifizierte Leute auf dem Arbeitsmarkt gibt“, sagt der Vorsitzende Hubertus. Auch die Schulen müssen angesprochen und Lehrer fortgebildet werden, damit sich Kinder nicht länger mit kaum existenten Schreib- und Lesefähigkeiten durchmogeln können.

Gerd Prange besucht nun seit anderthalb Jahren den Alphabetisierungskurs. Selbst seine neunjährige Tochter weiß nichts davon. „Nachher denkt sie sich, wenn der Papa nicht lesen und schreiben kann, warum soll ich dann“, sagt Prange. Doch bald wird er sich nicht mehr verstecken müssen. Inzwischen liest er sogar ab und zu Zeitung, auch wenn er noch nicht alles versteht. Das macht Mut. „Vielleicht mache ich ja auch noch mal eine Lehre“, sagt er. Das hätte er sich früher nicht zugetraut.

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