Dass in der Hemingway-Sekundarschule in Berlin-Mitte die digitale Zukunft des Lernens schon begonnen hat, sieht man gleich, wenn man in eines der Klassenzimmer kommt. Die Kreidetafeln sind abgeschafft, die ganze Schule ist mit elektronischen Smartboards ausgestattet. Die Deutschlehrerin der Klasse 10a wirf mit dem Beamer verschiedene Bilder und Skizzen an die Wand. „So sparen wir Zeit, ich kann mein Tafelbild jederzeit abrufen“, sagt sie. In einem Schaubild geht es um die Entwicklung der beiden Hauptcharaktere in Schillers „Kabale und Liebe“. Dazu erscheinen auf dem Smartboard Zeichnungen aus der Welt des 18. Jahrhunderts.
Wenn der 17-jährige Muhamet nun gefragt wird, wer Friedrich Schiller war, dann zückt er einfach seinen Tablet-Computer und sucht diesen Namen. Die 30 Schüler der Klasse 10a sind gewissermaßen Testpersonen für den chinesischen Computerhersteller Huawei. Der hat der Klasse 10a im Dezember 30 Tablet-Rechner geschenkt. Im Gegenzug erhält Huawei wichtige Informationen. „Wir geben Rückmeldung, wie die Geräte im Unterricht eingesetzt werden können“, sagt Lehrer Torsten Retschlag, der Computerexperte.
Südkorea: In dem asiatischen Land setzt die Regierung voll auf digitale Medien. Das Bildungsministerium will innerhalb weniger Jahre Schulbücher durch E-Books ablösen und dafür 1,4 Milliarden Euro ausgeben, berichtet die Zeitung Chosunilbo. Familien mit geringem Einkommen sollen die Tablets kostenlos erhalten.
Türkei: Wirtschaftsminister Zafer Caglayan hat im August 2011 verkündet, dass die türkischen Schulen in den kommenden vier Jahren mit 15 Millionen Tablets ausgerüstet werden. Das Projekt soll den Bildungsstandard mithilfe moderner Technologie verbessern.
Uruguay: Als weltweit erstes Land hat Uruguay bereits 2009 allen Grundschülern des Landes zwar keinen Tablet-Computer, aber einen Laptop zur Verfügung gestellt. Eine revolutionäre Kampagne für ein Land, in dem die digitale Bildungskluft bislang sehr groß war. In abgelegenen Regionen gibt es allerdings Probleme mit dem Internetzugang. Die sogenannten XO-Laptops wurden von dem gemeinnützigen amerikanischen Verein „One Laptop per Child“ für die Bedürfnisse von Schulkindern entwickelt: Sie sind robust, haben aber wenig Speicherplatz. Preis etwa 160 Euro.
Indien: Derzeit sind erst einige Tausend Schüler in Indien mit einem Tablet ausgerüstet. Im vergangenen Oktober stellte das Bildungsministerium daher ein einigermaßen erschwingliches Gerät für den Unterricht vor. Mit dem 40 Euro billigen „Aakash“ (zu deutsch „Himmel“) sollte das Lernen digital bereichert werden. Bezahlen müssen die Eltern selbst. Tatsächlich wurden in den ersten zwei Wochen nach Verkaufsstart 1,4 Millionen Tablets verkauft – bei 1,2 Milliarden Indern macht das allerdings nur 0.1 Prozent der Bevölkerung aus.
Großes Geschäft
Konzerne wie Huawei wittern das große Geschäft mit Tablet-PCs und Lernsoftware an Schulen. Der amerikanische Computer-Konzern Apple hat die siebte Klasse einer Berliner Eliteschule des Sports mit iPads ausgestattet. Allerdings ließ Apple sich das von der Initiative „Computer in die Schulen“ bezahlen.
Tatsächlich hat Deutschland bei der Computernutzung an Schulen Nachholbedarf. Die deutschen Schulen stehen im OECD-Vergleich im Mittelfeld, laut jüngsten Studien kommt auf zehn Schüler nicht einmal ein Computer, Australien oder Ungarn haben eine viel bessere Ausstattung. Dies liegt sicher daran, dass Sponsoring hierzulande nicht so ausgeprägt ist, aber auch daran, dass es keine gesamtstaatliche Politik für digitales Lernen gibt. Eine Studie der Initiative D21 spricht von einer „stagnierenden Digitalisierung“ in Deutschland.
Die beliebte Berliner Hemingway-Schule wurde von Huawei für das deutschlandweit einzigartige Pilotprojekt ausgesucht, weil man hier auf Informationstechnik spezialisiert ist. Durch die mit EU- und Landesmitteln geförderten Smartboards sind zudem alle Lehrer mit den Möglichkeit digitaler Medien vertraut. Gestaltet sich der Tablet-Versuch in Berlin vielversprechend, will Huawei als nächstes eine Schule im hessischen Darmstadt mit den digitalen Lernhilfen ausstatten.
Die Schüler haben nun zum Beispiel den Duden, ein deutsch-englisches Wörterbuch und eine mathematische Formelsammlung auf ihr Tablet geladen. „Das hilft bei den Hausaufgaben“, sagte Muhamet, der später Mechatroniker werden möchte. Zu Hause greifen sich schon mal seine Geschwister das Tablet. „Da muss ich aufpassen, dass sie keinen Unsinn machen.“
Das kleine Gerät könne aber auch süchtig machen, wirft Mitschüler Göksel ein. Die ganzen Spiele, dubiose Internetseiten und Facebook wären eine echte Verlockung. Sehr hilfreich sei das Gerät bei den Präsentationsprüfungen für den Mittleren Schulabschluss, sagt Emre. Für sein Thema „Heilpflanzen“ habe er sich schon viele Bilder und Texte auf das Gerät geladen.
Veränderung des Unterrichts?
Wie wird der Tablet-PC den Schulunterricht verändern? „Wir werden in einigen Jahren keine Hefter und Bücher mehr haben“, sagt ein Schüler. „Wir werden verlernen, mit der Hand zu schreiben“, glaubt ein anderer. Womöglich müsse man nicht immer zusammen in einer Klasse sitzen. Digitale Arbeitsblätter könne man überall bearbeiten.
Klassenlehrer Mario Geipel erinnert daran, dass der Tablet-PC mit allen Sinnen lernen lässt. Das Gerät sei auch schon beim Hochsprung im Sportunterricht eingesetzt worden. „Die Schüler haben sich gegenseitig gefilmt und geguckt, ob die Sprunghaltung richtig war“, sagt Geipel. Die Schüler haben auch eine Astro-App für den Physikunterricht, mit der sie sich den Sternenhimmel auf den Tablet holen.
Und dann sind da noch die praktischen Fragen: Huawei übernimmt die Garantie für die Computer, bei groben Beschädigungen soll die Haftpflicht der Schüler einspringen. Schulleiter Uwe Schüsterl überlegt noch, in welchem Rahmen das Herunterladen kostenpflichtiger Apps möglich sein soll. Eine eigene SIM-Karte für jeden Computer, über die das möglich wäre, müsste die Schule zahlen. Und Kosten verursachen, das darf die digitale Revolution im Klassenzimmer natürlich nicht.
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