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Angriff auf den Al-Kaida-Chef: Bin Ladens Ende

War es eine Exekution? Was wussten Pakistans Behörden? Die Spekulationen gehen weiter. Und das Weiße Haus hat entschieden, keine Fotos des getöteten Terroristenchefs Osama bin Laden zu veröffentlichen.

Heldenverklärung: Osama bin Ladens Bilder hängen zum Gedenken in Karatschi, Pakistan. Foto: rtr

Das Doppelbett ist aus billigem Holz, Kissen und Decken liegen zerstreut darauf, die Matratze ist ohne Laken. Vor dem Bett, auf dem Fußboden, ist eine große Blutlache zu sehen. Osama bin Laden, das legen Fotos vom Tatort nahe, wurde offenbar im Bett überrascht. Und wie die USA nun zugaben, war der 54-Jährige unbewaffnet. Mit einem Kopfschuss war er in der Nacht zum Montag niedergestreckt worden. Angeblich sei die linke Schädeldecke weggesprengt worden.

Die USA sagen, der kranke Al-Kaida-Chef habe sich gewehrt, laut CIA-Chef Leon Panetta machte er „bedrohliche Bewegungen“ anstatt einfach „die Hände hoch zu nehmen“ – seine Tötung sei daher durch internationales Recht gedeckt. Doch selbst US-Medien wundern sich: Wie hat sich ein Unbewaffneter wehren können? Pakistan goss nun noch Öl ins Feuer. Eine der gefangenen Töchter Bin Ladens, ein zwölf Jahre altes Mädchen, habe ausgesagt, die US-Soldaten hätten ihren Vater lebend gefangen und dann vor den Augen seiner Familie hingerichtet, steckte ein ungenannter pakistanische Beamter der Zeitung Al-Arabija. Ob es wahr ist? Irritiert fragte auch das US-Magazin Time: „War dies ein Tod im Gefecht – oder tatsächlich in jeder Hinsicht eine Exekution?“

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Höchst absonderliche Reaktion Pakistans

Drei Tage nach Bin Ladens Tod erscheint der ganze Vorgang weiter wie ein Puzzle, dessen Teile sich noch nicht recht zu einem Gesamtbild zusammenfügen wollen. Das Weiße Haus teilte unterdessen nach Informationen amerikanischer Nachrichtensenders mit, es werde keine Fotos des getöteten Terroristenchefs bin Laden veröffentlichen.

Codename umstritten

In den USA wird kritisiert, dass der getötete Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bei der Kommandoaktion in Pakistan den Codenamen „Geronimo“ erhalten hatte.

Geronimo (1829–1909) ist ein hoch geachteter und berühmter Häuptling der Apache-Indiander. Er hatte Ende des 19. Jahrhunderts gegen die Truppen der USA und Mexikos gekämpft, bis er sich 1886 ergab.

Loretta Tuell, führende Beraterin des Senatskomitees für indianische Angelegenheiten, erklärte, es sei völlig unangemessen, „einen der größten Helden der indianischen Ureinwohner“ mit dem meistgehassten Feind der USA in Zusammenhang zu bringen. Steven Newcomb, Kolumnist der Wochenzeitung Indian Country Today, sprach von einer „respektlosen“ Verwendung des Namens. Ein afroamerikanischer Präsident reiche offenbar nicht aus, um die Tradition zu überwinden, dass Indianer als Feinde der USA betrachtet würden, so Newcomb. „Geronimo!“ wird in den USA auch als Angriffsschrei verwendet, der auf US-Fallschirmspringer im Zweiten Weltkrieg zurückgeht.

Es gibt eine Version, die Washington verbreitet und die als Vorlage für ein Hollywood-Drehbuch dienen könnte. Demnach haben die USA den Staatsfeind Nummer eins in jahrelanger Spionagearbeit aufgestöbert und eine todesmutige Truppe der Elite-Einheit Navy Seals, das legendäre Team Six, hat ihn in einer heldenhaften Kommandoaktion zur Strecke gebracht. Das ist die eine Version.

Doch es bleiben viele Fragen. Nicht nur an die USA.

Höchst absonderlich wirkt auch die Reaktion Islamabads. Die Pakistaner werden nicht müde zu erklären, dass die US-Operation „ohne Wissen und ohne Billigung“ pakistanischer Stellen durchgeführt wurde. Auch CIA-Chef Panetta stützte diese Version nun. Man habe Pakistan nicht in die geplante Aktion gegen Bin Laden eingeweiht. Das Land hätte sonst den Zugriff gefährdet, erklärte Panetta. Man kann dies als böse Kritik auslegen – oder aber als offizielles US-Alibi für Pakistan, dass es nicht in den Tod Bin Ladens verwickelt ist. Mehr noch: Ohne mit der Wimper zu zucken, behauptet Pakistan, dass es keinerlei Ahnung hatte, dass der Al-Kaida-Gründer in Abbottabad hauste, wo es von Militärs und Geheimdienstlern nur so wimmelt. Es scheint, Pakistans gefürchteter Geheimdienst ISI steht lieber als Volltrottel da, anstatt in den Ruch zu geraten, an seinen Händen klebe das Blut Bin Ladens.

Doch kaum jemand, der Pakistan ein wenig kennt, mag die Fabel von den depperten ISI-Agenten glauben. „Wurde er verraten? Natürlich“, schreibt der britische Journalist und Terrorexperte Robert Fisk im Independent. „Pakistan wusste seit langem, wo er steckte.“ Gestützt wird diese Einschätzung ausgerechnet von einem Staatssekretär im pakistanischen Außenministerium. Der ISI habe die US-Geheimdienste schon 2009 auf das Gelände aufmerksam gemacht, sagte Salman Bashir der britischen BBC.

Der indische Analyst M.K. Bahdrakumar ist gar überzeugt, dass Pakistan Bin Laden ans Messer lieferte. Er nimmt Pakistan auch nicht ab, dass es nichts von dem geplanten US-Zugriff wusste. Die militärnahe, pakistanische Zeitung The Nation will erfahren haben, dass Stunden vor dem US-Zugriff auch ausgewählte Einheiten der Armee in Abbottabad in Bereitschaft für einen Einsatz gegen Terroristen versetzt wurden. Sollte Pakistan seine Hände im Spiel gehabt haben, ist es jedoch klug beraten, dies zu dementieren: Der islamische Staat muss Angst vor einer Dolchstoßlegende haben. „Pakistan könnte den Preis für Bin Ladens Tod zahlen“, warnt der Analysedienst Asia Times online bereits. Fanatiker würden das Land als Verräter ansehen und blutige Rache schwören.

Zukunft am Hindukusch

Schon seit Jahren kursierten in der Afpak-Region Gerüchte, dass Pakistan weiß, wo Bin Laden ist. Und möglicherweise auch die USA. „Es war ein Tod, den man hätte vorhersagen können“, meint Bhadrakumar. „Bin Ladens Zeit war abgelaufen.“ Der Al-Kaida-Gründer sei gewissermaßen die Morgengabe Islamabads an Obama gewesen, um Pakistans Rolle im Endspiel in Afghanistan zu stärken. „Stillschweigend wertschätzt Obama, dass Pakistan ein so großes Risiko auf sich genommen hat, da der Al-Kaida-Führer für Pakistans Massen immer noch eine hochemotionale Figur ist.“

Zudem konnte der angeschlagene Obama einen Befreiungsschlag dringend brauchen. Während Westmedien noch über den Schlagabtausch zwischen Washington und Islamabad berichteten, saßen beide längst wieder an einem Tisch: Kaum beachtet traf sich der Afpak-Sondergesandte der USA, Marc Grossman, bereits am Dienstag mit Vertretern von Pakistan und Afghanistan.

Es ging um die Zukunft am Hindukusch, eine Zukunft nach dem Krieg. Bin Ladens Tod könnte sie näher gebracht haben.

Autor:  Christine Möllhoff
Datum:  4 | 5 | 2011
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