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14. Januar 2016

Bio-Betriebe: Das Märchen von der mageren Bio-Ernte

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Weizenernte bei Dortmund. Befällt ein Pilz kurz vor der Ernte das Feld, sprüht der konventionelle Erzeuger ein Fungizid. Dem Bio-Bauern dagegen sind die Hände gebunden.  Foto: REUTERS

Mit einer dubiosen Ertragsstudie konstatiert der Industrieverband, dem alle führenden Firmen der Agroindustrie angehören, dass Bio-Betriebe inzwischen die doppelte Fläche für denselben Ertrag benötigten. Die Datengrundlage der Studie ist dünn.

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Es ist natürlich, wenn Biobauern weniger Weizen ernten als ihre konventionellen Nachbarn. Selbst wenn der Biobauer perfekt arbeitet, er wird am Ende dennoch in der Regel unterlegen sein, weil zum Beispiel kurz vor der Ernte noch mal ein Pilz zuschlägt. Den kann der konventionelle Landwirt mit einem Fungizid bekämpfen, dem Ökolandwirt aber sind aus guten Gründen die Hände gebunden.

Genüsslich hat diesen Umstand jetzt der Industrieverband Agrar IVA ausgeweidet. Unter dem Titel „Erträge im Ökolandbau fallen weiter zurück“ behauptet der Verband, dem alle führenden Firmen der Agroindustrie, von Bayer über BASF, Dow und Syngenta bis hin zu Monsanto angehören, dass Bio-Betriebe inzwischen die doppelte Fläche für denselben Ertrag benötigen. Die hinter dieser Meldung unausgesprochene Botschaft soll offenbar lauten: Mit Bio lasse sich nun mal nicht die Welt ernähren. Das könnten nur die „modernen“ Landwirte, jene, die auf Spitzen- und Spritzentechnik setzen.

Doch es regt sich Widerspruch. Denn die Datengrundlage, auf der die vom IVA beauftragten Fachleute gerechnet hatten, ist dünn.

So wurde auf Material des bundeseigenen Thünen-Instituts zurückgegriffen. Die Thünen-Daten sollen aber etwas ganz anderes belegen, nämlich die „relative ökonomische Vorzüglichkeit“ des ökologischen Landbaus. Damit aber stehe die IVA-Rechnung, so das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FIbL, „auf wissenschaftlich unsicherem Boden“.

Meist schlechtere Standorte

So bestätigt das Thünen-Institut der FR, dass das vom IVA verwendete Material weder dazu gedacht „noch dazu geeignet“ war, die physischen Erträge ökologischer und konventioneller Betriebe miteinander zu vergleichen. Felix Löwenstein, Vorstand des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, sieht deshalb durch den IVA-Bericht „Äpfel mit Birnen“ verglichen. Auch wittert er „unwissenschaftliche Propaganda“ hinter dem Vorstoß des Verbands.

Das Problem des offenbar also untauglichen Vergleichs: Ökohöfe arbeiten meist auf ertragärmeren Standorten, – wenn schwächere Standorte mit reichen Gegenden verglichen werden, muss ein schiefes Bild entstehen. Der IVA hingegen sagt, man habe diese statistische Verzerrung herausfiltern wollen.

Wie auch immer: Es existieren reihenweise seriöse Vergleiche zwischen ökologischem und konventionellem Landbau, und keiner belegt einen derart großen Abstand wie von der Industrie behauptet. So kam die TU München unlängst in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Ökohöfe beim Weizenanbau je nach Region 40 bis 80 Prozent des Ertragsniveaus der konventionellen Kollegen erreichen. Beim Tierfutter, also etwa Heu oder Silage, aber sind die Erträge auf demselben Niveau. Oft holen Ökobauern sogar mehr von der Wiese herunter.

Ökomais wächst besser

Auch internationale Studien werfen ein günstigeres Licht auf die Ernte im Ökolandbau: So verglich die Universität Berkley 2014 die Daten von 115 Studien, die 52 Feldfrüchte in 38 Ländern beleuchteten. Das Ergebnis: Die Bioerträge liegen 20 bis 25 Prozent unter denen der konventionellen Bauern. Ein Niveau, das das FIbL auch für Europa bestätigt.

Günstiger gar fielen Tests des US-amerikanischen Rodale-Instituts in Pennsylvania aus. Dort finden seit über 30 Jahren Anbauversuche statt. Das Ergebnis: Biobauern können, weil ihre Systeme besser mit Trockenheit klarkommen, bis zu einem Drittel mehr Mais ernten als ihre oft auf Gentec-Mais spezialisierten Kollegen.

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Aber es gibt auch deutsche Beispiele, die belegen, dass auch Biobauern beim Ertrag auf Augenhöhe mit den Nachbarn arbeiten. So macht Demeter-Bauer Friedrich Wenz seit einiger Zeit vor, dass er im Oberrheingraben gleich viel oder sogar mehr Soja zu ernten versteht als seine konventionellen Nachbarn. Sein Geheimnis: Er sorgt für eine hohe Humusanreicherung im Boden.

Vielleicht aber ist der Ertragsvergleich ohnehin unredlich, denn die auf Hochleistung getrimmte, Chemiebasierte Landwirtschaft belastet die Natur enorm, vernichtet die Artenvielfalt oder verschmutzt das Grundwasser. Der Ökolandbau steht hier viel besser da, und er wirkt obendrein, da er deutlich mehr Kohlenstoff aus der Luft in Form von Humus bindet, dem Klimawandel entgegen.

Spitzenreiter sind die Ökobauern auf einem anderen Feld: Während konventionelle Agrarbetriebe sinkende Gewinne beklagen, können Ökos ihren Gewinn weiter steigern.

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