Der Auftritt ist professionell. Die Stimme fest, die Mimik kontrolliert. Zwischendurch gelingt Margot Käßmann sogar ein verbindliches Lächeln. Dabei ist ihr Rücktritt als Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende gewiss der schwierigste Moment in ihrer kirchlichen Laufbahn, die die 51 Jahre alte Theologin bis ins höchste Spitzenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland geführt hat. Und so ist die äußerliche Gelassenheit vielleicht sogar der beste Beleg für den inneren Kampf einer Frau, die sonst immer für die großen Emotionen und impulsiven Gesten gut war.
Sie habe einen "schweren Fehler gemacht", den sie zutiefst bereue, sagt Käßmann am Beginn ihrer kurzen Erklärung mit Blick auf ihre Alkoholtour durch das nächtliche Hannover am vorigen Wochenende. Nachfragen sind nicht zugelassen. Am Ende sagt sie kurz danke, zitiert den Glaubenssatz, der Mensch könne nie tiefer fallen als in Gottes Hand - und geht.
Alle Vorwürfe, die "in dieser Situation berechtigterweise zu machen sind", habe sie sich auch selbst gemacht, hat sie zuvor gesagt und ist damit auf die eingegangen, die sie kritisieren - durchaus auch in ihrer Umgebung. Ihr Vize im EKD-Ratsvorsitz und Interims-Nachfolger, Nikolaus Schneider, sagt im Gespräch mit der FR, zweifellos habe die Bischöfin "Schuld auf sich geladen". Aber, so fügt er hinzu, sie sei auch bemerkenswert offen damit umgegangen. Ihr Rücktritt entspreche der Gradlinigkeit ihres Wesens und sei in seiner Konsequenz durchaus auch "vorbildlich".
Ihre Vorbildfunktion und ihre kirchliche Autorität hat Käßmann auch im Auge, als sie ihren Rücktritt begründet. "Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so, wie ich sie hatte." Nicht von ungefähr geht sie auf ihre Predigt an Neujahr über die Zustände in Afghanistan ein. Die harsche Kritik an Zitaten wie "Nichts ist gut in Afghanistan", sei nur durchzuhalten, "wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird". Um der Wahrheit die Ehre zu geben: So mancher Kritiker, der sie der Ahnungslosigkeit und des Dilettantismus, ja des Verrats an den deutschen Soldaten am Hindukusch zieh, dürfte die Überzeugungskraft auch schon vorher als "eingeschränkt" erachtet haben.
Aber für Käßmann war und ist vor allem das eigene Grundgefühl wichtig, mit dem sie in die Debatten geht. Dazu passt, was ihr ein Ratgeber gesagt habe: Bleibe bei dem, was dein Herz dir rät. "Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben." Ein Rücktritt um des Amtes willen, aber auch aus "Respekt und Achtung vor mir selbst" und um der "Gradlinigkeit" willen, "die mir viel bedeutet". Da ist wieder eben jenes Wort, das auch Käßmanns Vize Schneider und Synoden-Präses Katrin Göring-Eckardt benutzen, um Käßmanns Haltung zu charakterisieren - eine Übereinstimmung, die kaum Zufall ist.
Schneider, der nun kommissarisch an die Spitze des EKD-Rats tritt, spricht von einem "großen, herben Verlust". Margot Käßmann habe "so viele Gaben, die unsere Kirche nötig hat und ihr gut tun".
Für die katholische Bischofskonferenz, die in Käßmann ein oftmals streitbares Gegenüber hatte, sagt deren Vorsitzender Robert Zollitsch: Er habe die EKD-Ratsvorsitzende als einen "Menschen kennengelernt, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen". Die Gründe für Käßmanns Entscheidung könne er verste hen. Wenn sie im Amt geblieben wäre, fügte Zollitsch am Rande der Frühjahrsvollsammlung der Bischöfe in Freiburg auf Fragen von Journalisten hinzu, "wäre sie wahrscheinlich nie da von weggekommen". Ihr Entschluss sei "ein Befreiungsschritt".
Dagegen lässt der Chef der konservativen "Bekennenden Gemeinschaften", Ulrich Rüß, unverhohlen Genugtuung erkennen: "Privat" habe Käßmann sein "tiefes Mitgefühl", aber als Amtsperson sei sie untragbar geworden. "Wenn sie weitergemacht hätte, hätte sie nicht mehr den Rücken freigehabt für moralische Anmahnungen". Dass diese "Anmahnungen" den Evangelikalen zuwider waren - wie in der Afghanistan-Debatte -, sagt Rüß nicht dazu.
Aber seine Lagebeurteilung trifft sich mit der Sicht, die am Tag vor Käßmanns Rücktritt eine Telefonkonferenz des EKD-Rats beherrscht hat. Es sei das Ergebnis einer "realistischen Bestandsaufnahme" gewesen, dass es für Käßmann sehr schwer werden würde, weiterzumachen, berichtet ein Teilnehmer. Trotzdem sprach ihr der Rat das Vertrauen aus. Was ja nun vieles heißen kann - das Vertrauen in den geordneten Rückzug eingeschlossen. Doch diese Deutung weist ein Ratsmitglied vehement zurück: "Unser Votum hieß auf Deutsch: Wir sind bereit, mit dir weiterzumachen", sagt einer. "Es war aber auch keine Nötigung, zu bleiben." Wohl wissend, dass sich eine Margot Käßmann am Ende auch nicht nötigen lässt.
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