Die Wahrnehmung hätte hellsichtiger kaum sein können: "Sie knallen auf meine Person", sagte Margot Käßmann nach ihrer umstrittenen Neujahrspredigt über die Lage in Afghanistan und den Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch. Die Bemerkung, aus einem längeren Gespräch zitiert, klang aggressiv und entrüstet. Aber halblaut schwang auch die Entgeisterung mit - als hätte die Bischöfin erst jetzt, zwei Monate nach ihrem Antritt als EKD-Ratsvorsitzende realisiert, was ihr im neuen Amt so alles blühen würde.
Die Angriffe auf Käßmann sind freilich nur die eine Seite. Die andere ist ihre Art, an Reizthemen heranzugehen. Es knallt nicht einfach so auf ihre Person. Sie zieht die Knaller förmlich auf sich. Unfreiwillig ist das auch jetzt wieder so: Über Alkohol am Steuer, über Verantwortung im Straßenverkehr, auch über den Umgang mit Fehlverhalten und Versagen lässt sich trefflich parlieren - aber wer könnte das Problembündel besser verkörpern als eine Bischöfin, die nachts betrunken an einer roten Ampel vorbeibrettert?
1,54 Promille Alkohol hatte Käßmann im Blut, als die Polizei sie am Samstagabend mit ihrem Dienstwagen in Hannover nach dem Missachten einer roten Ampel stoppte. Staatsanwalt Jürgen Lendeckel erklärte, Käßmann sei vorläufig die Fahrerlaubnis entzogen, der Führerschein beschlagnahmt worden. Die folgenden Sanktionen hingen auch von den Einlassungen des Verteidigers der Bischöfin ab. Der Prozess könne bei Ersttätern in einem schriftlichen Verfahren abgewickelt werden - die Bischöfin müsste dann nicht vor Gericht erscheinen.
Ob Käßmann am Samstagabend dienstlich oder privat unterwegs war, sagte die EKD zunächst nicht. Zumeist wird der Dienstwagen der Bischöfin, ein VW Phaeton, von einem Chauffeur gefahren. Die Theologin wurde an einer Innenstadtkreuzung nur wenige hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt gestoppt. Ihr drohen ein einjähriger Führerscheinentzug und eine Geldstrafe in der Höhe eines Monatsgehalts.
Ob Käßmann bei der erneuten Beantragung des Führerscheins eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung - den sogenannten "Idiotentest" - absolvieren muss, wird die Führerscheinstelle entscheiden müssen. Von 1,6 Promille an wäre ein solcher Test zwingend.
Ungeachtet der juristischen Konsequenzen: Ein Autofahrer mit 1,54 Promille Alkohol im Blut ist eine ungesicherte Waffe. Das sollte auch und gerade Käßmann wissen, die 2007 selbst in einem Gespräch dem TÜV Nord mit moralischem Aplomb vor Trunkenheit am Steuer und der Kraft von Autos gewarnt hatte: "Manche Leute fahren wirklich, als hätten sie überhaupt nicht im Blick, welche Kraft in einem Auto steckt. Schon bei Tempo 50. Also wie lebenszerstörend ein Auto wirken kann."
Die Debatte war unausweichlich: Ist eine hohe Kirchenfunktionärin in dieser Situation zu halten? Hat sie ihre Vorbildfunktion nicht unwiderruflich demontiert? Oder muss die Kirche ihre innere Stärke nicht gerade in der Bereitschaft zeigen, dem (Verkehrs)-Sünder zu vergeben?
Die Kirche erhebe hohe moralische Ansprüche, hat der Hamburger Erzbischof Werner Thissen gerade erst in anderem Zusammenhang gesagt. Daran müsse sie sich dann eben auch messen lassen. All diese Fragen werden jetzt am "Fall Margot Käßmann" durchgespielt. Die 51-Jährige ist - wieder einmal - eine Projektionsfläche.
Zu dieser Rolle hat Käßmann sich spätestens bekannt, als sie vor gut zehn Jahren Landesbischöfin von Hannover wurde. Was sie auch tut oder sagt: Immer wirkt sie zu 100 Prozent involviert, immer bringt sie sich selbst, ihre Überzeugungen und Erfahrungen ins Spiel.
Offen sprach sie über ihre Scheidung - und hatte damit die Sympathien auf ihrer Seite. Wenn sie auf Kirchentagen ihre Zuhörer zum Weinen bringt, dann liegt das auch an der Aura von Echtheit und Authentizität, mit der sie sich umgibt.
In ihrem Bestseller von 2009 schrieb Käßmann über Frauen um die 50. Im Kapitel über den Umgang mit Krankheiten verwendet sie Tagebucheinträge aus der Zeit nach der Krebsdiagnose. Persönlicher geht´s nicht. Auch darum "knallt" ihre Alkohol-Tour durch das nächtliche Hannover viel mehr als bei anderen.
Als Christin und Theologin, argumentiert sie, sei sie nur durch ein persönliches Glaubenszeugnis glaub-würdig. Mit all den blutleeren, papiernen Gestalten in der Kirche kann sie darum auch nichts anfangen. Und auf klare Positionen hat sie stets ebenso viel gehalten wie auf unverblümte Sprache. Da fließen bei ihr Selbstbewusstsein und Predigttradition à la Luther ("tritt frisch auf, tu´s Maul auf") ineinander.
Das macht sie angreifbar. Auch in den Reihen der EKD gibt es genügend Leute, denen "Margots Ego-Trips" auf die Nerven gehen. Das sind jene, die es mit klammheimlicher Genugtuung lesen, wenn ein Zeitungsartikel zählt, wie oft Käßmann im Interview "ich" sagt. Glaubt man Käßmann, dann hat sie das bislang nicht angefochten. "Die müssen mich nehmen, wie ich bin", hält sie ihren Kritikern trotzig entgegen.
Andererseits hat sie noch nie so angegriffen, dünnhäutig und zerzaust gewirkt wie nach dem stürmischen Gegenwind auf ihre Neujahrspredigt über Afghanistan. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer erklärt Käßmanns Promille-Fahrt mitleidig als Black-out unter Dauerstress.
Vor gut sechs Jahren, als Käßmann gegen Wolfgang Huber zum ersten Mal für den EKD-Ratsvorsitz kandidierte, hatte sie ihre "Ich lasse mich nicht verbiegen"-Manier regelrecht zelebriert: Wenn ihr Käßmann wollt, dann kriegt ihr Käßmann pur, oder ihr kriegt sie gar nicht, das war ihre Botschaft an die Mitglieder der EKD-Synode. Prompt wurde sie nicht gewählt. 2009 ging sie die zweite Kandidatur weniger hemdsärmelig an. Sie sprach auf der Synode in Ulm offen über ihre gescheiterte Ehe, nahm das Wahlgremium mit einem zurückhaltenden Auftritt für sich ein - und überzeugte selbst das konservative evangelikale Lager in der EKD, das ihr sonst eher in herzlicher Abneigung verbunden ist. Mit selten einhelligem Applaus begann ihre sechsjährige Amtszeit. Jetzt knallt es. Und zwar gewaltig.
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