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22. September 2010

BKA-Studie: Der Zufallsextremist

 Von Steffen Hebestreit
Umfeldabhängig? Anhänger des Schwarzen Blocks in Berlin.  Foto: dpa

Wieso werden Jugendliche zu Extremisten? Nicht die Ideologie, sondern das soziale Umfeld bestimmt, wer in welche militante Szene abdriftet. Im Gros der Fälle spielt der Zufall die entscheidende Rolle.

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Wieso werden Jugendliche zu Extremisten? Nicht die Ideologie, sondern das soziale Umfeld bestimmt, wer in welche militante Szene abdriftet. Im Gros der Fälle spielt der Zufall die entscheidende Rolle.

WIESBADEN –  

Die Ideologie spielt eine deutlich geringere Rolle bei der Radikalisierung politisch motivierter Gewalttäter als bislang angenommen. Radikaler Islam, Nationalsozialismus oder Linksextremismus haben für spätere Gewalttaten zunächst eine untergeordnete Bedeutung. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie des Bundeskriminalamtes (BKA), für die Extremisten, meist in Haft, aus dem gesamten politischen Spektrum befragt wurden.

„Nahezu alle Betroffenen stammen aus dysfunktionalen Familien, aus kaputten Elternhäusern“, resümierte Uwe Kemmesies das zentrale Ergebnis der Studie. Im Gros der Fälle habe der Zufall entschieden, ob eine Person linksradikal geworden sei, Rechtsextremer oder Islamist, erläuterte der Leiter der BKA-Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus am Mittwoch in Wiesbaden.

„Ich hab mich schlecht gefühlt, alleingelassen von den Eltern“, berichtete etwa ein Rechtsextremist den Forschern. „Deswegen – nehme ich mal an – war die Techno-Szene und danach die Skinhead-Szene meine Ersatzfamilie.“ Um nicht auch noch aus dieser „Familie“ ausgestoßen zu werden, „hab ich natürlich auch alles mitgemacht“, erklärte der 30-Jährige, der zur Zeit wegen diverser Gewaltdelikte im Gefängnis sitzt. Ein Linksextremist berichtet, er sei in einer ostdeutschen Stadt aufgewachsen, in der es nur die Wahl gegeben habe zwischen „Glatzköpfen“ oder Leuten „mit bunten Haaren“.

Die Gruppe als Ersatzfamilie

Wieso werden Jugendliche zu Extremisten?, lautete die Frage, der die BKA-Forscher gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen folgten. 30 Interviews mit verurteilten Rechtsradikalen, Linksextremisten und Islamisten sowie neun Sympathisanten der linken und der islamistischen Szene wurden ausgewertet. „Die Gemeinsamkeiten in allen drei Szenen waren frappierend“, so BKA-Mann Kemmesies.

Weniger als die extremistische Ideologie spielt demzufolge ein konkretes soziales Angebot die entscheidende Rolle, in welche Szene ein junger Mensch abdriftet, lautet der Befund. Die Jugendlichen finden dort Freunde, Unterstützung, vielleicht sogar eine Wohnung, einen Job und vor allen Dingen ein Umfeld, das sie unterstützt und dem sie sich zugehörig fühlen. Eben eine „Ersatzfamilie“.

Hamburg links, Sachsen rechts

So erzählt ein 34-jähriger ostdeutscher Rechtsextremist: „Wir waren nicht nur Kameraden, wir waren Brüder und Schwestern, das ist mehr als eine Familie.“ Ein Islamist berichtet von der positiven Erfahrung, auf Leute zu treffen, „die genau das Gleiche denken wie ich“. Nach Ansicht der Wissenschaftler hätte ein junger Mann, der im Hamburger Hafenviertel aufgewachsen und später linker Gewalttäter geworden ist, genauso gut rechtsradikal werden können, wäre er in einem Dorf in Sachsen groß geworden.

Die Erfahrung in der Gruppe unterscheide sich für viele wohltuend von ihren Familienerfahrungen, die oft von Scheidungen, dem Tod eines Elternteils, häuslicher Gewalt, Alkohol und Verwahrlosung geprägt seien. Weiteres gemeinsames Merkmal sind Versagenserfahrungen. Jeder hatte in seiner Kindheit oder Jugend die Erfahrung gemacht, eine kritische Lebenssituation nicht gemeistert zu haben, und zudem kein Umfeld, das dieses Versagen gefangen hätte.

Die BKA-Forscher fühlen sich durch die Shell-Jugendstudie bestätigt, die neben positiven Befunden auch von zehn, 15 Prozent perspektivloser Jugendlicher gesprochen hatte. „Daraus speist sich unsere Klientel“, so das BKA.

Die Erkenntnisse der qualitativen Untersuchung wollen die Kriminalisten nutzen, um die Prävention zu verstärken. Man müsse überlegen, inwieweit es nötig ist, der extremistischen Indoktrinierung eine politische Alternative entgegenzustellen oder ob nicht gezielte Angebote der Jugendarbeit und Unterstützung bei der Arbeitssuche viel bessere Ergebnisse erzielen könnten. „Wir stehen dabei ganz am Anfang“, sagt Uwe Kemmesies.

Rechts
Links
Islamist
Islamist

„Bei mir ging es immer nur darum, ich wollte Macht, (...) andere beherrschen, dass die sagen: ,Meine Fresse, das ist schon einer‘ (...). Ging eigentlich immer nur um Härte und Gewalt.“

In Ostdeutschland 1983 geboren. Vater gewalttätig, Eltern lassen sich scheiden. Nach der Wende geht die Mutter in den Westen, lässt den Sohn bei ihrem neuen Lebensgefährten, holt ihn dann in einer „Übernacht-Aktion“ nach. Der bekommt im Westen Schulprobleme, raucht schon als Kind, schließt sich einer Jugendbande an. Weil er noch nicht strafmündig ist, geht er für die anderen stehlen. Mit neun erste Alkoholvergiftung. Lebt abwechselnd im Heim, bei der Mutter, bei Freunden, bei einem Onkel. Steigt in die Skinhead- und Hooligan-Szene ein, fliegt vom Gymnasium. Zeitweise lebt er in einem betreuten Wohnprojekt, das er als „Drogenhaus“ bezeichnet.

Brandanschläge auf Unterkünfte von Asylbewerbern, Schändung eines jüdischen Friedhofs: „Also ich hab’ ziemlich viel Randale gemacht. Wo ich konnte, was irgendwo medienwirksam war oder so. Das war ja auch toll, das stand in der Zeitung (...). Ich hab’ die Artikel gesammelt.“

Straftaten von Landfriedensbruch über Verwenden verfassungswidriger Kennzeichen und Diebstahl bis zu vielen Gewaltdelikten. Zur Zeit des Interviews in Haft. (olk)

„Ich hab zweieinhalb Jahre gekriegt wegen sechs Steinen gegen ’nen Wasserwerfer.“

In Westdeutschland 1961 geboren. Die Eltern trennen sich bald nach der Geburt, die Mutter heiratet einen gewalttätigen Alkoholiker. Der Befragte wächst vor allem bei den Großeltern auf. Hauptschulabschluss, Maurerlehre abgebrochen, lebt von Gelegenheitsjobs, vor allem aber von Sozialleistungen. Schon früh Kontakt mit illegalen, auch harten Drogen. Wohnt meist in besetzten Häusern oder auf der Straße sowie zwischen 1992 und ’96 mit seiner damaligen Partnerin und den drei gemeinsamen Söhnen zusammen, zu denen er aber nie eine intensive Beziehung entwickelt.

Punk ist der Befragte seit etwa dem 16. Lebensjahr. Immer wieder gerät er in Auseinandersetzungen mit der Polizei und Rechtsradikalen. Mit 17 Jahren muss er erstmals in Haft. Wegen Eigentumsdelikten, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Drogendelikten, Landfriedensbruch, Körperverletzung, Bedrohung, Verstoß gegen das Waffengesetz und Beleidigung verbringt er bisher insgesamt 13 Jahre in Haft.

Seinen „subkulturellen Lebensstil“, klagt der Befragte, könne er in Deutschland nicht verwirklichen. Anderswo gebe es größere Freiräume. Ein wesentliches Element seines politischen Handelns sieht er in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus. (olk)

„Das ist ein Prozess, das hat sich so entwickelt, hab’ ich selber nicht gesteuert, oder das hat sich so rauskristallisiert.“

Ein Palästinenser, 1969 im Gazastreifen geboren. Schon als Jugendlicher im Konflikt mit der israelischen Armee: „Wir haben Krieg gespielt, kann ich mich erinnern. Wir haben Krieg gespielt, immer.“ Er wird mit 14 Jahren bei einer Demonstration inhaftiert, von der israelischen Armee nach eigenen Angaben misshandelt.

Nach dem Abitur/Studium lebt er zunächst in Libyen, dann in Rumänien. Leidet unter der Trennung von seiner Familie. Mit dem Ende des kommunistischen Regimes wird sein Stipendium gestrichen, er bricht sein Studium ab. Er beantragt 1994 in Deutschland Asyl, erhält den Duldungsstatus. Seine Frau, eine Rumänin, kommt illegal nach Deutschland. Die Ehe zerbricht. Ein Sohn.

Politisch wird er nach eigenen Angaben erst wieder aktiv, nachdem er im Jahr 2000 verletzten palästinensischen Kindern begegnet, die zur medizinischen Versorgung in Deutschland sind: „Das Leid von diese Menschen hat mir viele Wunden geöffnet, sag’ ich mal. Das war der Wendepunkt (...).“ Er nimmt an Demonstrationen teil. 2002 wird er verhaftet und wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Er beteuert seine Unschuld, hält das Urteil für politisch motiviert. (olk)

„Wir sehen uns als die Elite, die wahre Stärke des Islams, die im Untergrund den Islam zur stärksten Macht ausbauen muss.“

In Marokko 1979 geboren. Kommt 1987 mit einem Onkel nach Frankreich, 1989 zu einem anderen Onkel nach Deutschland. 1997 Realschulabschluss. Auf der Schule fühlt er sich als Außenseiter, weil er fastet, keinen Alkohol trinkt, kein Schweinefleisch isst. Auch auf dem Gymnasium, das er bis zum Abitur 2000 besucht, hat er kaum Freunde. „Da waren die Partyleute, deren Leben nur aus Sünde bestand, Alkohol, Drogen, leichte Frauen, die keinen Stolz mehr hatten und sich auch so kleideten.“ Während des Informatikstudiums lernt er seine Frau kennen, eine strenggläubige Muslima. Sie haben zwei Kinder. Er jobbt neben dem Studium und gibt Deutsch- und Arabischkurse.

Über die Moschee bekommt der Befragte Kontakt zu einer Gruppe, die er als „religiöse Gemeinschaft“ bezeichnet. Sie besteht aus Männern zwischen 16 und 40 Jahren. Ihr Ziel sei es, „Kontakt zu unseren Brüdern und Schwestern in allen möglichen Orten, Moscheen, Vereinen“ zu suchen, um „Gleichgesinnte“ zu finden, „die unsere Sache unterstützen“. Polizeilich ist der Befragte nie in Erscheinung getreten. (olk)

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