kalaydo.de Anzeigen

Bloggerin Yoani Sanchez: "Ich bin eine einsame Heckenschützin"

Ein Telefongespräch mit der Internet-Autorin Yoani Sanchez, die trotz Drohungen unablässig das Regime kritisiert.

Bloggerin Yoani Sanchez lebt in Havanna.
Bloggerin Yoani Sanchez lebt in Havanna.
Foto: dpa

Señora Sanchez, wie ist es um den Zustand der kubanischen Revolution bestellt? Ist der 50. Jahrestag ein Grund zum Feiern?

Nein. Die Frage ist, ob es der Geburtstag von etwas Lebendigem oder der Jahrestag von etwas Totem ist. Ich denke, es ist das Letztere, und es scheint mir eine allgemeine Wahrnehmung in Kuba zu sein. Die andere Frage ist: Wann starb die Revolution? Das sieht jeder anders. Aber das System ist erstarrt. Die Diskussionen sind erschöpft; es fehlen Ideen und Träume. Schauen Sie nur auf den Zustand des Landes, die wirtschaftliche Katastrophe!

Zur Person

Yoani Sanchez, 33, ist Linguistin und lebt in Havanna. Wegen ihres Blogs "Generacion Y" gehört sie für das Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Menschen des Jahres 2008; im Mai erhielt sie den spanischen Literaturpreis Ortega y Gasset. Die Deutsche Welle ehrte sie mit dem Webblog-Award 2008. Sanchez ist verheiratet und hat einen Sohn.

Ihr Internettagebuch wird täglich von tausenden Lesern besucht. www.desdecuba.com/generaciony

Wann starb für Sie die Revolution?

Ich habe sie nicht mehr lebend erlebt. Ich bin 1975 geboren, in der Ära der Sowjetisierung, als es in Kuba schon ein ähnliches Modell wie in Osteuropa gegeben hat, das nichts mehr mit dem Anfangsimpuls der Revolution zu tun hatte, mit der jungen und frischen Bewegung der ersten Jahre. Ich habe das Kuba nicht mehr erlebt, das in den Erzählungen meiner Eltern und Großeltern vorkam.

Acht von elf Millionen Kubanern waren am 1. Januar 1959 noch nicht geboren. Was verbinden die jungen Leute überhaupt noch mit diesem Datum?

Ich kann nicht für meine ganze Generation reden. Aber viele meiner Altersgenossen ind voller Skepsis, Apathie und Desinteresse gegenüber allem, was mit der Revolution zu tun hat. Unsere Regierenden sind für uns keine Erlöser. Wir sind der Revolution daher auch nichts schuldig - was uns ein objektiveres, kritisches Urteil erlaubt.

Was sind die spürbarsten Veränderungen von Fidel zu Raúl Castro?

Die Telenovela fängt jetzt pünktlich an, weil Fidel das Programm nicht mehr mit seinen langen Reden aufhält. Es ist eine Veränderung des Stils, aber unser Leben hat das nicht beeinflusst. Weil Raúl weit weniger Charisma hat als der Hypnosekünstler Fidel, versucht er zwar, greifbare Veränderungen zu schaffen. Aber das gelingt ihm nicht.

Aber es gibt doch zumindest Wirtschaftsreformen.

Die internationale Presse macht die größer, als sie wirklich sind. Wir dürfen jetzt Mobiltelefone kaufen, das ging aber auch früher schon auf dem Schwarzmarkt. Es ist nur die Legalisierung einer längst existierenden Realität. Und nach 15 Jahren können wir nun in unseren Hotels schlafen; hier hat die Regierung nur eine Ungerechtigkeit abgeschafft; etwas, das gegen die Verfassung verstieß. Aber es ist alles nur eine Farce. Denn die Mobiltelefone und die Übernachtungen in den Hotels sind überteuert und für einen Kubaner mit einem normalen Einkommen nicht zu bezahlen. Das andere Thema ist, dass wir jetzt Parzellen pachten können. Wir Kubaner haben aber mehr erwartet. Wir haben gedacht, dass wir eine richtige Agrarreform bekommen, die den staatlichen Großgrundbesitzern das Land nimmt und es endlich den Bauern gibt.

Was fehlt vor allem?

Die großen Forderungen der Kubaner: Die Aufhebung der Reisebeschränkungen, die Abschaffung des doppelten Währungssystems, die Möglichkeit, Häuser, Autos zu kaufen und zu verkaufen, die Möglichkeit, kleine und mittlere Unternehmen zu gründen… Eine lange Liste von Wünschen, die für die Menschen im Rest der Welt lächerlich und selbstverständlich sind.

Was vermissen Sie am meisten?

Das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dass abweichend zu denken nicht bestraft wird. Solange sich das nicht ändert, werden die Menschen, die Ideen und Lösungen für Probleme haben, schweigen. Die Angst davor, für ihre Meinung bestraft zu werden, haben alle Kubaner.

Auf Ihre Blog-Einträge gibt es zahllose Zuschriften. Finden Sie auch im Land mehr Zustimmung oder Ablehnung?

Die offiziellen Medien würden sagen: mehr Ablehnung. Aber auf der Straße bekomme ich viel Zustimmung. Die Leute zwinkern mir komplizenhaft zu, manche sagen: Ich lese dich. Ich habe auf der Straße nie Ablehnung erfahren. Aber wegen der Doppelmoral weiß man nie, woran man ist.

Bloggen Sie zu Hause?

Nein, nein, nein. Wir Kubaner haben kein Recht auf Internet zu Hause. Nur Ausländer, ausgewählte Intellektuelle und hohe Regierungsfunktionäre können einen Anschluss kaufen. Wir haben nur drei Möglichkeiten: Wenn du einen Job mit Internetanschluss hast, kannst du mit vielen Einschränkungen wie gesperrten Seiten und viel Kontrolle ins Netz. Andere kaufen ein Modem auf dem Schwarzmarkt. Ich kann das nicht, weil ich überwacht werde. Oder du gehst in ein Hotel, wo das Internet überzogen teuer ist. Das mache ich. Eine Stunde kostet sieben Dollar, was ein Drittel eines normalen Monatslohns ausmacht. Gewöhnlich gehe ich zwei Mal die Woche ins Internet.

Welche Schwierigkeiten macht man Ihnen?

Ich mag die Opferrolle nicht. Wenn ich Ihnen alle Behinderungen aufzählen würde, wäre dies Interview ein einziges Jammern. Das ist doch langweilig. Dennoch: Ich zahle einen hohen Preis für meine Blogs. Ich kann nicht ausreisen, ich bin ein "radioaktiver" Mensch. Viele haben Angst, mit mir in Kontakt zu treten. Vor drei Wochen kam es zu einem ganz direken Eingriff. Die Revolutions-Polizei verbot einen Blogger-Event, den mein Mann und ich ein halbes Jahr lang organisiert hatten.

Finden die staatlichen Behinderungen also offen statt?

1 von 2
Nächste Seite »
Datum:  30 | 12 | 2008
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!