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26. März 2016

Bodo Ramelow: „Christliche Werte leben statt instrumentalisieren“

 Von 
Bodo Ramelow im Thüringer Landtag.  Foto: imago/pictureteam

Kurz vor dem Osterfest bietet Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow an, sein Bundesland könne sofort bis zu 2000 Flüchtlinge aus Idomeni aufnehmen. Im FR-Interview spricht er über Ostern 2016 und christliche Werte in der Flüchtlingskrise.

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Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist Linker und Protestant – einer, der neben dem Wort die Tat nicht vernachlässigt: Rechtzeitig zum Osterfest hat er nun angeboten, dass sein Bundesland sofort bis zu 2000 Flüchtlinge aufnehmen könne, die im griechischen Idomeni festsitzen.

Herr Ramelow, Jesus Christus wurde am Karfreitag ans Kreuz geschlagen und ist Ostern „auferstanden von den Toten“. Was sagt uns das im März 2016?
Mit Ostern ist die Hoffnung verbunden, dass man am Ende von etwas immer auch den Anfang wieder erkennen kann. Für mich als Christ ist die Osternacht ein sehr wichtiges Datum meines Glaubens – denn das Osterfest ist immer verbunden mit der Hoffnung auf Versöhnung. Die Welt hat noch nie so viel Hoffnung auf Versöhnung nötig gehabt wie heute – egal ob in Ankara, Paris, Brüssel oder Aleppo. Wir brauchen viel Kraft für Hoffnung.

Wo brauchen wir Versöhnung?
Wir sollten deutlich machen, dass wir in der Lage sind, Herausforderungen wie die Flüchtlingskrise zu meistern. Wir haben doch die organisatorischen Dinge inzwischen ganz gut im Griff. Von zehn Erstaufnahmeeinrichtungen, die wir in Thüringen aus dem Nichts geschaffen haben, stehen derzeit sieben leer. Und seit einer Woche spreche ich mit Wirtschaftsvertretern, die händeringend sagen: Wir können junge Flüchtlinge oder junge arbeitslose Europäer als Auszubildende dringend brauchen. Die Situation ist beherrschbar. Integration ist nötig und möglich. Wir sollten diese Menschen auch wollen, wir müssen Zuwanderungsland sein wollen.

Trotzdem, das Christentum politisch umzusetzen ist schwierig, wie man an der Flüchtlingskrise sehen kann. Ist die Bibel nur was für Sonntage?
Auf allen politischen Seiten wird gerade versucht, die Bibel zu okkupieren. Wer das Christliche am Abendland betont, der sollte die Botschaft Jesu wenigsten kennen. Statt die christlichen Werte zu instrumentalisieren, wäre es besser, man würde sie leben – und zwar in Gemeinschaft mit denen, die uns am dringendsten brauchen. Zur Besinnung hilft immer auch der Gottesdienst. Die christliche Botschaft ist die Botschaft der Nächstenliebe. Jesus Christus ist für uns gestorben und hat dabei die Sünden der Welt auf sich genommen. Dabei hat er uns vergeben als Chance für einen immer wiederkehrenden Neuanfang. Manch einer täte gut daran, in dem anderen Menschen den Freund, nicht den Feind zu sehen. Wer das Christentum verteidigt, gleichzeitig aber meint, den Islam verdammen zu müssen, der tut den Muslimen Unrecht. Man sollte sich nicht selbst erhöhen, indem man andere erniedrigt. Es kommt doch auf das Gemeinsame an. Und ja, Religion muss immer friedlich und verbindend, aber nie unterdrückend gelebt werden.

Kann man das Christentum in Politik überführen?
Man darf Religion nicht instrumentalisieren. Auch die, die jetzt im Namen Allahs morden, sind und bleiben schlicht Mörder und Terroristen. Fanatismus ist unreligiös, egal ob bei Juden, Christen oder Muslimen. Man kann allerdings mit christlichen Werten Politik gestalten. Selbst Karl Marx hat sich intensiv mit dem Christentum und der Bibel auseinandergesetzt. Es gibt starke religiöse Wurzeln im Marxismus. Der Satz vom Opium fürs Volk wurde erst unter Lenin dann massiv anti-klerikal. Und unter Stalin wurden die Kirchen geschändet und entweiht. Da wurde der Marxismus zur religiösen Konkurrenz, weil man an die Entscheidungen der Partei als unfehlbar glauben und deren Repräsentanten Verehrung entgegenbringen sollte.

Februar 2016: Der christliche Linke Bodo Ramelow im Gespräch mit dem ganz sicherlich nicht rechten Papst Franziskus.  Foto: picture alliance / dpa

Was hat das Christentum, was der Marxismus nicht hat?
Im Christentum wohnt die Erkenntnis, dass es etwas gibt, was nicht vom Menschen beeinflusst ist. Das ist das Göttliche. Am Ende kam auch Marx an Punkte, die er nicht erklären konnte. Diese Erkenntnis über das Vorhandensein des Unerklärbaren gibt mir Kraft. Ich bin froh, dass ich nicht auf alles eine Antwort habe. Man muss Widersprüche aushalten und daraus Kraft ziehen können. Versöhnung heißt, aufeinander zugehen – selbst in Fällen, in denen das nicht möglich erscheint. Wie sollte Jesus Christus auf Pontius Pilatus zugehen?

Sie sind in einer Partei, in der Religion unter Verdacht steht. Die meisten Thüringer sind konfessionslos. Dennoch fahren Sie nach Rom und Jerusalem. Warum?
Konfessionslosigkeit heißt ja nicht Religionslosigkeit. Konfessionslosigkeit ist eher ein Erbe der DDR. Dennoch hatte meine PDS hier in Thüringen nie ein Problem mit mir als gläubigen Menschen. Es gab aber Debatten im Zuge der Vereinigung mit der WASG, als Alt-68er aus Westdeutschland dazu kamen und vereinzelt anti-klerikale Parolen vor sich hertrugen. Das hat sich beruhigt.

Haben Sie das Gefühl, dass mehr Spiritualität dem Osten gut tun würde?
Ich spüre, dass dort, wo es spirituelle Angebote gibt, Menschen neugierig werden. Und ich merke, dass in Familien, in denen Menschen ans Ende des Lebens kommen, die Frage wieder wichtig wird: „Was ist denn da noch außer uns?“ Aus meinen 26 Jahren in Thüringen nehme ich mit: Der Arbeitskampf in Bischofferode wäre ohne ökumenische Andachten gar nicht möglich gewesen. Eine Heilung der zutiefst verletzten Seelen in Erfurt nach dem Massaker am Gutenberg-Gymnasium hätte es ohne die offenen Kirchen nicht gegeben. Deshalb sage ich: Wir brauchen Spiritualität. Sie kann nur nicht verordnet werden. Sie ist kein Staatsauftrag.

Tut sich denn da etwas?
Ich sehe, dass sich Gemeinschaften neu aufbauen. Und das hat einen Grund. Denn – jetzt werde ich mal marxistisch – die kapitalistische Verwertungslogik basiert ja auf Vereinzelung. Und diese Vereinzelung lässt keine Räume mehr, um Druck und Schmerz auszuhalten. Wir brauchen also eine Gemeinschaft, die sich spürt und wahrnimmt. Spiritualität wäre wichtig, um wieder mehr Gemeinschaft herzustellen.

Ein Journalist hat die These aufgestellt, Fremdenfeindlichkeit im Osten sei auch auf die mangelnde Verwurzelung des Christentums zurückzuführen, weil viele Ostdeutsche gar nicht mehr wüssten, dass der Nächste auch der Fremde sein könne.
Das halte ich für eine steile These. Denn sie blendet meine Erfahrungen im Westen aus den 60er und 70er Jahren komplett aus. Als damals ein Italiener bei uns im Ort ein Eiscafé aufgemacht hat, war das Eis willkommen, der Italiener aber nicht. Er hieß entweder „Itaker“ oder „Spaghettifresser“. In Hessen wurden noch in den 70ern die Menschen aus der Türkei als „Knoblauchfresser“ bezeichnet. Selbst in den 80ern gab es Diskriminierungen. So sprach ein Landrat verächtlich „über die Türken, die nicht mehr vor Wien stehen, sondern schon in Stadtallendorf“. Fleißige Menschen wurden so ganz offiziell massiv herabgewürdigt.

Um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen: Was ist näher an der Wirklichkeit – der Karfreitag oder die Osternacht?
Beides. Das Dunkle und das Helle lösen sich ab. Beides gehört zusammen und macht das Gewicht unserer Welt aus. Wer die Hoffnung verliert, ist irgendwann dem Irrsinn preisgegeben. Doch gerade unser Land sollte Hoffnung haben und Hoffnung verbreiten.

Interview: Markus Decker

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