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19. Oktober 2014

Boko Haram: Nigerianer zweifeln an Absprache

 Von 
Hoffen auf Roses Rückkehr: Mutter Rachel Daniel und Sohn Bukar in Maiduguri.  Foto: REUTERS

Angeblich hat die extremistische Sekte Boko Haram der Freilassung der entführten Mädchen zugestimmt, auch von einem Waffenstillstand war die Rede. Doch die Menschen zweifeln.

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Ein von der nigerianischen Regierung am Freitag überraschend bekannt gegebenes Abkommen mit der extremistischen Boko-Haram-Sekte ist übers Wochenende wieder infrage gestellt worden.

Bei fünf verschiedenen Angriffen, die die Handschrift der radikalen islamischen Sekte trugen, kamen im Nordosten Nigerias erneut Dutzende von Personen ums Leben – ein krasser Widerspruch zu den Behauptungen des nigerianischen Präsidentenamts, Boko Haram habe sich am Donnerstag zu einem Waffenstillstand und der Freilassung der vor einem halben Jahr entführten 219 Mädchen bereit erklärt.

Die Angriffe fanden alle im Bundesstaat Adamawa statt, in dem allein in diesem Jahr weit über 2000 Menschen ums Leben kamen. Die jüngsten Attacken seien möglicherweise von Splittergruppen Boko Harams oder von der Sekte völlig unabhängigen bewaffneten Banden ausgeübt worden, hieß es im Präsidentenamt in der Hauptstadt Abuja.

Unabhängig von den jüngsten Entwicklungen waren jedoch bereits am Samstag Zweifel an der Behauptung der Streitkräfte aufgekommen, wonach Boko Haram nach wochenlangen und unter Vermittlung der tschadischen Regierung geführten Verhandlungen dem Waffenstillstand und der Befreiung der entführten Mädchen zugestimmt habe.

So hatte der erste Staatssekretär im Präsidentenamt, Hassan Tukur, mitgeteilt, dass er persönlich mit dem „Generalsekretär“ der Sekte, Danladi Ahmadu, verhandelt habe – eine Person, die Boko-Haram-Kennern bislang nicht einmal bekannt war. „Wenn die Sekte einen Waffenstillstand bekannt gibt, muss das von ihrem Chef Abubakar Shekau kommen“, sagte Shehu Sani, der früher wiederholt an Verhandlungen mit Boko Haram beteiligt war.

Skepsis und Widersprüche

Auf Skepsis stieß auch die Tatsache, dass sich Verantwortliche der Regierung widersprachen. Während es im Präsidentenamt hieß, die 219 Mädchen würden bereits am Montag oder Dienstag freigelassen, sagte Regierungssprecher Mike Omeri, eine endgültige Vereinbarung über deren Freilassung stehe noch aus.

Schließlich stieß auch der Umstand auf Misstrauen, dass Präsident Goodluck Jonathan in diesen Tagen seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl im Frühjahr des kommenden Jahres bekannt geben will: Die Freilassung der Mädchen, deren Entführung seinem Ansehen enormen Schaden zugefügt hatte, würde seinen Wiederwahlchancen zweifellos Auftrieb geben. Allerdings erinnern sich die Nigerianer auch daran, dass vor allem die Streitkräfte bereits wiederholt Erfolgsmeldungen wie die Befreiung der entführten Mädchen oder den Tod des Boko-Haram-Chefs Shekau gemeldet hatten – nur um kurze Zeit später ihre Behauptung wieder zurücknehmen zu müssen.

Immerhin hat die tschadische Regierung in diesem Fall bestätigt, dass im vergangenen Monat tatsächlich geheim gehaltene Verhandlungen stattgefunden hätten. Ob diese jedoch mit dem maßgeblichen Flügel der zersplitterten Sekte geführt wurden, ist fraglich.

Unterkühlte Reaktionen

Nigerias Regierung schwieg sich auch darüber aus, was sie der radikalen Sekte im Gegenzug angeboten hat. Experten vermuten, dass die Freilassung von Boko-Haram-Kämpfern zugesichert wurde. Die Meldungen über den Erfolg der Gespräche stießen im In- und Ausland auf unterkühlte Reaktionen.

In Chibok, dem im äußersten Nordwesten Nigerias gelegenen Dörfchen, in dem die Mädchen am 14. April entführt worden waren, zeigte sich Verwaltungschef Bana Lawan reserviert: „Wir wissen nicht, ob das alles stimmt. Wir werden erst feiern, wenn wir die Mädchen vor uns sehen.“
Auch die US-Regierung, die unbemannte Drohnen zur Fahndung nach den Abiturientinnen in die Region entsandt hatte, hielt sich bedeckt: „Wir können die Berichte über den Waffenstillstand und die Freilassung der Mädchen derzeit nicht aus unabhängiger Quelle bestätigen“, sagte State-Department-Sprecherin Marie Harf in Washington.

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