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Bolivien: Ein buntes Schachbrett sorgt für Streit

Die neue Verfassung gibt einer Indianerfahne den gleichen Rang wie der Nationalflagge.

Eine Nation, zwei Nationalfahnen: Das sieht die neue Verfassung von Bolivien vor. Dass künftig die Wiphala, das Banner der Indianerbewegung, zusammen mit der herkömmlichen Fahne gehisst werden müsse, spalte die Nation, statt sie zu einen, sagen Kritiker - das aber sei doch üblicherweise die Funktion eines nationalen Symbols.

Die Wiphala ist ein quadratisches Tuch mit 49 Feldern in sieben Farben. Der offiziellen Auslegung zufolge stammt sie aus vorkolonialen Zeiten und wurde damals von den Ethnien des Andenhochlands als Fahne benutzt. Die neue, seit vier Wochen gültige Verfassung schreibt nun vor, dass die Wiphala den gleichen Rang erhält wie das rot, gelb und grün gestreifte Fahnentuch, das seit 157 Jahren an Ministerien, Schulen und Kasernen Boliviens flattert.

Aber die Wiphala wird in Bolivien nicht als nationales Symbol wahrgenommen, sondern als regionales und als parteiliches. Für die Gegner der Regierung von Präsident Evo Morales, die vor allem im östlichen Tiefland Boliviens beheimatet sind, steht das bunte Schachbrett für die Indianer im westlichen Anden-Hochland. Sie weigern sich folglich, die Wiphala in ihren Gebieten zu hissen.

"Wir haben Wichtigeres zu tun", knurrte Mario Cossío, Regierungschef der südöstlichen Provinz Tarija, in der die Wiphala als Symbol fremder Macht gilt. Boliviens Ex-Präsident Carlos Mesa, von Beruf Historiker, interpretiert sie als Zeichen für einen Teil Boliviens, nicht für ganz Bolivien. Er wirft außerdem eine praktische Frage auf: Soll Bolivien denn nun am Sitz der Vereinten Nation in New York, wo alle Länder mit ihrer Fahne vertreten sind, einen zweiten Mast beantragen?

Ob die Wiphala tatsächlich die Fahne der Inkas oder generell der Anden-Ethnien war, wie ihre Verfechter sagen, ist höchst umstritten. Offenbar waren die Spanier die Ersten, die in Südamerika Fahnen flattern ließen - den Inkas war diese Art staatlicher Emblematik fremd. Die Verteidiger der Wiphala berufen sich zwar auf vorkoloniale Schachbrett-Muster. Aber die sind nur auf tönernen Trinkgefäßen nachgewiesen, nicht auf Stoffbahnen.

In der jüngeren Vergangenheit ist die Wiphala erst in den 70er Jahren als Symbol des Kampfes der Anden-Indianer um ihre Rechte aufgetaucht, und zwar in auffälliger zeitlicher und auch gestalterischer Nähe zur Regenbogen-Fahne. Die war zwar zum Beispiel in Deutschland schon während der Bauernkriege bekannt, wurde aber erst durch die Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre mit einem neuen Sinn aufgeladen: zuerst als Symbol der italienischen Friedens-, später der internationalen Schwulen- und Lesben-Bewegung.

Autor:  WOLFGANG KUNATH
Datum:  10 | 3 | 2009
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