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Bolivien: Ein Stück Land ist ein Stück Hoffnung

Indianische Gemeinschaften in Bolivien können wieder eigenen Grund bewirtschaften - und so ihre Zukunft sichern. Von Wolfgang Kunath

Setzt sich für die indigene Bevölkerung ein: Boliviens Präsident Evo Morales.
Setzt sich für die indigene Bevölkerung ein: Boliviens Präsident Evo Morales.
Foto: dpa

San Ignacio. Ameisen, Schnecken, Kaninchen, Würmer, Heuschrecken - Carmen Paticu Choré rattert die Liste des Schreckens herunter, und dabei macht sie ein genau so grimmiges Gesicht wie jeder Schrebergärtner sonstwo auf der Welt. Aber für sie ist dieses Stück Land kein Hobby, sondern ein Experiment, in das sie große Hoffnungen setzt. "Ich fang´ ja erst an", sagt sie, "aber jetzt, nach drei Monaten, muss ich praktisch nichts mehr auf dem Markt kaufen. Sondern ich verkaufe".

Die Spätnachmittagssonne färbt die Spitzen der Mangobäume golden, der Garten liegt schon im Schatten. Eine aufgeschnittene Plastikflasche mit Löchern im Boden ist die Gießkanne, mit der Carmen die wie die Zinnsoldaten stehenden Möhren-, Gurken- und Mangold-Pflanzen bewässert. "Mangold haben wir früher nicht gekannt und schon gar nicht gegessen", sagt sie. Aber selbst ihr Dreizehnjähriger drängt nicht mehr, dass in der Gemüsesuppe auch ja Fleisch sein soll.

Ein Gärtchen, das vorerst nicht mehr als drei Euro pro Woche abwirft - der Fortschritt kommt auf Zehenspitzen. Zu den drei Euro zählt sie weitere fünf dazu, die sie einspart, weil sie selbst anbaut. Und der Speiseplan ist reichhaltiger geworden. Denn hier in Ost-Bolivien essen sie meist nur Zwiebeln, Tomaten, Möhren und Salat.

Aber Carmen baut - und zwar ohne Chemie - zwölf Gemüsesorten an, von Kohl über Auberginen bis zu Roter Beete. Erstaunlicherweise findet das auch seine Abnehmer. Sie denkt bereits über Ananas, Heilpflanzen und Futter-Soja für ihre Hühner nach.

"Es geht voran"

Minga, so heißen seit den Zeiten der Inkas die gemeinschaftlichen Arbeitseinsätze der Indianer-Kommunen, und diesen Namen trägt auch der Kleinproduzenten-Verband hier in der Provinz Velasco. Carmen hat bei Minga einige Drei-Tages-Seminare gemacht, um die Grundkenntnisse ökologischen Gärtnerns zu lernen.

Die 400 Minga-Mitglieder bauen meist Kaffee an, und zwar ökologischen, den Minga zertifizieren lässt. Sie bekommen "direkt und sofort" Geld bei Ablieferung der Ernte, sie erhalten Fortbildung und technische Beratung.

"Es geht voran", sagt Juan Barba, der Minga-Präsident, "schauen Sie mich an, ich kann meine beiden Kinder auf die Uni schicken." Und vor kurzem hat sich Barba, der fünf Hektar bewirtschaftet, den hier auf dem Land vielgeträumten Konsumtraum verwirklicht und ein Moped gekauft.

Minga ist einer der vielen Transmissionsriemen, mit denen die beträchtliche politische Energie der linken Regierung im fernen La Paz auf so entlegene Landstriche wie das ostbolivianische Tiefland übertragen wird. Wobei Minga, unter anderem von der Deutschen Welthungerhilfe unterstützt, nichts mit der Regierung zu tun hat; Barba meckert sogar laut und deutlich über die Ineffizienz der staatlichen Agrarberatung, deren Job eben Minga, also eine Privatinitiative, übernehmen müsse.

Aber das Prinzip, sich zusammenzutun, um die eigenen Interessen gemeinsam durchzusetzen, um sich weiterzubilden, um neue Chancen zu schaffen und nutzen - das ist ganz und gar im Sinne der Regierung.

"Anfangs haben wir uns nur auf technische Beratung konzentriert, und das ist nicht richtig angekommen bei den Leuten", sagt Ramiro Suarez, ein bolivianischer Experte, der Minga berät, "aber dann haben wir den Fokus auf das Selbstbewusstsein der Leute gerichtet, und dann ging es plötzlich!" Schulungen, Fortbildungen, Seminare könnten schlummerndes Führungs- und Organisationstalent wecken - "Evo hat schließlich vor zwanzig Jahren auch solche Kurse gemacht", sagt Suarez. Der Kokabauern-Führer Evo Morales ist heute Präsident Boliviens.

"Sie haben Waffen, wir haben Angst"

Die Erde denen, die sie bebauen - die alte, kämpferische Parole kommt in Bolivien zu neuen Ehren. Trotz einer einschneidenden Landreform 1952 bildeten sich vor allem in Ost-Bolivien neue Latifundien, weil später die rechten Regierungen dort ganze Landstriche des Dschungels an ihre Günstlinge verschenkten.

"Heute dagegen vergibt der Staat nur noch Land an Indígenas" - also Bolivianer indianischer Herkunft -, "die es in Gemeinschaftsbesitz bewirtschaften", sagt Alcides Vadillo von "Fundación Tierra", der wichtigsten mit Landfragen befassten Nicht-Regierungsorganisation Boliviens.

Die "comunidades indígenas", die nach vorkolonialem Muster organisierten Gemeinschaften von durch Ethnie, Kultur und Territorium verbundenen Menschen, stehen unter dem Schutz der Verfassung. Und Menschen wie Carmen hätten kein Land, wäre das nicht so. Aber das hört sich harmonischer an als es ist. Tatsächlich stand Bolivien die letzten Jahre mitunter am Abgrund zum Bürgerkrieg, und dabei ging es stets um Land.

Die Zentralregierung hat zwar gesiegt, politisch haben die Besitzer riesiger Soja- und Rinderfarmen klein beigeben müssen. Aber auf der lokalen Ebene werden die Kämpfe ums Land nach wie vor hart ausgefochten. Zum Beispiel in Santa Rosa, drei Stunden holpernde Autofahrt von Carmens Garten entfernt.

"Sie haben Geld, sie haben Waffen, wir haben Angst, uns ihnen entgegenzustellen", sagt Marta Soliz, die Sprecherin einer Indianer-Gemeinschaft, die Anspruch auf 8550 Hektar Land erhebt, die auch zwei aus Brasilien zugezogene Farmer ihr eigen nennen. "Aber sie können keinen Beleg vorzeigen, dass ihnen das wirklich gehört", sagt Marta. Ihre Leute haben also ihre Ansprüche untermauert, indem sie einen Teil des Landes gerodet und bebaut haben - solange, bis sie von den Brasilianern bedroht und vertrieben wurden.

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Autor:  Wolfgang Kunath
Datum:  15 | 5 | 2010
Seiten:  1 2
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