Die Umfrageinstitute überbieten sich in Siegesprognosen. Bis zu 55 Prozent der Stimmen sagen sie Boliviens Präsident Evo Morales bei der Wahl am Sonntag voraus, aber noch erstaunlicher ist der Abstand zu den Rivalen. Manfred Reyes Villa, ein rechter Ex-Militär, würde auf 18, der Unternehmer Samuel Doria Medina auf zehn Prozent kommen.
Sogar die Hochburgen der Opposition haben sich dem Präsidenten in einem noch vor kurzem kaum vorstellbaren Maße zugewandt. In Santa Cruz, dem wirtschaftlichen Zentrum Boliviens, ermitteln die Institute für Reyes einen nur winzigen Vorsprung gegenüber Morales, auch in anderen Oppositionsgebieten liegen die beiden fast gleichauf. Selbst wenn Reyes und Doria tapfer die Stichwahl beschwören, hat sich die Opposition längst darauf beschränkt, nur noch die absolute Mehrheit von Morales´ "Bewegung zum Sozialismus" (MAS) im Senat zu verhindern.
Morales wurde vor vier Jahren zum ersten indigenen Staatschef Boliviens seit Menschengedenken gewählt. Zuvor hatte die harte, neoliberale Politik eine Phase tiefer Instabilität ausgelöst. Nach Morales´ Wahl beruhigte sich die Lage kaum. Verstaatlichungen in der Öl- und Gasbranche und eine neue, unter dubiosen Umständen redigierte Verfassung brachten die Rechte ebenso in Rage wie die Nähe der Regierung zum linken Venezuela oder die schroffe Politik gegenüber Washington.
Umgekehrt sah die indianische Bevölkerungsmehrheit, seit Jahrhunderten wirtschaftlich benachteiligt und rassistisch diskriminiert, endlich bessere Chancen. Morales erhöhte die bescheidene soziale Grundsicherung, verteilte Land und vermittelte den Indios das Gefühl, ernst genommen zu werden. Die Wirtschaftselite im östlichen Tiefland leistete erbittert Widerstand, der zeitweise bis kurz vor die Sezession zu gehen schien. Die Polarisierung gipfelte 2008 in einem Massaker an 15 Bauern. Danach einigten sich die verfeindeten Lager jedoch endlich in der umstrittenen Verfassungsdebatte, und die Bürgerkriegsgefahr rückte in weite Ferne.
Dass Morales so viel Zuspruch erhält - mittlerweile führt er offensiv Wahlkampf in Santa Cruz, wo er sich letztes Jahr kaum hintraute -, hängt mit seinen Rivalen zusammen. Eine gemäßigte Rechte oder eine glaubhaft die Mitte vertretende Kraft fehlt in Bolivien. Der frühere Berufsoffizier Reyes repräsentiert die korrupte, mit den Militärdiktatoren verbandelte Politikergarde. Und sein Vize ist Leopoldo Fernández, der wegen des Massakers an den 15 Bauern in Untersuchungshaft sitzt.
Andererseits geht es Bolivien wirtschaftlich so gut wie lange nicht mehr. 3,2 Prozent Wachstum dieses Jahr - kaum ein anderes Land entkommt der Krise besser als das traditionelle Armenhaus Südamerikas. Die Exportprodukte Gas und Soja erzielen gute Preise. Mit seiner nationalistischen Linie schöpft der Staat mehr ab bei der Gasförderung als früher, hat also auch mehr zu verteilen. Die zunächst verschreckten ausländischen Investoren sind längst zurück. Ein von der spanischen Repsol geführtes Konsortium hat gerade den Vertrag für eine knapp eine Milliarde Euro große Investition zur Erschließung des neuen, riesigen Gasvorkommens Caipipendi unterzeichnet.
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