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14. Dezember 2012

Bombe im Bonner Hauptbahnhof: Immer mehr Hinweise auf Islamisten

 Von Claudia Hauser und Brian Schneider
Ein Fahndungsplakat der Polizei, das einen Tatverdächtigen zeigt, hängt am Bonner Hauptbahnhof. Foto: dapd

Die Bombe im Bonner Hauptbahnhof ist ferngezündet worden, aber nicht explodiert. Es mehren sich Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen.

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Die Täter hatten nur ein Ziel: Sie wollten Menschen töten. Drei Regionalzüge fuhren am Montagmittag auf Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs ein, während eine Bombe in einer blauen Sporttasche versteckt auf dem Bahnsteig stand. Hunderte Reisende waren unterwegs, viele Schüler auf dem Weg nach Hause. Die Folgen einer Explosion wären verheerend gewesen.

Vier Tage nach dem Fund der Bombe steht seit Freitag fest: Bonn ist ins Visier des Terrorismus geraten. „Es liegen zureichende Anhaltspunkte dafür vor, dass es sich um einen versuchten Sprengstoffanschlag einer terroristischen Vereinigung radikal-islamistischer Prägung handelt“, teilte die Generalbundesanwalt in Karlsruhe mit.
Die oberste deutsche Strafverfolgungsbehörde hat nun die Ermittlungen von der Bonner Staatsanwaltschaft übernommen. „Das schnelle Ergebnis zeigt das entschlossene Vorgehen der Sicherheitsbehörden gegen gefährliche Extremisten“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD). Er sieht die Einschätzung der Sicherheitsbehörden, Deutschland sei „im Fadenkreuz des islamistischen Terrorismus“, bestätigt.
Der Sprengsatz soll einer Bombe ähneln, deren Bauanleitung sich im Internet-Magazin Inspire der jemenitischen Al-Kaida wiederfinden soll. Dies berichtet der Tagesspiegel unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Spuren, die auf konkreten Täter hindeuten

Offenbar ist es nur der Unfähigkeit der Attentäter zu verdanken, dass es in Bonn am Montag nicht zu einer Katastrophe kam. Denn wie es scheint, ist der Sprengsatz tatsächlich gezündet worden. Dies wurde von der Kölner Polizei zwar nicht bestätigt, sei aber „eine von mehreren Ermittlungsthesen“, die von Spezialisten des Landeskriminalamtes (LKA) untersucht wird. So war es vermutlich ein Konstruktionsfehler, der eine Explosion verhindert hat.
Laut Spiegel Online haben die Täter beim Bau der Bombe statt eines Sprengsatzverstärkers, Booster genannt, nur eine Glühbirne benutzt. Diese soll aber nicht richtig funktioniert haben, hieß es unter Berufung auf Ermittlerkreise.
Offenbar verfolgen die Ermittler bereits Spuren, die auf einen konkreten Täter hindeuten: „Es liegen belastbare Hinweise dafür vor, dass die verdächtige Person über Verbindungen in radikal-islamistische Kreise verfügt“, so die Bundesanwaltschaft. Weitere Einzelheiten wurden von der Bundesanwaltschaft nicht bekannt gegeben. Am Dienstag waren zwei Männer in Gewahrsam genommen worden, die der salafistischen Szene in Bonn zugerechnet werden. Der Verdacht gegen sie hatte sich aber nicht erhärtet.
„Es war richtig, dass Polizei und Verfassungsschutz seit Jahren alle Erkenntnisse über salafistische Gruppierungen zusammengetragen haben“, sagte Ralf Jäger. Er betonte, dass die Salafisten nicht im Namen der vier Millionen friedliebender Muslime in Deutschland handeln, sondern nur eine verschwindend kleine Minderheit darstellen.

Mehr als 300 Hinweise

Die Kölner Polizei teilte mit, dass seit einer Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch und der Veröffentlichung eines Videos aus der McDonald’s-Filiale im Bonner Hauptbahnhof mehr als 300 Hinweise eingegangen sind. Mehr als 20 Ermittler sind zudem damit beschäftigt, Videomaterial mit einem Gesamtvolumen von rund 50 Terabyte auszuwerten – das entspricht fast 11000 DVDs.
Der erste Hinweis auf die Tasche war am Montag um kurz vor 13 Uhr eingegangen: Ein Mann mit einem Sprachfehler hatte eine Mitarbeiterin des Service Points im Bahnhof auf das verdächtige Gepäckstück aufmerksam gemacht. Beamte der Bundespolizei waren 15 Minuten später bei der Tasche, kurz darauf wurde der Bahnhof geräumt. Ein Sprecher der Bahn erklärte, die Mitarbeiter des Unternehmens seien angewiesen, derartige Meldungen umgehend an die Bundespolizei weiterzuleiten.
Weil sich die Bahn-Angestellte am Dienstag krank gemeldet hatte, konnte sie erst am Donnerstag vernommen werden. Aufgrund ihrer Aussage hoffen die Ermittler, den Mann zu finden, der die Tasche gemeldet hat und von ihm Informationen darüber zu bekommen, wer die Tasche an Gleis 1 abgestellt hat.

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