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09. Februar 2014

Bosnien: Die Nase voll von der Korruption

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Ein Polizist blickt aus einem Regierungsgebäude in Tuzla, dass während der Ausschreitungen in Brand gesteckt wurde.  Foto: REUTERS

In Bosnien richtet sich der Zorn der Demonstranten gegen die Bezirksregierungen. Von Tuzla aus haben die Proteste auf mehr als 30 Städte in Bosnien übergegriffen. Eine Hauptrolle inmitten des Aufruhrs spielt Fahrudin Radoncic.

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In Bosnien richtet sich der Zorn der Demonstranten gegen die Bezirksregierungen. Von Tuzla aus haben die Proteste auf mehr als 30 Städte in Bosnien übergegriffen. Eine Hauptrolle inmitten des Aufruhrs spielt Fahrudin Radoncic.

TUZLA/SARAJEVO –  

Tja, Gewalt, nein, „das ist gar nicht gut“, sagt Husrev Ardic, aber dann grinst er wieder so, dass man ihm das Bedauern nicht recht abnehmen mag. Einige Hundert Tuzlaner haben sich vor dem abgebrannten Gebäude der Kantonsregierung eingefunden. Ein Mann verteilt Krapfen aus dem Bauchladen. Man schaut Jungen zu, die an ein paar gelangweilten Polizisten vorbei aus dem verlassenen Gebäude verrußte und zersplitterte Fensterscheiben und verbrannte Möbel ins Freie tragen. Nein, er selbst habe natürlich keine Brandsätze geworfen, sagt Husrev und schaut verschwörerisch zu seinem hünenhaften Sohn auf. Auf dessen T-Shirt steht: Ich bin kein Hooligan. Der Sohn grinst wie der Vater.

Seit Mittwoch wird in Tuzla demonstriert, am Freitag griffen die Proteste auf 33 Städte über. Nach den heftigen Ausschreitungen vom Vortag ging es am Wochenende in Sarajevo und Bihac friedlich weiter. In der Hauptstadt, wo vermummte Randalierer am Freitag das Gebäude der Staatspräsidentschaft angezündet hatten, blockierten wieder Hunderte Studenten die Hauptverkehrsstraße. Die Polizei hielt sich zurück und regelte den Verkehr.

Wem nützt es?

In Sarajevo ist vom fröhlichen Karneval von Tuzla nichts zu spüren. „Es ist schrecklich“, sagt Selima Hodzic, 38. Den Anlass für die Angriffe kann sie verstehen. Sie arbeitet für 600 Euro im Monat in einem Immobilienbüro – ohne Vertrag. Wenn der Chef gerade kein Geld hat, gibt es eben keins. Es ist Sonntag, Hodzic ist mit der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit. Sie erzählt von den Attacken vom Freitag: „Das waren keine Jungen aus der Stadt, das waren ganz andere Typen, solche mit Jogginghosen. Und plötzlich haben sie sich Sturmmasken über die Gesichter gezogen, Steine und Molotow-Cocktails aus ihren Taschen geholt.“

Das Gebäude der Staatspräsidentschaft ist mit gelbem Plastikband abgesperrt, Arbeiter holen Glasreste aus den Fenstern. Im Erdgeschoss hat es schwer gebrannt.

Wem nützt es? Das ist die Frage, die sich die leidgeprüften Bürger von Sarajevo immer als erstes stellen. Nichts ist hier, was es zu sein scheint – auch nicht der scheinbar spontane Straßenprotest. Fragt man nach möglichen Anstiftern, fällt immer wieder der Name des vielleicht mächtigsten Mannes von Sarajevo: Fahrudin Radoncic. Der 56 Jahre alte Eigentümer des größten Medienhauses und der größten Tageszeitung des Landes, Erbauer spektakulärer Hochhäuser, Herr über zahlreiche Firmen, macht auch Politik. Er hat die Partei „Für eine bessere Zukunft“ gegründet und ist in der Föderation der zehn Kantone Sicherheitsminister.

Gleich nach den Ausschreitungen machte Radoncic sich zum Sprachrohr der Proteste. Er habe „schon vor Monaten“ einen „Tsunami gegen die Korruption“ gefordert und hinzugefügt: „Wenn die Regierung ihn nicht anschiebt, dann tun es eben die Bürger.“ Das sei nun geschehen.

Mächtige Kantonsbeamten

Die Botschaft kommt an. „Es musste sein“, sagt Edis Colic, 33, als Leiter der Kfz-Prüfstelle von Tuzla eigentlich einer vom Establishment. „Das ist eine Arbeiterstadt, wir denken hier alle ähnlich.“ Um die Kantonalregierung tut es niemand leid. Husrev Ardic zeigt triumphierend ein angesengtes Kartenspiel vor, das er in dem Gebäude erbeutet hat: „Da kann man sehen, womit die sich den ganzen Tag beschäftigen.“

Tatsächlich haben in Bosnien die Kantonsbeamten alle Trümpfe in der Hand: Sie entscheiden über Stellenbesetzungen, Ausschreibungen, die Verteilung der Mittel. Wer hier einen Job haben will, zahlt seinem Vorgesetzten erst mal einige Tausend Euro – und muss das Geld dann irgendwie bei den Bürgern eintreiben.

Rücktritte in mehreren Städten

„Die Kantone brauchen wir überhaupt nicht“, sagt Colic. So denken viele Bosnier. Das Land hat rund vier Millionen Einwohner, und die eine Hälfte davon ist noch einmal in zehn weitgehend autonome Einheiten unterteilt, jede mit eigenem Premier und eigenen Ministern.

Richtige Arbeit dagegen gibt es keine. Husrev Ardic, 56, ist Maurer und seit sieben Jahren ohne Job. Sein Ältester, ein Ingenieur, ist nach Stuttgart gegangen. Die großen Betriebe der einstigen Industriestadt Tuzla sind alle geschlossen, nachdem sie, meist für einen symbolischen Euro, privatisiert worden waren. „Die Käufer verhökern das Altmetall und die Immobilien und sind wieder weg“, erzählt Colic.

Einige Kantonsfürsten haben auf die Proteste reagiert. In Sarajevo tat es der Premier seinen Kollegen aus Tuzla und Zenica gleich und trat zurück. Der Amtskollege in Bihac hält noch aus, musste sich aber vor den Protesten in Sicherheit bringen. In Mostar wurde wie in Tuzla das Regierungsgebäude in Brand gesetzt, im kroatisch dominierten Novi Travnik nahm der Bürgermeister seinen Hut. „Die Anliegen der Bürger sind berechtigt“, sagte er noch.

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Gegen die Behörden lässt der Volkszorn sich leicht mobilisieren. Die Herrschenden müssen keinen Hunger leiden, können sich Zulagen genehmigen, sind nicht selten korrupt. Zugleich sind ihre Posten aber begehrt: Studiert werden in Sarajevo ebenso wie in Banja Luka und Mostar vorwiegend Jura und Politologie – Fächer, mit denen man in ein Amt kommt. Mit Chemie, Elektrotechnik oder Mechatronik kann man höchstens auswandern. Werden die opulenten Behörden abgeschafft, hat Bosnien immer noch keine produzierende Wirtschaft. Gibt es keine Kantone mehr, geht die Macht auf die nächsthöhere Ebene über: an die Föderation – in der wiederum der mächtige Radoncic stark ist.

Parolen von Radoncic

Radoncic will politisch nie etwas anderes als alle anderen in Sarajevo auch: in die EU, mehr Demokratie, mehr Wohlstand, ein Bosnien ohne komplizierte Quoten, mit denen man immer allen drei Volksgruppen gerecht werden muss – nur will er es immer schneller und entschiedener. „Schluss mit der ethnischen Aufteilung der Bürger!“ haben Demonstranten auf das abgebrannte Kantonsgebäude in Tuzla gesprüht: „Für ein einheitliches Bosnien!“ – Parolen, wie man sie auch von Radoncic und allen anderen Politikern der bosniakischen Volksgruppe hören kann.

Als Mann aus dem Sandschak stieß Radoncic in der Hauptstadt von Anfang an auf Misstrauen: Das arme Land zwischen Serbien und Montenegro ist in den Augen urbaner Bosnier die Brutstätte von Mafia und Fundamentalismus. Im Krieg aber wurden Leute aus dem Sandschak so dringend gebraucht wie im kroatischen Zagreb die Herzegowiner: Erfahrene Schmuggler organisierten Waffentransporte und rissen sich wertvolle Immobilien unter den Nagel.

Wenn es gerade passt, kann Radoncic auch die islamische Karte spielen. So hetzt sein populäres Blatt „Avaz“ gerade gegen die Melinka, ein Homosexuellen-Festival in der Stadt, ganz so, wie es vor Jahren schon die erste Schwulenparade in Sarajevo aufmischen ließ – von jungen Männern in Jogginghosen, die den Krawallmachern vom letzten Freitag auffallend glichen.

Ob die Proteste etwas verändern können? „Was weiß ich“, sagt Selima Hodzic unwirsch. „Ich weiß nur: Das Beste haben wir alle hinter uns.“

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