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28. September 2014

Brasilien Regenwald Aholzung: Die Kettensäge regiert

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Per Boot wird das illegal geschlagene Holz abtransportiert.  Foto: rtr

Brasiliens Regenwälder werden wieder stärker abgeholzt – auch weil die Politik härtere Sanktionen scheut.

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Der Bürgermeister stottert: „Äh, ja, es wurde eine Geldbuße verhängt, richtig, ja, aber ich fechte das an, verstehen Sie?“, sprach João Cleber Torres mit sichtlichem Unbehagen in die Fernsehkamera. Gegen den 53-Jährigen, dem Sägewerke und zwei große Farmen gehören, wird wegen illegaler Abholzung ermittelt. Ausgerechnet gegen ihn, den Bürgermeister von São Félix do Xingu. Die Gemeinde im östlichen Amazonasgebiet gehörte jahrelang zu den Munizipien mit der höchsten Abholzungsrate Brasiliens. Vor vier Jahren kam die Wende, der Holzeinschlag wurde kräftig gedrosselt. Nun nimmt er wieder zu, und offenbar lässt auch der Herr Bürgermeister die Kettensägen kreischen.

Wie viele Verwaltungsheinheiten im Amazonasbecken ist São Félix do Xingu riesengroß: 84 000 Quadratkilometer, etwa so groß wie Bayern plus Thüringen. Auf jeden der 112 000 Einwohner kommen 20 Rinder, und damit ist der Druck auf die riesigen Wälder von São Félix schon fast erklärt. Noch kaum einer der Farmer macht sich die Mühe, Futter für die Kühe anzubauen. Es gilt die Formel: Ein Rind gleich ein Hektar Weide. Hinzu kommt: Die hohen Preise für Rindfleisch lassen das Geschäft blühen.

140 Quadratkilometer wurden 2011 in São Félix abgeholzt, und so absurd das klingt: Das war eine gute Nachricht. 2008 fielen 769 Quadratkilometer den Kettensägen zum Opfer. Wenn man noch weiter zurückgeht in den Annalen der Stadt, taucht übrigens schon einmal der Name des Bürgermeisters auf. Er und sein Bruder – heute der zweithöchste im Rathaus – seien „die Spitze des organisierten Verbrechens in der Gegend von São Félix do Xingu“, hieß es 2003 in einem Bericht der Staatsanwaltschaft, die den Mord an sechs Landarbeitern untersuchte. Die Torres-Brüder besetzten öffentliches Land und eigneten es sich gewaltsam an: „Wegen der Gefahr, die von ihnen ausgeht, sind sie in der ganzen Gegend gefürchtet“.

Endlich tat die Regierung etwas für die Wälder

Dass São Félix damals die Wende schaffte, ging nicht unbedingt auf bessere Einsicht vor Ort zurück. Die Regierung in Brasilien raffte sich vor etwa zehn Jahren auf, endlich etwas gegen die Vernichtung der Wälder zu tun, die Brasiliens Ansehen weltweit beschädigte. Die Gemeinden mit hoher Abholzung kamen auf eine schwarze Liste, die dortigen Farmer wurden von billigen Agrarkrediten ausgeschlossen.

Schärfere Kontrollen und wirksamere Sanktionen, ferner die Initiative der Aufkäufer, die auf öffentlichen Druck hin Soja und Fleisch zu boykottieren begannen, die von illegal abgeholzten Flächen stammten – all das wirkte tatsächlich. „Entscheidend war der Druck auf die Gemeinden und auf die Industrie, denn deshalb haben die Schlachthäuser, die Bürgermeister und die Produzenten einen Pakt gegen die Entwaldung geschlossen“, resümiert Ian Thomson, der das Amazonas-Programm von „The Nature Conservancy“, einer Naturschutzorganisation, leitet.

Um das Dauerthema wurde es stiller, und Präsidentin Dilma Rousseff kann, wie dieser Tage auf der Klimakonferenz in New York, damit brillieren, dass ihr Land in den letzten zehn Jahren die Entwaldung in Amazonien um 79 Prozent gedrosselt hat. Im Wahlkampf zuhause ist das jedoch ein heikles Argument. Denn Marina Silva, Rousseffs schärfste Konkurrentin, war bis Mai 2008 Umweltministerin, sie kann sich einen Großteil des Erfolgs zuschreiben.


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Doch es gibt einen nicht zu ignorierenden Wermutstropfen: Neuerdings nimmt die Entwaldung fatalerweise wieder zu.  Im Soja-Bundesstaat Mato Grosso wurde innerhalb eines Jahres 50 Prozent mehr Wald umgelegt. „Als Dilma antrat, hat sie ein Land mit sinkender Abholzung übernommen“, schimpft Marina Silva, „wenn sie jetzt abtritt, übergibt sie ein Land mit zunehmender Entwaldung.“

Trendwende wurde erwartet

Die Experten sind gar nicht einmal besonders überrascht, sie hatten die Trendwende zum Teil sogar erwartet. Erstens sind die bisherigen Kontrollen und Sanktionen an ihre Grenze gestoßen, argumentiert Roberto Smeraldi von „Friends of the Earth“. Sie müssten einerseits verstärkt, andererseits verfeinert werden.

Zum Beispiel die Lage im Westen des Bundesstaates Pará, in dem auch São Félix liegt: Dort verläuft die Bundesstraße 163 von Süden, wo die Soja-Anbaugebiete liegen, durch den Wald nach Norden, zum Hafen Santarém am Amazonas. Dort wird das Soja verschifft. Entlang der Straße werden die staatlichen Wälder von „grileiros“, Land-Aneignern, invadiert, besetzt, parzelliert und mit falschen Papieren verkauft. Da müsste der Staat entschieden einschreiten: Diejenigen, die für Recht und Ordnung sorgen, brauchen mehr Geld, bessere Ausstattung und mehr politische Unterstützung vor Ort.

Doch die zahllosen Hintertürchen der ganz normale Landwirtschaft in einem riesigen, dünn besiedelten Land zu überwachen, ist noch schwieriger. Rinder, die auf illegal abgeholzter Fläche fett geworden sind, werden einfach als Besitz eines sauberen Farmers ausgegeben und zum Schlachthof getrieben; mit Soja oder Holz kann man genauso verfahren. Die Nichtregierungsorganisation „Forest Trends“ schätzt, dass 40 Prozent der Soja- und 65 Prozent der Fleisch-Exporte mit illegaler Abholzung verbunden sind.

Schlichte Verbote nützen nichts

Dass das schlichte Verbot nichts nützt, zeigen frühere Erfahrungen. Als die Entwaldung in den 90ern dramatisch anstieg, wurde in Brasilien beschlossen, dass amazonische Farmen statt wie vorher 50 künftig 80 Prozent ihrer Fläche als Wald stehen lassen oder eben wieder aufforsten müssen. Die Farmer, die noch zwei Jahrzehnte vorher als Helden der Erschließung und Entwicklung gehätschelt wurden, empfanden das als Enteignung und kümmerten sich meist nicht darum. Da die Besitzverhältnisse oft rechtlich unklar waren und sowieso kaum jemand die 80-Prozent-Marge überwachte, geschah umso weniger, je entlegener die Farmen lagen.

Die Anstrengungen, die Brasilien in den letzten Jahren unternommen hat, zielten auch auf die Legalisierung dieser Flächen, wobei der Staat den Sündern weit entgegenkam. Vermessung und Registrierung der Ländereien ist heute Voraussetzung für günstige Agrarkredite, und die Bedingungen für die geforderte Wiederaufforstung sind nicht allzu streng.

Aber damit sind vor allem die größeren Farmen zu Wohlverhalten zu verlocken. Die Kleinen, die irgendwo mitten im Wald eine Lichtung roden, werden durch diesen Mechanismus kaum vom Abholzen abgehalten. „Wenn wir nicht Instrumente zur Erhöhung der Wertschöpfung und Programme für die Kleinproduzenten entwickeln, werden wir noch lange um die 5000 Quadratkilometer Entwaldung pro Jahr haben“, prophezeit der Umweltaktivist Roberto Smeraldi, „und so lange hat es keinen Sinn, zu feiern, wenn die Zahl ein bisschen sinkt, oder zu dramatisieren, wenn sie etwas ansteigt“.

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