Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

29. Januar 2015

Bremen: Der Hetzprediger von der Weser

 Von 
Der evangelikale Pastor beschimpft andere Glaubensbekenntnisse.  Foto: imago/epd

Ein evangelikaler Pastor in Bremen kanzelt andere Bekenntnisse ab, nennt islamische Feste „Blödsinn“ und warnt vor interreligiöser Toleranz. Jetzt überprüft die Staatsanwaltschaft seine Hetzpredigt.

Drucken per Mail
Bremen –  

Dass streng religiöse Menschen ihren Glauben für den einzig wahren halten, ist logisch. Aber nur wenige Scharfmacher gehen so weit, respektlos über andere Bekenntnisse herzuziehen und deren Anhänger als Sünder zu brandmarken. Solche Hetzprediger findet man bekanntlich unter radikalen Islamisten - aber vereinzelt auch unter Christen, wie jetzt ein Fall aus der evangelischen Kirche zeigt.

In der altehrwürdigen Bremer Innenstadtkirche St. Martini, wo schon der Choraldichter Joachim Neander („Lobe den Herren“) predigte, amtiert seit 2007 als Hauptpastor der 47-jährige Olaf Latzel. Er lässt keine Frauen auf seine Kanzel, hält Homosexualität für Sünde und sieht in jedem Bibel-Wort Gottes Wort. Jetzt hat Radio Bremen auf der Gemeinde-Homepage eine Predigt von ihm entdeckt, in der er andere Konfessionen abkanzelt und statt christlicher Versöhnung Zwietracht sät.

Latzels Thema: Er stellt den alttestamentarischen Richter Gideon als Vorbild hin, denn der hatte Götzenbilder zerstört. Genauso müsse auch heute „Schluss sein mit dem Götzendienst“, belehrte der Evangelikale seine 300 Gottesdienstbesucher und die 120 bis 150 weiteren Gläubigen, die nach seiner Schätzung regelmäßig seine Predigten als Livestream im Internet verfolgen.

Für Gott, mahnte Latzel, sei es ein Gräuel, wenn andere Götter neben ihn gestellt würden. Deshalb dürften Christen kein Verständnis und keine Toleranz für andere Religionen zeigen. „Die Reinigung von den Götzen, von den fremden Göttern wird von Gott befohlen.“ Demnach müsse man Götzenbilder „umhauen, verbrennen, hacken“.

Christen, so Latzel, dürften keine Glückspfennige oder Heiligen-Amulette besitzen und auch keine Buddha-Statue, also keinen „dicken alten fetten Herrn“ auf die Kommode stellen. „Das ist Götzendienst, das gehört nicht zum Christen dazu, das muss weg.“

Aber es kommt noch heftiger: Wer von dem muslimischen Freund seiner Tochter zum „Zuckerfest und all diesem Blödsinn“ eingeladen werde, solle nicht hingehen. „Nein, da müssen wir ganz sauber bleiben.“

Nicht mal interreligiöse Schulgottesdienste will der Fundamentalist dulden: „Da beten dann eben der Pfarrer und der Imam und der Katholik alle zusammen zu vermeintlich dem einen Gott. Das ist Sünde, das darf nicht sein, davon müssen wir uns reinigen.“

Besonders entsetzt ist der bibeltreue Pfarrer darüber, dass sein ebenfalls strenggläubiger Vorgänger Jens Motschmann inzwischen interreligiöse Begegnungsstätten für Christen, Muslime und Juden wie das geplante Berliner „House of One“ befürwortet. „Das ist das Allerletzte, was wir brauchen“, findet Latzel. Und weiter: „Wir können keine Gemeinsamkeit mit dem Islam haben.“

Allerdings sagt er auch: „Gott unterscheidet zwischen der Sünde und dem Sünder.“ Deshalb gelte zwar das Nein zum Islam und zur „Vermischung mit dem Christentum“, aber den einzelnen Gläubigen müsse man „in Liebe und Barmherzigkeit begegnen, und wenn sie verfolgt werden, dann haben wir uns vor sie zu stellen“.

Auch über Katholiken zieht der Evangelikale her: Heiligenanbetung sei Götzendienst, ebenso „dieser ganze Reliquiendreck und -kult“. Latzel: „Das, was da Lehre ist in der katholischen Kirche, ist ganz großer Mist.“

Bei der Leitung der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) löste die halbstündige Predigt Entsetzen aus. Aber die basisdemokratisch organisierte BEK ist machtlos; sie hat keinen Bischof, sondern nur einen „Schriftführer“, und der kann kein „Lehrzuchtverfahren“ wie in anderen Landeskirchen einleiten, denn laut Bremer Kirchenverfassung gilt in den einzelnen Gemeinden Lehr-, Glaubens- und Gewissenfreiheit.

BEK-Schriftführer Renke Brahms fand aber klare Worte: Die Predigt sei „geistige Brandstiftung“ und „dazu geeignet, Gewalt gegen Fremde, Andersgläubige oder Asylbewerbern Vorschub zu leisten“. Auch Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) äußerte den Eindruck, dass Latzel „zum Religionskampf aufgerufen“ habe.

Sogar die Staatsanwaltschaft hat sich inzwischen die Predigt im Internet angehört und prüft jetzt, ob sie ein Ermittlungsverfahren einleiten muss - wegen Volksverhetzung.

Der Pastor (Hobbies: Jagd und Kraftsport) steht aber weiter hinter seiner Predigt. Im Gespräch mit der FR widerspricht er dem Eindruck, dass er zu Gewalt gegen religiöse Symbole aufgerufen habe. „Wir gehen nicht hin und zünden Moscheen an.“ Nein, ihm gehe es nur darum, dass Christen selber keine Götzenbilder besitzen dürften und „jede Religionsvermischung“ vermeiden müssten. Aber mal einen Kaffee mit Andersgläubigen zu trinken, das geht für ihn in Ordnung.

Nach Latzels Wahrnehmung steht seine Gemeinde voll hinter ihm. Und das sind immerhin 1.300 Bibeltreue, die sich - wie in Bremen üblich - ihre Gemeinde frei aussuchen können. Die reinste Parallelgesellschaft...

 

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Österreich und die Folgen

Mehr Politik wagen

Von  |
Von Adenauer bis Merkel: In der Politik herrscht das Geschacher und Kleinklein. Es fehlen die Visionen.

Alle suchen nach Mitteln gegen Rechtspopulisten. Das einfachste ist: Probleme benennen, Lösungen erarbeiten und umsetzen. Oder blumiger: Es sind Visionen nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Ein Sieg des letzten Aufgebots

Van der Bellen wurde nicht nur von Grünen gewählt, auch Konservative gingen für ihn an die Urne, um Hofer zu verhindern.

Die Wahl Alexander van der Bellens zum österreichischen Präsidenten hat das Land nicht grundlegend verändert. Der Kampf gegen die Ultrarechten fängt jetzt richtig an. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung