Es war ein brisantes Paket: Am Freitag erreichte ein brauner schwerer Karton die Poststelle der Frankfurter Rundschau. Absender unbekannt. Inhalt: Stapelweise Mikrofiches mit hoch sensiblen Daten von Tausenden Kreditkartenkunden in ganz Deutschland. Dazu Geheimnummern, Listen von Zahlungsströmen, Auslandsabbuchungen und Rücküberweisungen.
Beiliegend fand sich eine Rechnung über 71 400 Euro. Den Betrag wollte offenbar die Finanzdienstleistungsfirma Atos Worldline ihrer Auftraggeberin in Rechnung stellen: der Berliner Landesbank LBB. Für die Landesbank wickelt Atos die technische Seite des Zahlungsverkehrdes ab. Atos ist einer der ganz großen Anbieter von Bank- und Finanzdienstleistungen. Das Unternehmen hat einen Jahresumsatz von 654 Millionen Euro und beschäftigt mehr als 4 000 Mitarbeiter. Als europaweit agierender Dienstleister im Bereich großvolumiger Datenmengen ist das Unternehmen auf elektronische Zahlungsdienstleistungen spezialisiert.
Am Freitag, 12. Dezember geht ein Karton in der Poststelle der Frankfurter Rundschau ein. Betriebsinterne Boten liefern das Poststück dahin, wo es laut Adressaufkleber hin soll: Chefredaktion.
Beim Öffnen der Kiste bietet sich ein zunächst verwirrendes Bild: Offene Umschläge, mit Geheimnummern von Kreditkartenkunden - die Namen, Adressen, alles klar lesbar.
In weiteren offenen Umschlägen steckten Hunderte Mikrofiches, säuberlich sortiert nach Kreditkartenfirmen, Rücküberweisungen, Auslandszahlungen. Mit einer starken Lupe waren alle Daten lesbar.
Besonders im Fall der Berliner Landesbank ist das eine hoch verantwortungsvolle Aufgabe, denn die Landesbank ist der größte Vergeber von Kreditkarten in Deutschland. Hunderttausende Kreditkartenrechnungen von Banken in der ganzen Republik laufen über die LBB zu Atos - und wieder zurück. Doch diesmal ging etwas gewaltig schief. Der gigantischer Dateverlust traf das Unternehmen völlig unvorbereitet. Komplett überrascht zeigte sich Atos-Prokuristin Ulrike Rahnama am Freitagabend über das riesige Datenleck. "Der Geschäftsführer sitzt im Flieger", sagte Rahnama. "Wir prüfen mit Hochdruck, was passiert ist".
Auch bei der Berliner Landesbank schrillten am Freitagabend die Alarmglocken. "Wir nehmen das sehr ernst", sagte LBB-Sprecher Marcus Recher und bestätigte, dass die Landesbank mit Atos zusammen arbeite. "Die Firma arbeitet für uns die Zahlungsverkehrsströme auf", so der Sprecher. Dabei sei es "nicht unüblich, mit Mikrofiches zu arbeiten", so der Sprecher. Doch genau dies können Datenschützer am wenigsten verstehen. In ersten Reaktionen auf den Super-Gau im Datentransfer äußerten der Berliner- und auch der Bundesdatenschutzbeauftragte ihr völliges Unverständnis über die Nutzung einer solch unsicheren Speichertechnologie.
Bei der Landesbank und dem Unternehmen Atos brach am späten Freitagabend Hektik aus. LBB-Sprecher Recher kündigte an, die Bank wolle Strafanzeige erstatten "sofern es sich um eine Sendung handelt, die an uns gerichtet war". Das klärt nun die Polizei. Ermittler holten die brisante Kiste am Abend ab, nachdem die FR die Beamten informiert hatte.
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