kalaydo.de Anzeigen

Geld für die Kirche: Büßen für die Säkularisierung

Landespolitiker sind verärgert: Knapp 460 Millionen Euro „Staatsleistungen“ kostet sie der Klerus 2010.

Gebet
Gebet
Foto: ddp
Berlin –  

Knapp 460 Millionen Euro „Staatsleistungen“ müssen die Bundesländer – mit Ausnahme der Stadtstaaten Bremen und Hamburg – 2010 an die Kirchen abführen. Es sind öffentliche Mittel, die nicht etwa kirchlichen Sozialeinrichtungen zugute kommen; die werden mit zusätzlichen Milliarden an staatlicher Hilfe betrieben. Auch Zuschüsse für die Instandhaltung von Kirchen kommen noch oben drauf. Die Zuwendungen – Dotationen genannt – sind Ausgleichszahlungen für Enteignungen von Kirchenbesitz aus der Zeit der Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts.

Der Blick in die leeren Staatskassen hat nun Haushaltspolitiker in einigen Bundesländer ins Grübeln gebracht. In Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland haben sie überschlagen, ob Verluste, die den Kirchen in Deutschland durch die Säkularisierung entstanden, nach 200 Jahren nicht abgegolten sein könnten.

Die Ausgaben

Aus den Mitteln der Staatsdotationen, die etwa Bayern an die katholische Kirche zahlt, werden Jahresrenten, Gehaltszulagen, Dienstentschädigungen und andere Leistungen für nahezu den gesamten Klerus finanziert. Bischöfe erhalten Jahresrenten, Weihbischöfe Gehaltszulagen.
Staatsdotationen gibt es zudem als Beiträge für den Sachbedarf der Ordinariate, Dom- und sonstigen Kirchen. Zuschüsse werden auch gezahlt für Knabenseminare und den Unterhalt von Orgeln, Kirchenglocken und -uhren. ( tich)

Die zusätzliche staatliche Versorgung der Kirchen ist eine vermögensrechtliche Folge der Enteignung kirchlicher Güter durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803. Die Kirchen verloren ihre weltliche Macht. Die Fürstentümer übernahmen als Gegenleistung die Versorgung der Pfarrer und den Unterhalt der übernommenen Immobilien. Weder die Väter der Weimarer Verfassung noch des Grundgesetzes tasteten die Zahlungsverpflichtung an. Und so schleppen die Rechtsnachfolger des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation die Last ins dritte Jahrhundert. Manchem Haushaltspolitiker leuchtet das nicht ein.

Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki fordert: „Wir müssen überall sparen, auch bei den Kirchen.“ Die Leistungen von 12 Millionen Euro sollten um 10 bis 15 Prozent gekürzt werden. Ähnliche Forderungen gabe es in anderen Bundesländern. Schleswig-Holstein will mit der Kirche verhandeln.

Die wird schwierig. Staatsrechtler sehen kaum Möglichkeiten, die Verträge einseitig zu ändern oder gar zu kündigen. Der langjährige Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland, Axel von Campenhausen, wies darauf hin, dass die zwischen den Kirchen und den Bundesländern geschlossenen Staatskirchenverträge sogenannte „Freundschaftsklauseln“ enthalten, die einseitige Änderungen ausschließen. Diesen seien nur in gegenseitigem Einvernehmen möglich. Die Kirchen müssten also auf Leistungen verzichten. Forderungen, die Leistungen zu kürzen, würden immer wieder erhoben, meist von der FDP. Bislang hätten sie jedoch kaum Unterstützung gefunden.

Wie es aussieht, werden die Kirchen auch künftig nichts zu fürchten haben. Die kirchenpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen wiesen den Vorstoß der Landespolitiker zurück. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis warnte davor, den Kirchen als einer stabilisierenden Kraft in der Gesellschaft die finanzielle Grundlage zu entziehen. Der kirchenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Josef Winkler, rügte, Kürzungen der Länder stellten einen „Generalangriff“ auf die Kirchen dar. Die Empörung über Missbrauchsfälle werde ausgenutzt, um die Kirche zu erpressen und bestehende Verträge neu zu regeln.

Thomas Begrich, Leiter der Finanzabteilung der EKD, befürchtet ohnehin keine Kürzungen. Er nennte die Zahlungen „Pachtersatzleistungen“, denn nach seinem Verständnis handelt es sich auch um die Kompensation für verlorene Erträge aus den verstaatlichten Gütern. „Diesen Verlust kann man auch durch eine Entschädigung ablösen“, sagte Begrich der Frankfurter Rundschau. „Wollte der Gesetzgeber das, könnte er es jederzeit tun“, erklärt Begrich, „so sieht es die Verfassung vor“. Darüber nachgedacht werde aber in der Regel nur in „klammen Zeiten“. ( mit epd)

Autor:  Katja Tichomirowa
Datum:  30 | 7 | 2010
Kommentare:  36
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!