Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flucht und Zuwanderung | USA nach der Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

14. Dezember 2012

Bundespräsident Gauck: Der andere Blick auf die Einheit

 Von Markus Decker
Kritiker: Joachim Gauck, Bundespräsident.  Foto: dpa

Was ist typisch deutsch? Bundespräsident Joachim Gauck versucht diese Frage im Dialog mit Jugendlichen und Migranten zu klären.

Drucken per Mail

Der Bundespräsident war kritisch und beglückt zugleich. Die Debatte über deutsche Geschichte und Identität sei oftmals ein Eliten-Diskurs, monierte Joachim Gauck. Er zeigte sich aber auch erleichtert darüber, dass es da jetzt diese „Dritte Generation Ost“ gebe – eine Verbindung überwiegend junger Ostdeutscher, die sich vor zwei Jahren gegründet hat und nun von sich reden macht. Es tue „unserem Land gut, wenn heute 30-Jährige zwischen Schwerin und Dresden laute Fragen stellen“, befand das Staatsoberhaupt.

Die Veranstaltung im Schloss Bellevue mit dem Titel „Typisch deutsch?“, ausgerichtet von der Bundesstiftung Aufarbeitung und dem Präsidialamt, wurde dann allerdings weniger von jungen Ostdeutschen geprägt als von Menschen, die gelernt haben, distanzierter auf das wiedervereinigte Land zu blicken. Dabei trat durchaus Überraschendes zutage.

Dies betraf zunächst die deutsche Einheit im Ganzen. Die deutsch-vietnamesische Schriftstellerin Pham Thi Hoai verwies auf die Vereinigung von Nord- und Süd-Vietnam. Diese sei von Gewalt begleitet gewesen. Und sie habe Sieger und Besiegte hinterlassen. „Das kann man von Deutschland nicht sagen“, sagte Hoai, die 1977 mit 17 Jahren in die DDR kam. Gemessen an vietnamesischen Verhältnissen sei die deutsche Einheit geradezu ein Traum.

Kiyak: Probleme benennen

Die zweite Überraschung betraf die Bewertung von Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Deutschland. Die Diskutanten ließen keinen Zweifel daran, dass hier nicht zuletzt in den neuen Ländern große Probleme existierten. Pham Thi Hoai erklärte, die DDR-Bürger seien „gegenüber der großen weiten Welt komplexbeladen“ gewesen und hätten sich im Inneren seltsam „gönnerhaft“ gezeigt. Was sie denke, etwa über die Vereinigung, habe niemanden interessiert. Die Autorin Mely Kiyak referierte ihre Erfahrungen aus Leipzig. Dort seien regelmäßig Neonazis in größeren Gruppen durch bestimmte Viertel gezogen; von einem sei sie verprügelt worden.

Kiyak fügte indes hinzu, Rassismus habe es auch im Westen schon immer gegeben. Dies zeigten die Attentate von Mölln und Solingen. „Ich habe etwas dagegen, ein Phänomen immer einer bestimmten Gruppe von Menschen zuzuordnen.“ Damit wollten sich viele Westdeutsche nur entlasten. Der französische Journalist Pascal Thibaut berichtete, dass Rechtsextremismus in ländlichen Regionen Frankreichs häufig verbreiteter sei als in Ostdeutschland.

Das alles diente nicht der Verharmlosung. Kiyak, die in Niedersachsen als Kind kurdischer Eltern geboren wurde, rief vielmehr dazu auf, die Probleme zu benennen. Es nicht zu tun, „ist der Makel“. Die Beobachter mit Migrationshintergrund machten aber zweierlei deutlich. Erstens rückten sie die deutschen Probleme in die richtigen Relationen. Zweitens machten vor allem Hoai und Kiyak deutlich, dass sie eben keineswegs nur Beobachter der Einheit sind, sondern ihr Teil. Das werde zu wenig beachtet.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Gauck stellte schließlich klar, dass das Stochern in der Vergangenheit kein Selbstzweck sei, sondern dazu diene, die Gegenwart freier zu gestalten. Danach lud er die jungen Leute zu gemeinsamen Fotos ein, damit sie sagen könnten: „Omi, ich war beim Bundespräsidenten.“ Der Nachwuchs hat sich nicht lange bitten lassen.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Donald Trump

Demagogische und verlogene Rede

Von  |
Donald J. Trump.

Donald Trumps „vereintes Amerika“ ist ein armes, ein kleines, ein engherziges, ein ängstliches Amerika. Nichts, worauf man stolz sein kann. Der FR-Leitartikel zur Rede des neuen Präsidenten der USA. Mehr...

Neuer US-Präsident

Trump setzt alles auf null

Donald Trump ist der 45. Präsident in der Geschichte der USA

Setzt Donald Trump die radikale Entideologisierung und Ökonomisierung der amerikanischen Außenpolitik tatsächlich um? Ein gespenstisches Szenario. Der Leitartikel. Mehr...

 

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung