Berlin. Unter der Kuppel des Berliner Reichstages stehen die Kameras am Dienstagnachmittag vor einem gläsernen Durchgang. Das ist ungewöhnlich. Wer hier oben, auf der Fraktionsebene, etwas zu sagen hat, tut das normalerweise vor einer blauen, grünen oder roten Stellwand. Der Gast aber, den die Linke empfängt, will nicht rot umrahmt werden. So viel Distanz muss sein zwischen Joachim Gauck und der Partei, die über seine Zukunft mitentscheidet.
Dass der Kandidat Gauck keine 24 Stunden vor der Wahl des Bundespräsidenten überhaupt bei der Linken vorbei schaut, ist bemerkenswert. Beide Seiten haben sich zuletzt ja nichts geschenkt. Die Partei schmähte den Theologen als Kriegsbefürworter, Marktradikalen und Mann von Vorgestern. Der revanchierte sich, indem er die Linke als durchtränkt von unverbesserlichen SED-Kadern verhöhnte. Dabei weiß auch Gauck, dass er ohne die 124 Linken-Stimmen keine Chance gegen Christian Wulff haben wird.
Die Kandidaten
Joachim Gauck Der Kandidat von SPD und Grünen passt eigentlich besser zur Kanzlerin. Gerade weil er eher konservativ ist, wurde der Ex-Pfarrer und frühere Beauftragte für die Stasi-Unterlagen von der Opposition ausgewählt. Der 70-Jährige stammt aus Rostock. Ende der 80er Jahre machte sich Gauck in der DDR-Opposition einen Namen, war beim Neuen Forum engagiert. Er gehört keiner politischen Partei an. Gaucks Vater war in der DDR politisch verfolgt worden und verbrachte vier Jahre in einem Lager in Sibirien.
Christian Wulff Der Niedersachse wäre, würde er gewählt, mit 51 Jahren der bislang jüngste Bundespräsident. Der schwarz-gelbe Kandidat ist ein Karriere-Frühstarter: Schon im Alter von 34 Jahren wollte er Ministerpräsident werden. Es klappte erst 2003 im dritten Anlauf. Bei der Wahl des Bundespräsidenten geht er als klarer Favorit ins Rennen. In der CDU gilt Wulff, der eine Muslimin zur Ministerin machte, als Modernisierer. In einem Stern-Interview hatte er 2008 gesagt, dass er weder Kanzler noch Minister in Berlin werden wolle.
Lukrezia "Luk" Jochimsen Friedensstifterin, Vereinigerin von Ost und West und Schirmherrin der Schwache möchte die 74-jährige Linken-Kandidatin sein. Da ihre Partei nur rund zehn Prozent der Wahlleute stellt, hat die gebürtige Nürnbergerin aber keine Chancen auf einen Wahlsieg. Bis 2001 war die langjährige Journalistin Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks. 2002 ging sie für die PDS in den Bundestagswahlkampf und zog 2005 über die thüringische Landesliste in den Bundestag ein. Sie ist kulturpolitische Sprecherin ihrer Fraktion.
Auch dieser Dienstag wird für ihn kein Gastspiel bei Freunden. Womöglich werde er "ganz schnell wieder rauskommen", unkt der 70-Jährige zu Beginn. Die Linke platziert Gauck so, dass er eine Dreiviertelstunde lang auf ein Heiner-Müller-Zitat starren muss: "Wir stecken bis zum Hals im Kapitalismus."
Gauck bleibt dann doch bis zum Ende. Eine Viertelstunde spricht er, dann sind Nachfragen gestattet. Die Antworten machen deutlich, dass die Partei und den Kandidaten Welten trennen. Den Afghanistan-Krieg verteidigt Gauck erneut, Hartz IV ebenfalls, und zur Frage, ob die Linke weiter durch den Verfassungsschutz beobachtet werden soll, fällt Gauck ein: Die Behörde sei schließlich "nicht die Stasi". "Ich bin erschüttert", wird eine Linke später sagen. Sie habe mit dem Gedanken gespielt, Gauck im Falle eines dritten Wahlgangs zu wählen. "Das hat sich jetzt erledigt."
Hat Gauck also seine letzte Chance vertan? Es gibt auch nach diesem Auftritt Linke, die meinen, man müsse die Gelegenheit nutzen, Union und FDP zu schaden, wenn sie sich denn bieten sollte. Es gibt aber auch viele, die es halten wie Wolfgang Gehrke. Der sagt: "Gauck hätte erzählen können, was er will - ich würde ihn nicht wählen." So schwindet am Vorabend der Wahl die Hoffnung von SPD, Grünen und vielen Menschen im Land, dass der Mittwoch eine faustdicke Überraschung bringen könne.
Thomas Oppermann, Fraktionsgeschäftsführer der SPD, gibt die Sache schon am Dienstagmorgen verloren. Gauck habe kaum Chancen, gewählt zu werden, räumt er ein. Das liege aber nicht am Bewerber, sondern daran, dass die Kanzlerin die Abstimmung in der Bundesversammlung nicht freigeben wolle.
Wenig später fällt dem SPD-Politiker noch ein zweiter Grund ein, weshalb es Gauck wohl nicht schaffen wird: Vertreter der Linkspartei, ist er überzeugt, könnten schon im ersten Wahlgang für Wulff stimmen, nur um Gauck zu verhindern: "Das sind die Kader-Kommunisten, die Angst haben, mit Gauck permanent an die eigene Vergangenheit erinnert zu werden."
Bei der Union ist die Stimmung gleichwohl nicht ganz frei von Nervosität. "Wir hoffen, dass der erste Wahlgang positiv entschieden wird", legt Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier die Latte vorsichtshalber tiefer: Entscheidend sei aber nur, dass "der Bundespräsident am Ende des Tages Christian Wulff heißt".
Damit das auch so ist, wird ständig und eifrig durchgezählt. Eine Fraktionssitzung am Dienstagabend gibt es dazu und noch eine weitere am Mittwoch direkt vor der Bundesversammlung. Am Dienstagabend sammelt die Union ihre Wahlmänner und -frauen in einem Berliner Hotel bei Buffet und Getränken. "Es wird geschaut, dass keiner verloren geht", heißt es bei der CSU. Im übrigen, berichtet Altmaier, gebe es bei den Delegierten eine "deutlich wahrnehmbare Unterstützung für Christian Wulff".
Auch die Sorgen, wie sich die Wahlfrau Friede Springer verhalten könnte, deren Zeitungen sich kräftig für Gauck ins Zeug gelegt hatten, ist bei den Unionisten verflogen. Am Dienstag berichtet die Bild-Zeitung ganzseitig über das Sommerfest der niedersächsischen Landesvertretung. "Kanzlerin zu Wulff: ´Alles, alles Gute für Mittwoch´", lautet der Titel.
Tatsächlich haben sich Merkel und Wulff bei dem Fest prächtig inszeniert für die Fotografen. Fast eine Stunde nimmt sich die Kanzlerin Zeit, um mit Wulffs Frau Bettina und anderen Ehrengästen zu plaudern. Nach einer Weile kommt auch FDP-Chef Guido Westerwelle dazu. Es gibt Krabbenbrötchen und Weißwein, und als die Musikschule Nordhorn Elton Johns "Don´t Let the Sun Go Down on Me" intoniert, stöhnt ein Besucher wehmütig: "So schön könnte Schwarz-Gelb sein."
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