Herr Bude, am Mittwoch stehen zwei Personen zur Wahl, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Für was stehen die Kandidaten?
Es gibt keinen sehr großen Modellunterschied. Ein zentraler Unterschied ist allerdings, dass der eine, Christian Wulff, für das Repräsentationsdefizit steht und der andere, Joachim Gauck, genau dieses Defizit zum Thema seiner Wahl gemacht hat. Aber man kann nicht sagen, dass Wulff für wirtschaftlichen Liberalismus und Gauck für soziale Gerechtigkeit steht. Ebenso wenig kann man sagen, dass der eine ein Mann des Westens und der andere einer des Ostens ist.
Heinz Bude ist Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel.
In den Sympathiebekundungen für Gauck drückt sich eine eigenartige Sehnsucht aus. Worin besteht die?
Die Sehnsucht richtet sich darauf, dass es jemanden gibt, der das Prinzip Freiheit ausbuchstabiert. Es gibt ein allgemeines Bedürfnis in unserer Gesellschaft nach Freiheit als höchstes Gut. Eine Freiheit, die eben nicht als Gegenbegriff zur Gerechtigkeit zu verstehen ist. Joachim Gauck ist der Richtige, um diesen Freiheitsbegriff zu repräsentieren. Er hat persönlich etwas für diese Freiheit eingesetzt, und er vertritt zugleich eine Position der liberalen Offenheit und sozialen Bindung.
Könnte nicht auch Wulffs Pragmatismus genau das sein, was gegenwärtig gebraucht wird?
Das mag sich in der Tat als Vorteil von Christian Wulff erweisen. Er hat gelernt, pragmatisch zu arbeiten und er weiß, wie man Kompromissbildungen hinbekommt. Aber das ist auch genau das, was die Leute in ihrem Alltag ohnehin die ganze Zeit tun. Sie wollen im Grunde nicht repräsentiert werden durch das, was sie immer schon tun. Sie erwarten vom Bundespräsidenten, dass er Wertedispositionen zum Ausdruck bringt. Pragmatismus ohne Werte ist den Menschen zu wenig.
Christian Wulff ist 51 Jahre alt und gehört der Generation der Nach-68er an, die in nahezu allen gesellschaftlichen Führungspositionen angekommen sind. Was erwartet uns da?
Wir haben zu erwarten, dass er ein gewisses Komplexitätsgeschick an den Tag legt. Er wird versuchen, gesellschaftliche Gruppen miteinander ins Gespräch zu bringen, ohne dass er dabei auf dezidiert konservative Werte setzt. Und er wird eher ein Mann der Gesellschaft als der Kultur sein. Das muss nichts Negatives sein. Aber schließlich werden die Leute doch enttäuscht sein über seine Schicksalslosigkeit.
Ist das Amt noch zeitgemäß?
Ausdrücklich Ja. Ich glaube, wir brauchen eine präsidiale Figur, eine Integritätsfigur, die in der Lage ist, angesichts der unterschiedlichen Lebensverhältnisse eine Adresse für Sorgen und Nöte, aber auch für Horizonte und Öffnungsformeln zu sein. Wir bedürfen künftig eines Bundespräsidenten sehr viel mehr, als wir ihn in der mittleren Phase der Republik gebraucht haben.
Was sollte der neue Präsident tun?
Er sollte als erstes zum Ausdruck bringen, dass es berechtigte Ungerechtigkeitsgefühle in der Gesellschaft gibt. Und gleichzeitig, dass eine Gesellschaft, die lebenswert ist, etwas mit individuellen Chancen, aber auch mit sozialen Verpflichtungen zu tun hat.
Das Gespräch führte Harry Nutt.
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