Bundeskanzlerin Merkel spricht davon, dass viele Zeitarbeiter früher oder später eine reguläre Beschäftigung finden. Wie viele sind "viele"?
Laut Arbeitsmarktexperten bekommen zehn bis 30 Prozent der Zeit- beziehungsweise Leiharbeiter später eine reguläre Stelle. Das seien letztlich nicht "viele", sind sich die Wissenschaftler einig. Für jemanden, der aus der Arbeitslosigkeit herauskommt, sei das allerdings "gar nicht so schlecht", so der Volkswirtschaftler Lutz Bellmann vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit.
Hat sich das Instrument der Leiharbeit also bewährt?
Das kommt auf die Sichtweise an, konstatiert Bellmann. Einen Gewinn bedeutet sie auf jeden Fall für die Verleiher und die Kundenfirmen, während sie sich für den Dritten im Bunde, den Leiharbeiter, als zweischneidig erweist. Zunächst profitiert der Verleiher, der von der Kundenfirma zumeist das Doppelte dessen kassiert, was ihn der Arbeitnehmer brutto kostet. Die Gewinne sind entsprechend; die Branche boomt seit Jahrzehnten. Sie trägt zudem für die Beschäftigten nach diversen gesetzlichen Änderungen kaum noch eine Verantwortung. Ursprünglich hatte der Gesetzgeber im Sinn, dass Verleiher auch ein unternehmerisches Risiko tragen sollten. Das bedeutete eine Verpflichtung, für die Beschäftigten nach Beendigung eines Verleihverhältnisses für einen Anschlussauftrag zu sorgen. Davon ist mittlerweile kaum noch die Rede.
Wie profitiert die Kundenfirma?
Insbesondre dadurch, dass sie keine regulären Arbeitskräfte einstellen muss, um Nachfragespitzen auszugleichen. Sie spart Zeit und Kosten für Bewerbungsverfahren, von der Stellenanzeige bis hin zum Einstellungsgespräch. Sie muss nicht den eigenen Tarif zahlen, sondern nur den Preis, den der Verleiher fordert. Und wenn es Haustarife für Leiharbeiter gibt, dann liegen diese oft weit unter denen für die regulär Beschäftigten. Kosten spart der Kunde auch, wenn der Zeitarbeiter - etwa wegen Krankheit - ausfällt. Dann muss der Verleiher Ersatz stellen oder er geht leer aus. Kündigungsfristen entfallen ebenso wie Abfindungszahlungen.
Wenn zwei Beteiligte in diesem Dreiecksverhältnis profitieren, ist dann der Leiharbeiter als schwächstes Glied nicht automatisch der Verlierer?
Nicht zwangsläufig. Im besten Fall handelt es sich um eine hochqualifizierte und gesuchte Kraft, die sich die Kundenfirma aussuchen kann, um verschiedene Erfahrungen zu sammeln und Vergleiche ziehen zu können, ohne jeweils kündigen zu müssen. Positiv ist auch zu werten, wenn der Zeitarbeiter die Arbeitslosigkeit hinter sich lässt, sich möglicherweise neu qualifizieren kann und somit bei der nächsten Bewerbung mehr vorzuweisen hat.
Und die Nachteile?
Wie bei allen atypischen Beschäftigungsverhältnissen seien die sozialen und individuellen Kosten sehr hoch, sagt Alexander Herzog-Stein von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Er nennt etwa die enorme Unsicherheit für den Zeitarbeiter, dessen Auftrag in der Hälfte der Fälle bereits nach drei Monaten beendet ist. Hinzu kommt der niedrige Lohn, der häufig in keinem Zusammenhang mit der Qualifikation steht. So ist eine erkleckliche Zahl selbst bei einer Vollzeitstelle zusätzlich auf ALG II angewiesen. Leiharbeiter sehen sich oft als Mitarbeiter zweiter Klasse, die nicht in das soziale System der Kundenfirmen integriert, sondern von den regulär Beschäftigten als bedrohliche, weil billigere Konkurrenz angesehen werden. Häufig wechselnde Arbeitsorte lassen zudem das soziale Beziehungsgeflecht veröden.
Kann Leiharbeit als Sprungbrett in eine reguläre Beschäftigung dienen?
Da sind sich Bellmann und Herzog-Stein im Wesentlichen einig. Auf längere Sicht schadet sie nichts, bringt aber auch nicht viel.
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