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04. Juli 2012

Bundeswehr: Abzug ist logistische Herausforderung

 Von Steffen Hebestreit
Verteidigungsminister Thomas de Maiziere bei einem Truppenbesuch in Masar-i-Scharif . Foto: dapd

Die Logistiker der Bundeswehr haben bereits mit der Inventur für den Abzug begonnen – rund 1700 Fahrzeuge und 6000 Containerladungen Material müssen zurück nach Deutschland.

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Die Logistiker der Bundeswehr haben bereits mit der Inventur für den Abzug begonnen – rund 1700 Fahrzeuge und 6000 Containerladungen Material müssen zurück nach Deutschland.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hat am Dienstag bei einem nicht angekündigten Kurzbesuch im afghanischen Kundus und in Masar-i-Scharif von einem „schwierigen Prozess“ gesprochen, in dessen Verlauf die Bundeswehr nach Ablauf des Isaf-Mandats ihre Ausrüstung zurück nach Deutschland bringen wird. Das meiste Material werde über Nordafghanistan abgezogen, kündigte der Minister an. Wobei man im zuständigen Einsatzführungskommando in Potsdam nicht gern von „Abzug“ spricht. Die offizielle Formulierung heißt „Rückverlegung“, das klingt freundlicher.

Elf Jahre im Einsatz

Im Jahr 2001 begann der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Zu Spitzenzeiten waren am Hindukusch mehr als 5 300 deutsche Soldaten stationiert, derzeit sind rund 4 900 im Einsatz bei der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (Isaf) unter Nato-Führung. Bis Ende 2014 sollen die Kampftruppen das Land verlassen. 52 deutsche Soldaten kamen in Afghanistan bislang ums Leben, 34 von ihnen in direkten Gefechten.

Seit September 2005 können laut einem Bundestagsbeschluss deutsche Soldaten zeitlich begrenzt außer im Norden und in Kabul auch in anderen Teilen Afghanistans in Kampfgebieten eingesetzt werden.

Seit Juli 2009 gibt es geänderte Verhaltensregeln für die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Wegen der verschärften Sicherheitslage wurde die Erlaubnis zum Schießen ausgeweitet.

Im April 2010 räumt der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) erstmals ein, dass man „umgangssprachlich von Krieg“ in Afghanistan sprechen kann. Im Dezember 2010 wird auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einem Truppenbesuch so deutlich wie nie von „Krieg“ sprechen.

Im November 2010 fällt der Abzugsbeschluss – die Regierungschefs der Nato-Länder kündigen das Ende der Kampfmission bis 2014 an.

Wie bereitet sich die Truppe auf ihren Abzug zum Ende 2014 vor?

Die Logistiker der Bundeswehr haben in den vergangenen Wochen in Afghanistan schon mit einer gründlichen Inventur begonnen. „Aggressive housekeeping“, lautet der Befehl. Die Soldaten sollen genau prüfen, welches Material sie weiterhin am Hindukusch benötigen und was entbehrlich ist. Und sie erheben genau, in welchem Zustand sich ihr Material befindet.

Über wie viele Fahrzeuge verfügt die Bundeswehr in Afghanistan?

Der gigantische Fuhrpark der Bundeswehr umfasst nicht weniger als 1 700 Fahrzeuge, davon sind etwa zwei Drittel (1 200) gepanzert und für den Einsatz außerhalb der Stützpunkte geeignet. Der Fuhrpark reicht vom einfachen VW-Bus für Fahrten auf dem Stützpunkt bis zu schweren Einsatzfahrzeugen vom Typ Wolf, Dingo oder Fuchs. Auch Marder-Schützenpanzer, 30-Tonnen-Schwerlastkräne und einige Exemplare der Panzerhaubitze 2000 sind dabei. Nahezu alle Fahrzeuge sollen zurück nach Deutschland gebracht werden

Wie gelangen diese Militärfahrzeuge zurück in die Heimat?

Genauso wie sie hingekommen sind: per Flugzeug. Zwar bestehen für die Versorgung der Truppe in Nordafghanistan zahlreiche Transitabkommen mit Russland und anderen früheren Sowjetrepubliken für den Landweg, doch Militärfahrzeuge fremder Nationen duldet die Großmacht Russland nicht auf ihrem Territorium. Deshalb werden sämtliche Fahrzeuge sowie militärisches Material im engeren Sinne mit Großraumflugzeugen die 6 000 Kilometer nach Deutschland geflogen.

Verfügt die Bundeswehr über genügend Transportflugzeuge?

Nein, überhaupt nicht. Die Luftwaffe hat lediglich die altertümlichen Transall-Flugzeuge aus den 60er-Jahren zu ihrer Verfügung, weil sich die Auslieferung des neuen Airbus A400M verzögert hat. Die Transall hat nur eine Zuladung von lediglich zwölf Tonnen und müsste die Strecke mit mehreren Zwischenstopps absolvieren.

Wie organisiert die Bundeswehr sonst den Lufttransport?

Das Verteidigungsministerium setzt auf zivile Speditionen, die mit Großraumflugzeugen wie der Antonow-124 und der etwas kleineren Iljuschin-76 das Material transportieren. Die Antonow aus russischer Produktion zählt zu den größten Transportflugzeugen der Welt und kann bis zu 150 Tonnen Material transportieren, die Iljuschin immerhin knapp 50 Tonnen, also viermal so viel wie eine Transall. Insgesamt stehen auf dem Weltmarkt nur etwa zwei Dutzend Antonow-124 zum Leasing zur Verfügung. Mit Blick auf den anstehenden Abzug aller Isaf-Truppen aus Afghanistan dürfte sich die Nachfrage nach diesen Flugzeugen stark erhöhen – und damit ihr Preis.

Wird alles Material durch die Luft nach Hause transportiert?

Natürlich nicht. Die Bundeswehr geht im Augenblick davon aus, dass etwa 6 000 Container-Ladungen an Material nach Deutschland zurückgeschafft werden müssen. Das Gros ist dabei im strengeren Sinne nicht-militärisches Gut − angefangen von Hunderten Wohncontainern mit Klimaanlagen, Betten, Tischen, Stühlen bis hin zu Fitnessgeräten. All dies darf in verplombten Containern auf dem Landweg – entweder mit Lastwagen oder per Güterzug – in die Bundesrepublik transportiert werden. Per Zug führt der Weg in der Regel durch Usbekistan, Kasachstan und Russland, durch Lettland in den litauischen Hafen Klaipeda. Von dort werden die Güter per Fähre über die Ostsee nach Deutschland gebracht.

Wer transportiert das Material?

Internationale Speditionen haben Rahmenverträge mit der Bundeswehr abgeschlossen und Festpreise ausgehandelt. In der Regel kostet der Transport eines Containers von Deutschland nach Afghanistan derzeit auf dem Landweg 500 bis 600 Dollar. Die Bundeswehr hat dabei Tür-zu-Tür-Vereinbarungen getroffen. Die Spediteure übernehmen die Ware in Deutschland und transportieren sie bis zu den deutschen Lagern in Afghanistan. Der Luftweg ist im Augenblick fünf bis sechsmal teurer.

Wird alles Material nach Deutschland gebracht?

Genau dies prüft die Bundeswehr im Augenblick. Zunächst einmal muss entschieden werden, welches militärische Material womöglich für den weiteren Einsatz in Afghanistan bleiben soll. In einem nächsten Schritt muss überlegt werden, ob sich bei bestimmten Dingen ein Rücktransport wirtschaftlich überhaupt noch lohnt – oder ob besagte Gegenstände nicht billiger und sinnvoller vor Ort verschrottet werden sollen. Wie funktionstüchtig sind beispielsweise Wohncontainer, die sich seit vielen Jahren im Erdbebengebiet befinden und stark miteinander verkeilt sind? Klar ist, keine Waffen und keine Militärfahrzeuge werden zurückgelassen – aus Angst, sie könnten in die falschen Hände gelangen. Überzählige Munition, deren Rückführung eventuell zu gefährlich oder nicht mehr wirtschaftlich wäre, könnte vor Ort gesprengt werden.

Wie lange wird der Rückzug dauern?

Mit sechs bis acht Monaten rechnen die Bundeswehr-Logistiker, vorausgesetzt die Sicherheitslage im Land lässt von Herbst 2014 an einen kontinuierlichen Rückzug zu. Das Einsatzführungskommando in Potsdam hebt hervor, dass die Bundeswehr seit zehn Jahren eine große Routine bei der Versorgung der Truppen mit Nachschub und neuem Material entwickelt hat. So sei der Rückzug lediglich von seiner Dimension her eine Herausforderung. Eine Herausforderung, die man im Schnitt mit 250 bis 600 zusätzlichen Soldaten bewerkstelligen könnte.

Fürchtet die Bundeswehr noch böse Überraschungen?

Am wenigstens vorhersehbar ist die Sicherheitslage in Afghanistan, die sich in diesem Jahr gegenüber den Vorjahren zumindest im Norden des Landes deutlich verbessert hat. Die Rückverlegung der Truppe genießt in den Militärplanungen im Augenblick allerdings keinerlei Priorität. Noch sind 4 900 Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan hauptsächlich damit beschäftigt, die afghanischen Sicherheitskräfte auszubilden und für Sicherheit und Stabilität im Land zu sorgen. Der Einsatz genieße Vorrang, heißt es. Daran erst schließe sich die Rückverlegung an.

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