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Bundeswehr sucht Nachwuchs: Freiwillig hinter den Kasernenzaun

Die Generäle sorgen sie sich, dass die Bundeswehr in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Fachkräftemangels im Kampf mit Unternehmen um die Besten ins Hintertreffen geraten könnte.

Stell dir vor, es ist Freiwilligendienst und keiner geht hin. Leere Stube in der Leopold-Kaserne  in Amberg.
Stell dir vor, es ist Freiwilligendienst und keiner geht hin. Leere Stube in der Leopold-Kaserne in Amberg.
Foto: dpa

Offiziell ist die Aussetzung der Wehrpflicht nach 54 Jahren für die Bundeswehr kein Problem. Denn Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) und seine Generäle haben bereits für den heutigen Start genügend Freiwillige für den Ersatz des Zwangsdienstes. Doch hinter vorgehaltener Hand klagen viele Offiziere über diesen Teil der Bundeswehrreform, die ihrer Ansicht nach viel zu schnell kam und darüber hinaus schlecht vorbereitet ist. Dies ist ein Seitenhieb auf de Maizières Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der bei seinem erzwungenen Abgang durch die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit behauptete, ein bestelltes Haus zu hinterlassen.

Inzwischen hat sein Nachfolger zwar einiges korrigiert. So senkte de Maizière die angestrebte Zahl der Freiwilligen deutlich von 15.000 auf 5000. Doch nicht alles, was er anregte, ist unumstritten. So gefällt vielen nicht der neue Bundeswehr-Slogan: „Wir. Dienen. Deutschland.“ Er mag zwar zu Maizière passen, dem Sohn eines zeitweiligen Generalinspekteurs der Bundeswehr, der das Prinzip des „Staatsbürgers in Uniform“ mitentwickelte. Nicht aber zum Zeitgeist, heißt es – der Begriff „Dienen“ ist historisch vorbelastet und in einer individualisierten Gesellschaft verpönt.

Es geht den Generälen allerdings nicht so sehr um begriffliche Feinheiten. Vielmehr sorgen sie sich, dass sie in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Fachkräftemangels im Kampf mit Unternehmen um die Besten ins Hintertreffen geraten könnten. Die Zahl junger Menschen sinkt wegen des demografischen Wandels. Gleichzeitig steigen deren Chancen und Möglichkeiten in Unternehmen, die mit Übernahmegarantien für Lehrlinge wie etwa der Konzern Siemens die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Die Einsätze der Bundeswehr

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Bundeswehrreform - Waffensysteme auf dem Prüfstand

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Zwar hält die Bundeswehr dagegen, indem sie beispielsweise den Sold für Freiwillige erhöhte. Während Wehrdienstleistende bisher nur 378 Euro im Monat verdienen, werden es ab 1. Juli bis 1146 Euro sein. Hinzu kommen noch Leistungen wie Unterkunft und Verpflegung. Doch Firmen können eben mit Arbeitsplätzen ohne gefährliche oder gar tödliche Auslandseinsätze wie etwa in Afghanistan werben.

Hinzu kommt das fehlende Standortkonzept der Armee. Erst im Herbst will das Verteidigungsministerium sagen, welche Kasernen geschlossen, welche erhalten bleiben. Schließlich schrumpft die Bundeswehr im Zuge der Reform von derzeit rund 230.000 auf maximal 185.000 Mann. Erst in einigen Monaten können die Offiziere also einem Freiwilligen sagen, wo er konkret eingesetzt wird. Meldet er sich heute zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern, muss er vielleicht schon bald nach Hessen oder in ein anderes Bundesland umziehen.

Wehrpflicht
USA
Großbritannien
Frankreich
Spanien
Italien

In der Nato ist die Wehrpflicht ein Auslaufmodell. Nach der Umwandlung der Bundeswehr in eine Freiwilligenarmee zum 1. Juli werden nur noch 4 von 28 Mitgliedstaaten junge Leute zum Dienst an der Waffe einziehen: Griechenland, Türkei, Estland und Norwegen. Einige Staaten wie die USA und Großbritannien haben den Systemwechsel zur Berufsarmee schon lange vollzogen. Viele Länder entschieden sich aber erst nach dem Ende des Kalten Krieges zu diesem Schritt.

Die USA haben seit 1973 eine Berufsarmee. Hintergrund für die Abschaffung der Wehrpflicht in den Vereinigten Staaten war die Unbeliebtheit des Vietnamkriegs. Im Frühjahr dieses Jahres gab es knapp 1.500.000 aktive Soldaten. Die hohe Opferzahl beim Irak-Einsatz hat vorübergehend dazu geführt, dass bei einzelnen Teilstreitkräften die jährlichen Rekrutierungsziele nicht erreicht wurden. Problematisch ist, dass viele junge Leute zur Truppe wollen, die wegen mangelnder Bildung oder wegen eines schwierigen sozialen Umfelds woanders nicht unterkommen. Experten meinen, dass sich dies bisweilen in einer „Verrohung“ niederschlägt, wie sie sich auch im Folterskandal um Abu Ghoreib im Irak widergespiegelt habe. Um mehr
Langzeit-Soldaten und Spezialisten auf verschiedenen Gebieten zu gewinnen, wirbt der Staat mit Bonus-Zahlungen von bis zu 40.000 Dollar und anderen Vergünstigungen.

Großbritannien hat bereits 1963 nach einem halben Jahrhundert die Wehrpflicht abgeschafft und war damit Vorreiter bei der sogenannten Professionalisierung des Streitkräfte in Europa. Der Berufsarmee gehörten im vergangenen Jahr 178.000 Soldaten an – eine Größe, auf die auch die Bundeswehr im Zuge der geplanten Reform ungefähr schrumpfen wird. Im Zuge der Finanzkrise gingen wegen des allgemeinen Ausbildungsplatzmangels wieder mehr junge Leute zum Militär – obwohl Großbritannien der zweitgrößte Truppensteller in Afghanistan ist und dort große Verluste erlitten hat.

In Frankreich hat die Regierung bereits vor mehr als einem Jahrzehnt das Ende des Zwangsdienstes eingeläutet. Sie sei ungerecht, zu teuer und nicht vereinbar mit den neuen strategischen Herausforderungen, hieß es. 1997 beschloss das Parlament die unbefristete Aussetzung des Militärdienstes. Seit Ende 2001 gibt es keine Wehrdienstleistenden mehr. Der Übergang zur Berufsarmee gestaltete sich relativ problemlos. Bewerber für den Dienst mit der Waffe gab und gibt es genügend. Allerdings ist die Armee seit Mitte der 90er Jahre von 500.000 auf etwa 315.000 Soldaten und zivile Mitarbeiter im vergangenen Jahr verkleinert worden.

In Spanien ist die Wehrpflicht seit 2001 abgeschafft. Beim Übergang zu einer Berufsarmee spielte damals eine wichtige Rolle, dass der Wehrdienst – genannt „la mili“ – bei jungen Spaniern ausgesprochen unbeliebt war. Spanien hatte eine der höchsten Verweigerer-Raten der Welt. In der Berufsarmee fehlte es anfangs an Soldaten, was auch auf den geringen Sold zurückgeführt wurde. Die Regierung musste vorübergehend die Soll-Stärke senken. Die Wirtschaftskrise hatte zur Folge, dass sich verstärkt junge Leute – darunter auch viele Frauen – rekrutieren ließen. Zudem warb Spanien tausende Soldaten aus spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas an mit der Zusage, ihnen nach Ablauf der Dienstzeit die spanische Staatsangehörigkeit zu gewähren. Den spanischen Streitkräften gehören über 210.000 Militärs an, darunter 40.000 Offiziere, 120.000 Soldaten und 50.000 freiwillige Reservisten.

In Italien beschloss die Regierung 1999 die Aussetzung der Wehrpflicht. Während in Deutschland die Umsetzung innerhalb eines halben Jahres erfolgte, ließ sich Rom sechs Jahre Zeit. Die Zahl der Berufssoldaten wurde bis 2005 schrittweise erhöht und die Zahl der Wehrpflichtigen langsam bis auf null verringert. Seit 2000 sind auch Frauen zum Militärdienst zugelassen. Insgesamt gehören den italienischen Streitkräften heute rund 178.570 Soldaten an, 11.000 davon sind Frauen. Im Kriegs- oder Krisenfall kann die Wehrpflicht „sofort“ wieder eingeführt werden. (dpa)

Das mag auf den ersten Blick nicht so sehr ins Gewicht fallen in einem Job, in dem ein regelmäßiger Ortswechsel alle paar Jahre zum Berufsbild gehört. Doch Planungssicherheit sieht anders aus. Das Dilemma der Rekrutierung bringt ein General auf den Punkt: „Wir müssen die Freiwilligen hinter den Kasernenzaun bringen. Wie uns das gelingen soll, ist mir schleierhaft.“

Deutlich selbstbewusster sind die Offiziere, wenn es um die Ausbildung geht. „Wir kriegen die schon hin“, heißt es dann. Die vielfach geäußerte Sorge, in einer Freiwilligenarmee würde sich mehrheitlich der „Bodensatz der Gesellschaft“ verpflichten, gibt es bei der Bundeswehr kaum. Man würde alle schon zu „Staatsbürgern in Uniform“ ausbilden – so wie bisher auch, heißt es. Zudem sei die Armee nicht verpflichtet, jeden zu nehmen. Wer nicht für den Dienst geeignet sei, werde auch weiterhin abgewiesen.

Es wird sich zeigen, ob die Verantwortlichen an diesem hehren Ziel auch festhalten, wenn die Zahl der Freiwilligen unter die angestrebte Zahl von 5000 fällt. Der Druck also steigt, die Kontingente aufzufüllen.

Autor:  Andreas Schwarzkopf
Datum:  1 | 7 | 2011
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