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Burka-Verbot in Frankreich: Schleier des Misstrauens

Die Burka ist nicht willkommen. Die französische Regierung bringt das geplante Verbot der Vollverschleierung auf den Weg. Viele Muslime sehen sich damit weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Von Axel Veiel

Kontrastreiches Frankreich: Immer mehr Muslime geraten sozial ins Abseits.
Kontrastreiches Frankreich: Immer mehr Muslime geraten sozial ins Abseits.
Foto: Getty

Paris. Am Ausgang der Metro-Station von Gennevilliers scheint alles beim Alten. An den 15 bis 20 Stockwerke hohen Plattenbauten prangt die Graffiti vom Vorjahr. Ein Geruch nach frisch gewaschener Wäsche steigt in die Nase. Oder ist es Fäulnis? Musliminnen eilen die Rue des Bas entlang, den Blick gesenkt, das Haar gleich unter zwei Kopftüchern verborgen: eins stramm um die Stirn geknotet, das zweite locker darüber. Auch junge Männer verhüllen sich. Die Sweatshirt-Kapuze tief im Gesicht, grüßen sie mit einem arabischen "Salam", "Frieden".

In den 60er Jahren waren ihre Eltern aus Nordafrika gekommen, hatten in dieser Pariser Vorstadt eine Bleibe gefunden. Die Kinder erhielten die französische Staatsbürgerschaft. Der neue Pass verhieß Akzeptanz. Doch schon bald mussten die Einwandererfamilien erfahren, dass sie hier am Stadtrand nicht nur geografisch, sondern auch sozial ins Abseits geraten sind. Das Haar lässt sich verbergen, die Armut nicht. Die Kopftücher der Frauen sind aus Polyester, die Pailletten aus Blech, die Handtaschen aus Kunstleder.

Aber es ist doch nicht alles beim Alten in Gennevilliers. In der Vorstadt, in der 42.000 Menschen leben, ragt eine neue Moschee in den Himmel. Bis zu 3000 Gläubige finden darin Platz. Und eigentlich müsste sich auch das Straßenbild geändert haben. Aber wo sind sie, die von Kopf bis Fuß verschleierten Frauen?

Innenminister Brice Hortefeux hat noch einmal den Ernst der Lage beschworen. "Vor zehn Jahren waren es nur ein paar Dutzend, jetzt gibt es an die 1900 total verschleierte Frauen", sagte Hortefeux. Die Würde der Frau, das Gebot der Gleichheit und Sicherheitserfordernisse machten ein Verbot unumgänglich.

Frankreich sei "eine alte Nation", die "gewisse Vorstellungen" von der Menschenwürde, der Würde der Frau und dem Zusammenleben der Gemeinschaft habe, erklärte Staatschef Nicolas Sarkozy zur Beratung des Verbots im Kabinett. "Der Ganzkörperschleier, der das Gesicht vollständig verdeckt, verletzt diese für uns so grundlegenden, für die Republik so wesentlichen Werte." Deshalb könne es "keine andere Lösung" geben als ein Verbot von Burka und Nikab in der gesamten Öffentlichkeit.

Einwände von Verfassungsrechtsexperten fechten die Regierung nicht an. Ende vergangener Woche hatten die Juristen noch einmal daran erinnert, dass es für ein Verbot keine gesicherte Grundlage gibt. Sie verwiesen auf Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, wonach der Bürger nach seinen Überzeugungen leben darf - auch dann, wenn ihn dies körperlich oder seelisch gefährdet.

Die Warnung der Verfassungsjuristen war noch nicht verhallt, da empfahl der Fraktionsvorsitzende der regierenden UMP, Jean-François Copé, angesichts der gravierenden Bedrohung durch die Burka rasch zur gesetzgeberischen Tat zu schreiten. Der aufstrebende Politiker weiß die Mehrheit seiner Landsleute hinter sich. 57 Prozent der Bevölkerung sind für ein Burka-Verbot. "Niemand darf in der Öffentlichkeit Kleidung tragen, die dazu dient, das Gesicht zu verhüllen", heißt es im Gesetzentwurf. Zuwiderhandlungen sollen mit 150 Euro geahndet werden. Wer eine Frau zum Tragen des Schleiers zwingt, muss mit einem Jahr Gefängnis und 15.000 Euro Geldstrafe rechnen.

Aber der Streifzug durch die Mietskasernenviertel von Gennevilliers, die Moschee und die benachbarten Vorstädte Asnières und Colombes, wo Muslime ebenfalls das Straßenbild bestimmen, enden ergebnislos. Nicht eine Burka-Trägerin ist zu entdecken, ja nicht einmal eine Frau im Nikab, einem Umhang, der immerhin die Augenpartie ausspart. Ein Straßenhändler bietet Raub-CDs und Kopftücher an. Die Frage nach dem Ganzkörperschleier quittiert er mit Kopfschütteln. Aicha und Nabila stehen daneben und kichern. Die beiden Schülerinnen glauben, dass sich auch ohne Verbot kaum noch eine Frau in Burka oder Nikab auf die Straße wagt. "Schon wenn wir mit unseren Kopftüchern in die Metro steigen, schlägt uns Ablehnung entgegen", sagt Aicha.

Abdel lächelt. "Verschleierte Frauen sind eben sehr selten", sagt der aus Marokko stammende Franzose und macht eine einfache Rechnung auf: "Schätzungsweise 200 bis 2000 Frauen tragen in Frankreich den Ganzkörperschleier; bei rund sechs Millionen Muslimen kommt also eine Burka- oder Nikab-Trägerin auf 1500 bis 15.000 Unverschleierte."

Wobei der Lehrer, der an der Sekundarschule von Gennevilliers Technik unterrichtet und zum Beten in die Moschee gekommen ist, in der muslimischen Gemeinde durchaus Veränderungen wahrgenommen hat. Mit Debatten über Frankreichs nationale Identität, Polygamie, Burka-Verbot oder den Halal-Hamburger, für den Tiere nach muslimischem Ritus geschlachtet werden, habe die Politik die Muslime weiter ins Abseits gedrängt. Dabei stünden die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sowieso unter Generalverdacht. "Wir, die wir angeblich eine Bedrohung sind, bekommen es manchmal selbst mit der Angst zu tun", gesteht der Mann mit dem rundlichen, bärtigen Gesicht. Die Atmosphäre sei angespannt. Draußen prangen Plakate der Gewerkschaft CGT und der Kommunistischen Partei. Sie zeigen Blumen, die statt Blüten Fäuste austreiben, und Hände, die an Gitterstäben rütteln.

Mohammed Moussaoui pflichtet Abdel bei. Der Vorsitzende des Französischen Rats für muslimische Religionsausübung beklagt eine "wachsende Instrumentalisierung des Islam durch die Politik". Die von Politikern angestoßenen Debatten führten dazu, dass der Islam zunehmend als Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und des nationalen Zusammenhalts wahrgenommen werde. Laut einer aktuellen Umfrage hielten 40 Prozent der Franzosen die muslimische Religionsausübung für unvereinbar mit einem gedeihlichen gesellschaftlichen Zusammenleben. Das sei der schlechteste Wert seit Jahrzehnten, versichert der Korangelehrte. Ein Verbot der Burka, die von der überwältigenden Mehrheit der französischen Imame wie auch der muslimischen Bevölkerung ohnedies abgelehnt werde, sei überflüssig. Es bringe den Islam nur weiter in Verruf.

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Autor:  Axel Veiel
Datum:  19 | 5 | 2010
Seiten:  1 2
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