Dieter Graumann hat am Donnerstag ein paar Sätze gesagt über rechte Tendenzen in der Gesellschaft, das ist nicht ungewöhnlich, immerhin ist Graumann der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Es dauerte danach aber nur ein paar Stunden, bis die Deutsche Burschenschaft (DB) eine umfangreiche Widerrede publizierte, weil sie sich einem „Pauschalvorwurf“ ausgesetzt sah. Das ist ungewöhnlich. Die Burschen geben sich gern verschwiegen, sie folgen fundamentalen Prinzipien, eines davon ist das Conventsgeheimnis. Ein guter Bursche schweigt.
Anlässlich des Staatsakts für die Opfer rechtsextremer Gewalt in Berlin hatte Graumann an die Politik appelliert, resoluter gegen rechte Tendenzen vorzugehen. „Notwendige Konsequenz“ sei dabei auch „das Eintreten gegen rechtsextreme Burschenschaften“. Der Dachverband von mehr als 100 Burschenschaften mit etwa 10.000 Mitgliedern wollte das nicht so stehen lassen. Graumann beschädige mit seinem Versuch, die Burschenschaften auf eine Stufe mit gewaltbereiten Rechtsextremisten zu stellen „das berechtigte Anliegen, der Opfer von extremistischer Gewalt zu gedenken“. Immer wieder habe sich der Verband „gegen Extremismus gewandt“.
Es brodelt bei den Burschen
Unter dem Schutz des Conventsgeheimnisses aber brodelt es seit geraumer Zeit bei den Burschen: wegen rechter Tendenzen in eben jenem Dachverband. Seit Monaten kursieren Austrittserklärungen und Stellungnahmen von Burschen, die das zunehmende Gewicht des rechten Flügels in der DB nicht hinnehmen wollen. Ein Mitglied einer jüngst aus der DB ausgetretenen Burschenschaft spricht gegenüber der FR gar davon, dass man sich in liberalen Burschenschaften schon lange darüber wundere, dass der Verband angesichts der „wachsenden Dominanz von Rechtsextremen“ nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werde. Den Namen nennen will der Bursche lieber nicht – wegen des Conventsgeheimnisses.
Die Deutsche Burschenschaft umfasst 120 Mitgliedsbünde mit etwa 1300 studentischen Aktiven und mehr als 10.000 sogenannten Alten Herren. Die politische Haltung reicht von konservativ bis rechts, allerdings gibt es auch sozialdemokratische Burschenschaften.
Seit Frühjahr 2011 tobt ein Streit um die Ausrichtung im Dachverband, ausgelöst durch Anträge auf dem - jährlich stattfindenden Burschentag. Darin ging es um einen "Ariernachweis", mit dem eine Burschenschaft ausländische Mitglieder ausschließen wollte.
Ein weiterer Verbund der Burschen ist die am äußersten rechten politischen Rand zu verortende Burschenschaftliche Gemeinschaft. So gilt etwa in der SPD eine Unvereinbarkeit ihrer Verbindungen mit dieser Vereinigung.
Nach FR-Informationen sind inzwischen vier von fünf Vorstandsmitgliedern der DB auch Mitglieder der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG). Die SPD-Bundestagsabgeordnete Andrea Nahles bezeichnete den Zusammenschluss schon vor einigen Jahren als „völkischen Kampfverband“. Ihre Partei beschloss 2006 die Unvereinbarkeit einer gleichzeitigen Mitgliedschaft in der BG und in der SPD. Den BG-Vorsitz hat derzeit die Teutonia Wien inne, die jüngst mit einem antisemitischen Flugblatt von sich reden machte. Und als liberale Burschen nach den Debatten um einen „Ariernachweis“ beim Burschentag in Eisenach im vergangenen Jahr kürzlich die Initiative „Burschenschafter! Bremst Braunhemden“ starteten, sorgten sie im Verband für erhebliche Unruhe. Zwei Tage später zogen sie ihren Vorstoß zurück. Auf Druck der DB.
In Verfassungsschutzberichten tauchen weder der Dachverband noch die BG auf. Dabei würde sich ein Blick in die Bundesbriefe der Burschen lohnen: In einem rechtfertigt ein Führungsmitglied der DB vor wenigen Wochen die Hinrichtung des NS-Widerständlers Dietrich Bonhoeffer 1945 im KZ Flossenburg als „rein juristisch gerechtfertigt“. Das Urteil wegen Landesverrats sei „nachvollziehbar“. Dazu schweigt der Verband.
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