Als Rose wieder eine Blume ins Bild malt, stutzt ihre Kunsttherapeutin. Die orangefarbenen Blüten zeichnet die 17-Jährige diesmal ein wenig größer, den Stiel ein wenig dicker als bei den anderen Gewächsen. Zusammen mit ihrer Therapeutin Wendy Routen-Hardy kauert sie auf dem Boden im Therapiehaus "Kobra" des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Uni-Klinik Freiburg. Sie haben ein drei Meter langes Bild ausgerollt, das sie gemeinsam seit einigen Wochen zeichnen. Zuerst hat Rose sich auf das Papier gelegt, und Wendy Routen-Hardy zeichnete ihre Konturen nach. Rose malte sich dann selbst aus. Jetzt zeichnet sie Blumen um sich. Und die neue Blume, die größte, hat sie anders gezeichnet als sonst. Ohne einen Topf. Mit Wurzeln.
Das Zeichnen ist wie ein langes ruhiges Gespräch zwischen Wendy Routen-Hardy und Rose, der jungen Frau aus Burundi. Beide sprechen zwar mehrere Sprachen, aber keine gemeinsame. So helfen Stifte und Farben.
Unter dem Titel "Ein Leben für Rose" berichtete die FR Anfang März über die Initiative der frewilligen Helfer von Burundikids e. V., Spenden für eine Behandlung für Rose zu finden. Dank einer Großspende von "Ein Herz für Kinder" und tausenden kleiner Spenden, darunter viele von FR-Lesern, konnte die 17-jährige Rose im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Freiburg behandelt werden.
Ihre Blutkrankheit hat sie zwar noch nicht besiegt, doch die Ärzte sind optimistisch. Rose kehrt heute zurück nach Burundi. Im April kommt sie für Nachuntersuchungen zurück.
Der Verein Burundikids informiert auf www.burundikids.org über seine Arbeit. Über den Alltag vor Ort schreibt der deutsche Helfer Philipp Ziser in seinem Blog http://pziser.wordpress.com. (vf)
Burundi liegt in Ostafrika. Das Land ist klein und arm und bisher locken auch keine Rohstoffe den Westen. Deshalb ist hierzulande kaum bekannt, dass der Völkermord der Hutu an den Tutsi im Nachbarland Ruanda auch auf Burundi übergriff. Der Krieg begann, als Rose zwei Jahre alt war, 1994. Als er im Jahre 2000 offiziell endete, waren Rose und ihre zwei Schwestern Waisen geworden, die Eltern ermordet. Mitarbeiter der Organisation Ärzte ohne Grenzen fanden die Mädchen fast verhungert auf der Straße. Sie brachten sie in die Landeshauptstadt Bujumbura und dort in ein Waisenheim der Fondation Stamm. Das hatte die Deutsche Verena Stamm 1999 gegründet.
Für Rose ist dieses Heim eine Heimat. Deutsche Freiwillige helfen Kindern und Jugendlichen, Schneider zu werden oder Mechaniker, das, was traumatisierte Kinder und ehemalige Kindersoldaten noch werden können, wenn sie neue Kraft zum Leben finden und nicht krank sind.
Rose ist krank. So krank, dass ihr Leben sich dem Ende zuzuneigen schien vor einem Jahr, als die Helfer mit einer Email-Kampagne um Spenden in Deutschland baten. Im März berichtete die FR über Rose und ihre Blutkrankheit. Am 1. April dann, nach zahlreichen Spenden und einer Zusage der Freiburger Klinik für die Behandlung, landete Rose in Frankfurt am Main. Sie kam mit ihrer Freundin Nadine, die sie stützen musste - denn Rose konnte kaum auf eigenen Beinen stehen. Schon wenige Meter gehen strengten sie extrem an.
In Freiburg stand bald fest: Die junge Frau leidet an einer schweren aplastischen Anämie, einer seltenen, genetisch bedingten Krankheit. Ihre Stammzellen im Knochenmark bilden selbst keine roten Blutkörperchen mehr, keine Blutplättchen und keine weißen Blutzellen. Als Rose nach Deutschland gekommen sei, erklären ihre Ärzte Jochen Rößler und Anna Bähr, habe sie quasi kein eigenes Blut mehr in ihrem Körper gehabt. In Burundi schon bekam sie Bluttransfusionen. Doch sie halfen immer nur kurz, bis der nächste Schwächeanfall wieder Blut forderte. Und die Ärzte in Burundi konnten nur vermuten, woran sie litt. Eine genaue Diagnose ließ sich nicht erstellen, von möglichen Medikamenten für die Krankheit ganz zu schweigen.
In Freiburg fand Rose das alles, sogar eine neue "Mama". So nennt Rose die 58-jährige Freiburgerin, die ihren Namen selbst lieber verschweigt. "Ich organisiere nur ein wenig für Rose", sagt sie. "Ein wenig" ist freilich ein wenig untertrieben. Zusammen mit der 22-jährigen Burunderin Nadine trägt sie viel dazu bei, dass Rose ihren Alltag überhaupt bewältigt: regelmäßig den Blutdruck messen lassen, Medikamente einnehmen, Lebensmittel und Kleidung einkaufen, Infusionen über sich ergehen lassen, die Therapie besuchen und, und, und. Fast überallhin wird Rose von Nadine und ihrer "Mama" begleitet. Am liebsten aber geht sie dreimal in der Woche in die Schule.
Vor der Kunsttherapie steht Französisch auf dem Tagesprogramm. Im St.-Ursula-Mädchengymnasium scheint Rose mehr Freundinnen gefunden zu haben, als sie überblicken kann. Als sie die Klasse 9 betritt und die Lehrerin fragt, wo Rose heute sitzen könne, gehen so viele Hände hoch, dass die Entscheidung schwer wird. "Wer ist ganz sicher nicht krank?", hakt Inge Könczöl nach. "Nicht, dass ihr Rose ansteckt." Dann setzt sich die 17-Jährige in die erste Reihe. Eine Klassenfreundin setzt sich zu ihr, schlägt ihr Französischbuch für beide auf. Neben der Tafel, genau vor Rose, hängt ein Holzkreuz. An einer Wand im Klassenraum hängt ein Zettel, auf dem um gebrauchte Schulranzen gebeten wird, für ein Dorf in Rumänien. Auf der Fensterbank klären kopierte Buchseiten darüber auf, wie Markenschuhe in Vietnam hergestellt werden. Die Schule, sagt ihr Leiter Thomas Hummel, habe eine gewisse Tradition. So viel zu der Frage, warum er Rose aufgenommen habe.
Die Schule habe Rose sehr belebt, sagt ihre deutsche "Mama". Richtig aufgeblüht sei sie. Denn obwohl die Behandlung wohl gut verläuft, zermürbt sie die 17-Jährige auch. "Sie ist einfach müde, krank zu sein. Manchmal hat sie keine Lust auf die Untersuchungen. Und sie vermisst ihre Leute aus Bujumbura sehr."
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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