Als Santo Fornasier die Strafforderung verkünden soll, steht er auf und verlässt den Gerichtssaal. Dem Staatsanwalt im Prozess um das Flüchtlingsdrama auf der Cap Anamur geht die Sache zu sehr ans Gemüt. Draußen auf den Fluren im sizilianischen Agrigent soll der Chefankläger in Tränen ausgebrochen sein. Drinnen fordert derweil seine Kollegin vier Jahre Haft und 400 000 Euro Geldstrafe für den früheren Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel und Kapitän Stefan Schmidt. Ihr "Verbrechen": Sie hatten im Juli vor fünf Jahren 37 afrikanische Schiffbrüchige aus dem Mittelmeer gefischt und nach einer Odyssee gegen den Willen Roms auf Sizilien abgesetzt. Der Vorwurf wiegt schwer: Beihilfe zur illegalen Einreise.
Das Drama um die Cap Anamur hatte 2004 die Gemüter erhitzt. Otto Schily, damals Innenminister, bezeichnete die Rettungsaktion als "gefährlichen Präzedenzfall". Genau dieser könnte bei einer Verurteilung von Bierdel und Schmidt geschaffen werden. "Es wäre ein fatales Signal gegen humanitäre Aktionen wie die der Cap Anamur", sagt Wolfgang Thierse (SPD), Vizepräsident des deutschen Bundestags, der Bierdel 2007 den Elser-Preis für Zivilcourage verlieh. "Die italienische Justiz überschreitet da eine Grenze, die ich für hochproblematisch halte." Ex-Kapitän Schmidt baute vor kurzem noch auf den jetzigen CDU-Innenminister: Wolfgang Schäuble habe ihm Unterstützung zugesichert. Auf Nachfrage hält sich das Ministerium bedeckt.
Am Mittwoch wurde die Urteilsverkündung auf Juli verschoben. Doch haben Bierdel und Schmidt womöglich einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Premier Berlusconi will das Flüchtlingsproblem auf seine Weise lösen: Die Italiener fangen die mit Menschen überladenen Nussschalen auf hoher See ab und bringen sie zur Küste Nordafrikas zurück. Illegale Einwanderung ließ Berlusconi zur Straftat erklären. Selbst Staatsanwalt Fornasier lobte die humanitären Verdienste der Cap Anamur. Bierdels Anwalt Axel Nagler hofft denn auch auf "die Unabhängigkeit der Gerichte". Bei einer Verurteilung will er Berufung einlegen.
Cap Anamur selbst sieht mit gemischten Gefühlen auf die Aktion vom Sommer 2004 zurück. Geschäftsführer Bernd Göken weist zwar im FR-Gespräch den Vorwurf einer "inszenierten Rettung" zurück: "Damals sind 37 Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt worden." Trotzdem habe das Spektakel seiner Organisation einen "großen Imageschaden" gebracht. 2005 brachen die Spendeneinnahmen um 40 Prozent ein. Würde er eine solche Aktion heute gutheißen? Angesichts des "massenhaften Ertrinkens" von Flüchtlingen im Mittelmeer, sagt er ausweichend, "ist man als Organisation fast gezwungen, was zu machen". Aber "wegen der knappen Ressourcen" könne Cap Anamur dort nicht aktiv werden.
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten
13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.