Die neue Saison im Atommüll-Tourismus hat begonnen. Der erste Castortransport des Jahres 2011 führt vom ehemaligen Kernforschungszentrum im badischen Karlsruhe quer durch die Republik ins Atom-Zwischenlager Nord nach Lubmin bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. AKW-Gegner machen mit Aktionen an der vermuteten Strecke mobil, die durch Hessen, Thüringen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt führen könnte. Am Dienstag blockierten 35 Greenpeace-Aktivisten kurzzeitig die Bahnstrecke vor der stillgelegten Wiederaufarbeitungsanlage (WAK). Sie forderten, den stark strahlenden Abfall in der WAK zu lassen, bis ein Atom-Endlager gefunden ist. Der Transport soll Donnerstag in Lubmin ankommen.
Bei der Atomfuhre aus fünf Castoren handelt es sich um eine Altlast, die während des Betriebs der Karlsruher Versuchs-Atomfabrik in den 70er, 80er und 90erJahren anfiel. In ihnen befinden sich 140 Edelstahlbehälter mit einem radioaktiven Glasgemisch. Darin sind 60.000 Liter der sogenannten Atomsuppe gebunden, die in der WAK bei der Wiederaufarbeitung von rund 207 Tonnen abgebrannter Kernbrennstoffe entstanden waren.
Die „Suppe“ war eine strahlende Salpetersäure-Mixtur, die unter anderem 16,5 Kilogramm Plutonium sowie Spaltprodukte wie Cäsium, Jod und Strontium enthielt. Sie musste in Tanks über zwei Jahrzehnte ständig gerührt werden, um eine nukleare Kettenreaktion zu verhindern. Diese Gefahr wurde erst durch die Verglasung des Flüssigabfalls gestoppt. Die Entsorgung kostete rund 2,6 Milliarden Euro; der Liter Suppe kam auf 44.000 Euro.
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Die Castorgegner bestreiten die Notwendigkeit, den Atommüll in das 800 Kilometer entfernte Zwischenlager zu karren, das ursprünglich nur für die Abfälle aus dem Rückbau der ostdeutschen Kernkraftwerke in Greifswald und Rheinsberg eingerichtet wurde. Greenpeace argumentiert: Da rund 70 Prozent des WAK-Mülls ursprünglich aus baden-württembergischen AKW stamme, sei es richtig, ihn auch in diesem Bundesland zwischenzulagern, „bis es ein sicheres Endlager gibt“. Die verglasten Abfälle hätten eine Aktivität von 700 Billiarden Becquerel, was dem Mehrhundertfachen des radioaktiven Inventars im Salzstock Asse entspreche.
Das Öko-Institut Darmstadt hingegen verweist darauf, dass am Standort Karlsruhe kein entsprechendes Zwischenlager vorhanden ist. „Die Einrichtung eines solchen Lagers wäre für nur fünf Behälter auch nicht sinnvoll“, sagte Expertin Beate Kallenbach-Herbert der FR. Aus sicherheitstechnischer Sicht sei gegen die Zwischenlagerung in Lubmin nichts einzuwenden. Sie kritisierte aber, dass die Einlagerungsgenehmigung für das dortige Lager erst nachträglich auch für den Karlsruher Müll erweitert wurde. Die zuständigen Behörden und der Betreiber setzten damit das Vertrauen der Bevölkerung aufs Spiel.
Die Expertin hält es für fahrlässig, dass die Verantwortlichen sich beim Start des Wiederaufarbeitungsprogramms in den 60er und70er Jahren „offensichtlich über den Verbleib der hochradioaktiven Abfälle wenig Gedanken gemacht haben“. Deshalb müsse man heute teilweise mit Lösungen leben, „die nicht wirklich optimal sind“.
Die Castor-Strecke führt vom alten WAK-Gelände über Gleise der Stadtbahn durch Vororte bis zum Hauptbahnhof Karlsruhe. Dort wird der Transport auf das Netz der Deutschen Bahn umgesetzt. Um Blockaden zu verhindern, ist das Versammlungsrecht entlang der Stadtbahnstrecke eingeschränkt worden. Landes- und Bundespolizei werden den gesamten Transport nach eigenen Angaben mit rund 7000 Beamten absichern.
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