kalaydo.de Anzeigen

Castortransport nach Lubmin: Der Osten muss die Atomsuppe auslöffeln

Der erste Castortransport des Jahres 2011 führt vom ehemaligen Kernforschungszentrum in Karlsruhe quer durch die Republik ins Atom-Zwischenlager Nord nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. (mit interaktiver Imagemap)

Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace haben sich in Karlsruhe an die Gleise zur ehemaligen Wiederaufbereitungsanlage gekettet.
Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace haben sich in Karlsruhe an die Gleise zur ehemaligen Wiederaufbereitungsanlage gekettet.
Foto: dapd

Die neue Saison im Atommüll-Tourismus hat begonnen. Der erste Castortransport des Jahres 2011 führt vom ehemaligen Kernforschungszentrum im badischen Karlsruhe quer durch die Republik ins Atom-Zwischenlager Nord nach Lubmin bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. AKW-Gegner machen mit Aktionen an der vermuteten Strecke mobil, die durch Hessen, Thüringen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt führen könnte. Am Dienstag blockierten 35 Greenpeace-Aktivisten kurzzeitig die Bahnstrecke vor der stillgelegten Wiederaufarbeitungsanlage (WAK). Sie forderten, den stark strahlenden Abfall in der WAK zu lassen, bis ein Atom-Endlager gefunden ist. Der Transport soll Donnerstag in Lubmin ankommen.

Bei der Atomfuhre aus fünf Castoren handelt es sich um eine Altlast, die während des Betriebs der Karlsruher Versuchs-Atomfabrik in den 70er, 80er und 90erJahren anfiel. In ihnen befinden sich 140 Edelstahlbehälter mit einem radioaktiven Glasgemisch. Darin sind 60.000 Liter der sogenannten Atomsuppe gebunden, die in der WAK bei der Wiederaufarbeitung von rund 207 Tonnen abgebrannter Kernbrennstoffe entstanden waren.

Die „Suppe“ war eine strahlende Salpetersäure-Mixtur, die unter anderem 16,5 Kilogramm Plutonium sowie Spaltprodukte wie Cäsium, Jod und Strontium enthielt. Sie musste in Tanks über zwei Jahrzehnte ständig gerührt werden, um eine nukleare Kettenreaktion zu verhindern. Diese Gefahr wurde erst durch die Verglasung des Flüssigabfalls gestoppt. Die Entsorgung kostete rund 2,6 Milliarden Euro; der Liter Suppe kam auf 44.000 Euro.

Die Geschichte in einem Bild - erkunden sie das Foto mit der Maus, klicken Sie auf die dabei hervorgehobenen Bereiche für weitere Informationen:

Castor-Transport zum Zwischenlager Nord Aktivisten ketten sich an die Schienen Greenpeace stellt Container auf die Gleise Polizei nimmt Atomkraftgegner in Gewahrsam
Imagemap: Patrick Beuth

Die Castorgegner bestreiten die Notwendigkeit, den Atommüll in das 800 Kilometer entfernte Zwischenlager zu karren, das ursprünglich nur für die Abfälle aus dem Rückbau der ostdeutschen Kernkraftwerke in Greifswald und Rheinsberg eingerichtet wurde. Greenpeace argumentiert: Da rund 70 Prozent des WAK-Mülls ursprünglich aus baden-württembergischen AKW stamme, sei es richtig, ihn auch in diesem Bundesland zwischenzulagern, „bis es ein sicheres Endlager gibt“. Die verglasten Abfälle hätten eine Aktivität von 700 Billiarden Becquerel, was dem Mehrhundertfachen des radioaktiven Inventars im Salzstock Asse entspreche.

Das Öko-Institut Darmstadt hingegen verweist darauf, dass am Standort Karlsruhe kein entsprechendes Zwischenlager vorhanden ist. „Die Einrichtung eines solchen Lagers wäre für nur fünf Behälter auch nicht sinnvoll“, sagte Expertin Beate Kallenbach-Herbert der FR. Aus sicherheitstechnischer Sicht sei gegen die Zwischenlagerung in Lubmin nichts einzuwenden. Sie kritisierte aber, dass die Einlagerungsgenehmigung für das dortige Lager erst nachträglich auch für den Karlsruher Müll erweitert wurde. Die zuständigen Behörden und der Betreiber setzten damit das Vertrauen der Bevölkerung aufs Spiel.

Die Expertin hält es für fahrlässig, dass die Verantwortlichen sich beim Start des Wiederaufarbeitungsprogramms in den 60er und70er Jahren „offensichtlich über den Verbleib der hochradioaktiven Abfälle wenig Gedanken gemacht haben“. Deshalb müsse man heute teilweise mit Lösungen leben, „die nicht wirklich optimal sind“.

Die Castor-Strecke führt vom alten WAK-Gelände über Gleise der Stadtbahn durch Vororte bis zum Hauptbahnhof Karlsruhe. Dort wird der Transport auf das Netz der Deutschen Bahn umgesetzt. Um Blockaden zu verhindern, ist das Versammlungsrecht entlang der Stadtbahnstrecke eingeschränkt worden. Landes- und Bundespolizei werden den gesamten Transport nach eigenen Angaben mit rund 7000 Beamten absichern.

Autor:  Joachim Wille
Datum:  15 | 2 | 2011
Kommentare:  15
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!