Der Name Steinbach fiel nicht, aber die Rauchschwaden der leicht entflammbaren Personalie zogen spürbar durch das Auditorium des Grimm-Zentrums der Berliner Humboldt-Universität. Dabei hatte eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Münchener Historiker Martin Schulze Wessel nur ein Konzept für eine Ausstellung der umstrittenen Vertriebenen-Stiftung vorstellen wollen. Rückendeckung hatten sie sich dabei sowohl von der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission sowie von der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission geholt. Einen politischen Auftrag hatte das ungewöhnliche Bündnis für sein ambitioniertes Vorhaben nicht. Vor dem Hintergrund der neuen Kabale um die Stiftung und deren Gesetzesauftrag, an die Vertreibungen vor, während und nach dem 2. Weltkrieg im Geist der Versöhnung zu erinnern, geht von der freien Initiative nun aber ohne Zweifel ein enormer gestalterischer Druck aus.
Das liegt nicht zuletzt am verstörenden Entstehungsprozess der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Zwei Jahre nach Verabschiedung des Stiftungsgesetzes liegt noch immer kein Entwurf dafür vor, wie eine Ausstellung im dafür vorgesehenen Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof aussehen soll. Manfred Kittel, als Gründungsdirektor für die konzeptionelle Ausrichtung der Stiftung verantwortlich, hatte sich wiederholt defensiv zum Entwicklungsstand geäußert und darauf verwiesen, dass die Baumaßnahmen im Deutschlandhaus ebenfalls noch einige Zeit beanspruchen.
Die politische Kontroverse um zwei Stellvertreter des Bundes der Vertriebenen (BdV) und der vorläufige Rückzug des Zentralrats der Juden aus dem Stiftungsrat dürften die inhaltlichen Überlegungen nicht gerade beflügelt haben. Immerhin wagt sich die Stiftung in der nächsten Woche mit einer Konferenz über ethnische Säuberungen im Deutschen Historischen Museum (DHM) erstmals auch mit einer inhaltlichen Äußerung aus der Deckung.
Was als stolzer programmatischer Auftakt geplant war, könnte nun den faden Beigeschmack einer unzulässigen Verspätung erhalten. Mit einem beachtlichen Vorschlag sind jedenfalls die Wissenschaftler um Martin Schulze Wessel vorgeprescht, weil sie nicht länger auf Konzepte warten wollten. Sie planen nun selbst eine Ausstellung, die gezielt die europäische Dimension der Gewaltpolitiken ins Auge fasst, die mit dem 2. Weltkrieg forciert wurden. An den Beispielen von Breslau (Wroclaw), Aussig (Usti) und Wilna (Vilnius) wollen sie zeigen, wie unterschiedlich sich die jeweiligen Vertreibungs- und Umsiedlungsprozesse vollzogen. Die Komplexität der Vertreibungsbewegungen müsse deutlich gemacht werden, so Schulze Wessel, ohne dabei die Besonderheit der nationalsozialistischen, mit Vernichtungswillen gepaarten Politik zu relativieren.
Wiederholt war von Historikern auf die Gefahr hingewiesen worden, dass eine Gesamtschau auf ethnische Säuberungen in Europa, wie sie der BdV in der Ausstellung „Erzwungene Wege“ versucht hatte, die deutsche Rolle in den Gewaltpolitiken des 20. Jahrhunderts nivelliere.
Kritisches Lob für das Konzept kam vom polnischen Historiker und Publizisten Adam Krzeminski. Es handele sich bei dem Entwurf um eine geschichtsphilosophisch durchdachte und kohärente Darstellung, die unter Beweis stelle, dass ein Dialog im Geist der Versöhnung möglich sei. Der Berliner Historiker Michael Wildt, ebenfalls zu einem Kommentar eingeladen, erinnerte an einen Aufruf von 2003, in dem unter anderem die damaligen Staatspräsidenten Aleksander Kwasniewski und Johannes Rau die Idee eines europäischen Zentrums in den Raum gestellt hatten. Für Wildt bietet das nun vorgestellte Konzept die Chance, sich von den nationalstaatlichen Verengungen zu entfernen, die man angesichts des politischen Dilemmas der Bundes-Stiftung unterstellen muss.
Für Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), der sich seit Jahren für die politische Umsetzung eines sogenannten „sichtbaren Zeichens“ aus dem schwarz-roten Koalitionsvertrag einsetzt, beginnt nun ein weiteres Kapitel Krisendiplomatie, um die fragile Stiftung vor weiteren Entgleisungen und Baupannen zu schützen.
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