Heimspiel. Allein sein Name auf dem Verlagsplakat reicht und in Berlins größter Buchhandlung werden die Stühle knapp. Cem Özdemir stellt sein neues "Ich erkläre Euch die Türkei"-Buch vor. Mitzwanzigerinnen lauschen unter zustimmendem Kopfnicken, ergraute Endfünfziger stehen Schlange für ein Autogramm.
Ein Multi-Kulti-Flüsterer lädt zum Anfassen: kompetent, witzig, in einer XXL-Hülle von Wohlerzogeneinheit. Keine Frage: Der Mann kann's. So eingängig wie er übersetzt den Deutschen sonst keiner, wie "ihre" Türken ticken. Und so exemplarisch wie er lebt kaum einer vor, dass man als Gastarbeitersohn inmitten von "Biodeutschen" durchaus was werden kann: Erzieher, Sozialpädagoge, erster Bundestagsabgeordneter mit Migrationshintergrund, abstürzender Politstar, geläuterter Europaabgeordneter - und ab Samstag auch das: Deutschlands erster Parteivorsitzender türkischer Abstammung.
Reinhard Bütikofer tritt nach sechs Jahren als Parteichef ab. Der 55-Jährige ist der am längsten amtierende Boss, den die Grünen je hatten. Er war Verlegenheitskandidat, als er 2002 den Chefposten übernahm: zu behäbig, zu wenig telegen, zu kopflastig. Er wurde jedoch zum perfekten Regisseur und Strategen, der die Grünen durch rot-grüne Koalitionskrisen und Oppositionswirren dirigierte. Den aufreibenden Job mag er nun nicht mehr: Er will 2009 ins Europaparlament wechseln.
Claudia Roth dürfte auch nach Samstag die neue und alte Grünen-Chefin heißen. "Seele der Partei" nennen einige die 53-jährige Fränkin, in ironischer Anspielung auf deren emotionale Auftritte. 2004 war die eher links Verankerte in das Führungstandem mit Realo Bütikofer eingestiegen. Die Kommunikatorin kann auch den linken Flügel regierungskompatibel einbinden. Die Zuwanderungs-, Türkei- und Innenexpertin besetzt aber ähnliche Themenfelder wie Kompagnon in spe Özdemir.
"Yes we Cem"
Ein kleiner Internetfanclub schwelgt darüber seit Wochen in Präsidentschafts-Analogien: "Yes we Cem." Cem Özdemir selbst kann nichts dafür, wenn einige ihn da zum grünen Bonsai-Obama machen. Aber schmeicheln tut der Vergleich schon - nicht nur ihm, sondern auch seiner Partei. Wo findet man das sonst in der Politik? Ein Vorsitzender als personifiziertes multikulturelles Programm, ein Parteichef, der sich zu Hause in Kreuzberg mit kurdischen Fundis und türkischen Nationalisten anlegt. Einer, der mit Moscheevereinen auf Augenhöhe spricht, während das Töchterchen deutsch-spanisch dazwischen plappert. Ein Politiker, jung, alert, charmant, Talkshow-gewandt, so einer ist ein Pfund. Wenn sie könnte, würde sich selbst Angela Merkel gerne einen Özdemir backen, zumindest für ihre hinteren Reihen "Der Cem", das räumen grüne Spitzenleute nicht ganz neidlos ein, macht allseits "bella figura" und "füllt Säle".
Seit Mitte Oktober ist da aber auch das Bild von einem sich leerenden Saal. Da verlässt ein tief gekränkter Cem Özdemir den Raum, in dem ihn die baden-württemberger Grünen gerade als Anwärter für den Bundestag abgewatscht haben. Zwei Tage und reichlich grüne Seelenmassage braucht der Düpierte, bis er wieder auf der politischen Bühne auftaucht.
Der unsanfte Fall hat für einen Moment jedoch auch das Bild vom jäh abstürzenden Abgeordneten aus dem Jahr 2002 wiederbelebt. Es zeigt einen talentierten grünen Jungstar, der sich durch einen anrüchigen Kredit und privat verflogene Bonus-Meilen selbst aus der politischen Umlaufbahn katapultiert hat.
2005 kehrte Özdemir nach drei Jahren selbstauferlegter Schamfrist als Europaabgeordneter in die grüne Familie zurück. Ernsthafter, reifer, auch etwas bescheidener und vorsichtiger. Doch etwas vom jungen, sich selbst bespiegelnden Özdemir, der beim Aufstieg in Polithöhen die Bodenhaftung verlor und es mit der Kärrner-Arbeit nicht so hatte, ist bis heute an ihm hängen geblieben.
Als Özdemir im Frühjahr von seinen Realo-Freunden zur Kandidatur für den Chefposten bekniet wurde, zischelte es vom linken Parteirand: "Der kann's einfach nicht." Noch heute werden einige auffallend schmallippig, wenn sie die Qualitäten eines Parteichefs Özdemir beschreiben sollen. Bei dieser Reserviertheit ist viel Konkurrenz im Spiel, auch altes linkes Flügelschlagen gegen den Mann aus dem Realo-Lager. Doch selbst Özdemir Wohlgesonnene setzen Fragezeichen. Aushängeschild sein, im Wahlkampf Leute "ziehen"? Yes, Cem can. Aber den grünen Hühnerhaufen zusammen halten? Ihm eine strategische Richtung geben, wenn es im Wahljahr drauf an kommt? Das trauen viele ihm so wenig zu wie seiner künftigen Mitchefin Claudia Roth.
Fremdelnd und wenig trittsicher
Bisher zumindest bewegt sich der Kandidat auch irritierend fremdelnd und wenig trittsicher durchs grüne Gelände. Ausgerechnet beim hauseigenen Wahlkampfthema Nummer eins, der Energiepolitik , ist er mit Milde gegenüber neuen Kohlekraftwerken ins Fettnäpfchen gelatscht. Er sei doch nur missverstanden worden, ruderte Özdemir flugs zurück.
Aber das genau ist das Problem: Man hört ihm gern zu - und weiß am Ende nicht recht, was er gemeint hat in all dem wohligen Sowohl-als-auch. Zum Afghanistan-Einsatz? Zum Profil seiner Partei? Oder zur künftigen Leerstelle im grünen Hauptquartier, zur den Wahlkampf bestimmenden Finanz- und Wirtschaftspolitik?
Die Grünen werden ihn am morgigen Samstag trotz und gerade wegen dieser streitummäntelnden Wolkigkeit zu ihrem Parteichef küren. Mit satter Mehrheit und starkem Applaus - nicht, weil da ohnehin kein anderer ist. Sondern weil sie auch schätzen, was sie an einem Cem Özdemir haben.
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