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Politik
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22. Februar 2009

Cem Özdemir über Antisemitismus: "Staat darf sich nicht wegducken"

Der Protest gegen israelische Politik und die Solidarisierung mit den Palästinensern paaren sich bei manchen muslimischen Einwanderern mit judenfeindlichen Vorurteilen.  Foto: rtr

Grünen-Chef Cem Özdemir spricht im FR-Interview über Antisemitismus in der türkischen Community, die Identitätssuche von Jugendlichen und den Konflikt im Nahen Osten.

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Antisemitismus

Antisemitismus unter Migranten untersucht jetzt eine Broschüre der Berliner Amadeu Antonio Stiftung. Der knapp 100-seitige Text mit dem Titel "Die Juden sind schuld" wird in Berlin-Kreuzberg öffentlich vorgestellt. Er will unter anderem praktische Handreichung für Pädagogen, Gedenkstättenmitarbeiter sowie Nachbarn im Umgang mit antisemitischen Provokationen liefern.

Judenfeindliche Vorfälle sind Alltag: Schüler aus Migrantenfamilien boykottieren den Auschwitz-Besuch. Muslimische Jugendliche pöbeln Studenten mit Kipa an. Im Internet kursieren Rapsongs "Tötet jedes Judenschwein". An Kreuzberger Schulwänden prangen anti-jüdische und anti-israelische Schmierereien.

Muslimische Schüler tendieren überdurchschnittlich stark zu antisemitischen Vorurteilen. Das bilanzierte 2007 eine Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums. Von 500 Befragten jungen, in Deutschland aufgewachsenen Muslimen stimmten 15,7 Prozent dem Satz zu "Menschen jüdischen Glaubens sind überheblich und geldgierig". Die Zustimmung zu diesem Vorurteil war damit doppelt so hoch wie bei anderen Einwandererjugendlichen und fast dreimal so hoch wie in der originär deutschen Altersgruppe.

Die Kriminalstatistik für 2006, während der Eskalation des Libanonkonflikts, registriert 88 judenfeindliche Straftaten mit muslimischen Tatverdächtigen: doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Im Oktober 2000 verübten Jugendliche marokkanischer und palästinensischer Herkunft einen Brandanschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge. In Schulen mit hohem Migrantenanteil kursiert das Wort Jude als Schimpfwort. vgo

Herr Özdemir, wie ausgeprägt sind antisemitische Tendenzen in der muslimischen Einwanderergesellschaft ?

Wir müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass es antisemitische Denkweisen nicht nur am rechten Rand oder bei linken sogenannten Anti-Imperialisten gibt, sondern auch in der muslimischen Community - insbesondere bei männlichen arabischen, türkischen und kurdischen Jugendlichen.

Cem Özdemir, Sohn türkischer Einwanderer, führt seit November - mit Claudia Roth - die Grünen.
Cem Özdemir, Sohn türkischer Einwanderer, führt seit November - mit Claudia Roth - die Grünen.
 Foto: dpa

Sind diese antisemitischen Einstellungen Randerscheinung oder ein wachsender Trend?

Es gibt darüber leider keine empirischen Erkenntnisse, die uns wiederum helfen könnten, Gegenstrategien zu ergreifen. Aber wir müssen das Problem ernst nehmen. Insbesondere die Multiplikatoren der Einwanderer-Communitys dürfen zum Antisemitismus in den eigenen Reihen nicht schweigen. Die Vertreter der muslimischen Verbände müssen klare Kante zeigen und betonen: Wer sich gegen Juden stellt und wer sich gegen das Existenzrecht Israels stellt, der kann nicht Bündnis- oder Gesprächspartner sein. Es gab Anfang der 90er Jahre eine funktionierende Koalition zwischen beiden, als der damalige Zentralratsvorsitzende der jüdischen Gemeinde, Ignatz Bubis, seine Erschütterung über die rechtsradikalen Anschläge auf türkische Familien bekundete. Aber diese Koalition hat stark gelitten und wir müssen versuchen, sie wieder zusammenzuführen.

Warum identifizieren sich auch türkischstämmige Jugendliche mit den Palästinensern?

Diese Jugendlichen sind vielfach auf Identitätssuche, sie empfinden sich in dieser Gesellschaft als marginalisiert und zeigen eine Überidentifikation mit dem Konflikt im Nahen Osten. Ein Motiv ist sicher die gemeinsame Religion, in der sich viele hier - zu Recht oder zu Unrecht - ausgegrenzt fühlen. Und leider gibt es nicht nur in der Türkei, sondern auch hierzulande viele Einwanderer, die versucht sind, den Nahost-Konflikt eins zu eins auf Deutschland zu übertragen und sich als Vertreter der palästinensischen Seite zu betrachten. Da spielen auch einige türkische und arabische Medien eine unrühmliche Rolle, die eine sehr verzerrte und stereotype Sicht auf Israel und die Juden in die Wohnzimmer nach Deutschland tragen.

Aber wie sollen Lehrer angemessen reagieren, wenn muslimische Schüler den Besuch in einem Konzentrationslager verweigern oder antijüdische Sprüche klopfen?


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Das Falscheste wäre sicher, das Thema aus Angst gar nicht erst anzupacken. Man muss das Problem offen thematisieren, ohne zu stigmatisieren. Der Staat oder die Lehrerschaft dürfen sich jedenfalls bei diesem schwierigen Thema nicht wegducken. Wenn im Elternhaus eindeutig antisemitische Haltungen vertreten werden, dann müssen pädagogische Einrichtungen auch einen Konflikt riskieren und klarmachen: Diese Werte lassen sich nicht vereinbaren mit unseren Grundüberzeugungen - und übrigens auch nicht mit der Tradition des Islam. Der Antisemitismus ist ja keine islamische Erfindung, sondern ein relativ modernes Phänomen im Islam, der viel zu tun hat mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt und dessen politischer Instrumentalisierung durch radikale Organisationen.

Interview: Vera Gaserow

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